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250 Novellen⸗ZJeitung.
entgegen, der, wie ich nachher erfuhr, einem Jungen auf der Straße entflohen war und ſeinen Weg durch das Fenſter des Freundes genommen hatte. Da hatte dieſer den Einfall, meinen Enthuſiasmus, der noch an die Knabenzeit erinnerte, durch das Spielwerk der Knaben zu perſifliren, und er ſcheute nicht die Zeit und Mühe, dieſes auf die obige Weiſe auszuführen.
So war Jakob Grimm! Bei allem ernſten, wiſſenſchaftlichen Streben bewahrte er ſich ein heite⸗ res, kindliches Gemüth und erhielt ſich ſolches auch in ſpäteren Jahren. So wie er ſeine ernſten Arbei⸗ ten verließ und in den Kreis der Familie oder der Freunde trat, war er der heiterſte, frohſte Menſch, voll Laune, Witz und Scherz. Selbſt die Geliebteſten der Seinigen mußten oft ſeinen Witz fühlen, mit dem er ihre Schwächen traf. Er zog ſie dann gern auf, doch in launiger Weiſe, ohne ſie je zu kränken. Alle kannten nur zu gut den Kern in ſeinem Innern und ſein liebevolles Herz. Er hatte gern Kinder um ſich und konnte ſich über ihre kindliche Natur und launi⸗ gen Einfälle herzlich freuen; auch kleine Schelmſtücke ſelber amüſirten ihn, und er gab ihnen wohl ſcher⸗ zend ſolche heimlich an und flüſterte ihnen luſtige Einfälle ins Ohr. Wenn ſie dann dieſe hübſch naiv anbrachten, wollte er ſich krank lachen. Die Großen ſchienen erzürnt und ſprachen von Ungezogenheiten, mußten aber doch gar bald mitlachen.
Literariſche Briefe von Otto Banck.
Die Regentſchaft. Von J. Michelet. Ber⸗ lin, Verlag von Schlingmann. 1864.
Es iſt weder ein Roman, noch ein rein ſachliches Geſchichtsbuch, noch eine reine Kritik der Hiſtorie, was Sie in dieſem Werke vor ſich haben; es iſt, in ſeinen Elementen wenigſtens, alles dies zugleich, werth⸗ voller und feſſelnder als ein Roman, weil wir nur die Wirklichkeit empfangen; lebendiger als ein Be⸗ richt der Facta, weil in die Tiefen der Beweggründe hineingeleuchtet wird, und ganz entfernt von der ge⸗ wöhnlichen Trockenheit vergleichender oder analyſiren⸗ der Forſchungen. Dieſe Edition wird ein großes Publi⸗ cum haben. Der Autor erlahmt nie in der Friſche, er bewegt ſich immer darſtellend, und es iſt natürlich und liegt in den Thatſachen, daß der ungeheure Stoff des Merkwürdigen, Nieerhörten ihm unter der Feder wächſt. Es gab keine Zeit, die ſo ſehr das Ge⸗ heimniß lang aufgeſpeicherter Zuſtände, unnatür⸗ licher Verhältniſſe und verborgener Sünden auf⸗
deckte, als die unter Orleans während Ludwig's XV. Minderjährigkeit. Der Verfaſſer hat Recht, wenn er ſagt, dieſe acht Jahre hätten ein ganzes Jahrhundert umfaßt, wenigſtens in ihrem engen Zeitraum con⸗ centrirt.
Es hat in der franzöſiſchen Literatur nie an red⸗ ſeligen und zum Theil auch begabten Federn gefehlt, welche die Details dieſer verhängnißvoll abenteuer⸗ lichen Epoche hoöchſter fieberhafter Bewegung und Staats⸗ und Völkerkrämpfe zum Theil noch als Augen⸗ zeugen niederſchrieben. Die Bibliothek der franzöſi⸗ ſchen Memoirenwelt iſt keineswegs eine geringe, noch weniger eine intereſſeloſe. Was ihr indeß beſonders beim großen Leſerkreis Eingang verſchafft hat, be⸗ ſteht, man kann ſich's nicht verhehlen, ſehr vorwal⸗ tend auch in ihren üblen Eigenſchaften, vorzüglich in der nämlich, daß ſie, mit dem Lauſchertalent des oeil de boeuf begabt, es ſehr geliebt hat, eine chronique scandaleuse zu verbreiten.— Der Geſchmack für ſolche Lectüren iſt bei Hoch und Niedrig verbreitet genug, Nutzen iſt aber noch niemals damit geſtiftet worden, im Gegentheil verlor manches reine unbe⸗ fangene Gemüth durch ſolche Enthüllungen an ſitt⸗ lichem Halt und zartem Schamgefühl. Anders wirkt dergleichen, wenn damit die moraliſche Idee, die Ver⸗ irrungen der Zeit kennen zu lernen, als leitendes Grundprincip verbunden iſt.
Michelet ſucht über die Wirren der Geſchichte aufzuklären und bekundet, daß er ſehr zahlreiche noch ungedruckte Quellen neben den bereits bekannten ein⸗ ſichtsvoll benutzt hat. Sein Styl iſt nicht ſchön, aber kurz und bündig, ſeine Betrachtung nie langweilig, nie trocken, er zeigt einen Weitblick europäiſcher Na⸗ tur, der über die Grenzen des kranken Frankreich hinausgeht. Vieles war vor ihm noch nie geſagt oder in einer ganz falſchen Beleuchtung angeſchaut. Auch die Färbung, die ſeine Skizze Ludwig's XV. als Kind hat, iſt nicht die alte, oft geſehene. Laſſen wir den Autor reden und wir werden auffallende Portraitzüge finden, ſo pſychologiſch als im Uebrigen intereſſant.
Ludwig, ſagt Michelet, dachte im fünfzehnten Jahre noch nicht ans Heirathen. Derartige Andeu⸗ tungen nahm er ſehr übel auf. Wenn man mit ihm darüber ſprach, wenn man ihm ſagte, daß er ein Frauchen erhalten ſolle, ſo fing er an zu weinen, da er nicht wußte, was das zu bedeuten habe, aber er fürchtete geſtort zu werden, fürchtete, daß er werde ſprechen müſſen, oder daß eine ſolche Genoſſin in ſeinen kindlichen Haushalt eingreifen möchte.
Er war nicht von heiterer Anlage und liebte Niemand. War er gezwungen geveſen zu figuriren, ſo beſtand ſein höchſtes Glück darin, ſich Abends ein⸗
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