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und moraliſche herbeigezogen, die Schulen verbeſſert und vermehrt, und Lord Edward wohnte oft ſelbſt dem Unterricht bei, ermunterte Lehrer und Schüler durch Wort und That. Die erfreulichſten Reſultate traten bald hervor, überall, wo früher Vernachläſſi⸗ gung, Theilnahmloſigkeit gegen geiſtige Thätigkeit geherrſcht, trat jetzt Sittlichkeit, Ordnung und Lern⸗ begier.
In ſolchen nutzbringenden Beſchäftigungen waren einige Jahre entſchwunden, ohne daß Edward daran zu denken ſchien, den ſehnlichen Wunſch ſeines dahin⸗ gegangenen Vaters in der Wahl ſeiner künftigen Le⸗ bensgefährtin zu erfüllen. Seine Mutter, die einen ſtolzen, herrſchſüchtigen Charafter beſaß, war mit dem Benehmen des Sohnes nicht zufrieden, ſie hatte ſicher gehofft, ihren Sohn, der ihr vor ſeiner länge⸗ ren Entfernung vom elterlichen Hauſe ſehr fügſam erſchienen, nach ihren Anſichten und Plänen zu leiten, ſie war auch hauptſächlich diejenige geweſen, die ihren Gatten noch auf dem Skerbelager vermacht hatte, den Wunſch wegen der zukünftigen Gemahlin ſeines Soh⸗ nes ihm ſelbſt zu äußern, und zwar in der Form eines letzten väterlichen Befehls.
Die Familien Elgin und Richton, die ſchon ſeit mehreren Generationen mit einander befreundet ge⸗ weſen, aber merkwürdigerweiſe nie durch Heirath ver⸗ ſchwägert worden waren, ſollten nun durch dieſes neue
Band auf’s Innigſte vereinigt werden. Dies war
der längſt gehegte und beſprochene Plan der beiden Mütter, und da die Lady Elgin einen ſanften und fügſamen Charakter beſaß, ſo wurde es der Lady Richton nicht ſchwer einen großen Einfluß auf die Erziehung der jungen Ellen, die beſtimmte Frau ihres Erſtgeborenen, zu gewinnen. Ellen, ein liebes, gutes Kind, wurde nach engliſcher Sitte ſehr abgeſchloſſen erzogen, ſie war ihrer Mutter geiſtig ſehr ähnlich. Ihr fügſamer Sinn fand es auch in der Ordnung, daß die Eltern für ſie den künftigen Gemahl be⸗ ſtimmten, und da ſie ſchon früh gehört, daß der junge Edward Richton der Auserwählte ſei, ſo war es na⸗ türlich, daß ſie ihn mit mehr Aufmerkſamkeit als andere Männer betrachtete. Sein ſchönes Aeußere, der männliche Ernſt, die feſte Beſtimmtheit, die ſeinem Weſen eigen war, die umfangxreichen Kenntniſſe ſeines Geiſtes waren ganz dazu geſchaffen ihn zum Gegenſtande allgemeiner Anziehung zu machen; wie hätte da nicht ein junges Mädchenherz bei dem Ge⸗ danken, ihn künftig ihr Eigen zu nennen, höher ſchlagen ſollen!
Als der junge Richton vom Auslande heimkehrte und der Erbe ſeines Vaters wurde, hatte Ellen kaum ihr funfzehntes Jahr erreicht, dabei war ſie in ihrem Er⸗
Novellen⸗Zeitung.
ſcheinen und Benehmen noch ganz Kind; ſo war es be⸗ greiflich, daß Edward bei den vielen Geſchäften und Pflichten, die ihm oblagen, die ſeinen Geiſt, ſeine Seele ſo ganz einnahmen, die ihm vom Vater beſtimmte Braut V ſo gut wie gar nicht beachtete. So waren drei Jahre vergangen, ohne daß er ernſtlich daran dachte dem Wunſche ſeiner Eltern nachzukommen; ſeine Mutter hatte freilich von Zeit zu Zeit nicht unterlaſſen, ihn daran zu erinnern, doch war dies bisher ſeinerſeits nie in ernſtliche Erwägung gezogen worden. In einiger Zeit ſollte nun der Geburtstag Ellen's, an dem ſie ihr acht⸗ zehntes Jahr erreichte, feſtlich begangen werden, und die Lady Richton hielt dieſen Augenblick für den geeignetſten, ihren Sohn zu bewegen, ihre und ihres verſtorbenen Mannes Wünſche endlich durch ſeinen beſtimmten An⸗ trag um Ellen’s Hand eine Wahrheit werden zu laſſen.
Der junge Lord, unangenehm durch dieſes Drän⸗ gen berührt, erklärte ſeiner Mutter beſtimmt, daß er, ehe er ſich bände, das junge Mädchen genau kennen lernen wolle, entſpräche ſie den Anforderungen, die er an ſeine zukünftige Gattin ſtelle, ſo würde er ihren Bitten nachkommen, doch früher könnte er ſich zu nichts verpflichten. Obgleich der Mutter Zorn über dieſe Erwiderung groß war, ſo hielt ſie es bei der ruhigen feſten Haltung des Sohnes gerathener, den⸗ ſelben nicht zum Ausbruch kommen zu laſſen, be⸗ herrſchte daher ihre Gefühle, behauptete äußerlich ein ruhiges Benehmen, beſchloß aber im Geheimen Alles aufzubieten, um ihren Plan durchzuſetzen. Von die⸗ ſem Augenblick benutzte ſie jede Gelegenheit, um den Sohn mit der Familie Elgin zuſammen zu bringen. Früher, wenn die Mutter Geſellſchaft bei ſich ſah, hatte ſich Edward oft derſelben mit der Entſchuldigung ſeiner vielen Geſchäfte entzogen, jetzt nahm die alte Dame ſolche gur nicht an, auch der Sohn, derg ſeinem Verſprechen gemäß die ihm zugedachte Bren genau kennen lernen wollte, ſuchte ſeine Zeit ſo ein⸗ zutheilen, daß er der Geſellſchaft möglichſt beiwohnte. Er that dies ganz arglos, denn daß ſeine Mutter ihre beſonderen Pläne dabei verfolgte, fiel ſeinem graden, V
wahrheitsliebendeft Charakter durchaus nicht ein; um ſo weniger konnte er ahnen, daß dieſelbe Alles anwandte, um die Familie Elgin glauben zu machen, daß die jetzt erwieſenen doppelten Freundſchaftsbe⸗ zeigungen nur auf die Veranlaſſung ihres Sohnes geſchähen. Die natürliche Folge war, daß die Eltern Ellen's und dieſe ſelbſt beſtimmt glaubten, daß ſie
Edward bald als Sohn und Verlobten begrüßen könnten;
dieſer war zwar in ſeinem Benehmen immer gleich V artig, immer gleich gemeſſen, doch ſchien dies nicht ungünſtig von ihnen gedeutet zu werden. 1
Während ſie ſich mit! dlch Hoffnungen trugen/ib⸗
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