Jahrgang 
01-25 (1864)
Seite
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genommen, dieſes auf ein Tiſchchen, neben dem einen der Seſſel ſtehend, gelegt, ſchien ſie befriedigt; ſich darauf dem jungen Mädchen leiſe nähernd, blieb ſie einen Augenblick in wehmüthiger Anſchauung des reizenden, aber ſo tief in Gram verſunkenen Weſens ſtehen und trocknete ſich ſelbſt eine Thräne, die ihrem treuen Auge entfallen. Und als wenn ſie plötzlich einen feſten Entſchluß gefaßt, ergriff ſie die herab⸗ hängende Hand der noch immer unbeweglich daſte⸗ henden Geſtalt und ſagte mit bewegter Stimme: Mein liebes, theures Fräulein, kommen Sie zum Kamin, Ihre Hand zeigt, daß Sie dringend der Wärme bedürfen; bitte, kommen Sie, ich will den Thee be⸗ reiten, er wird Ihnen gut thun.

Das junge Mädchen, welches bei der erſten Be⸗ rührung, bei'm erſten Worte der guten alten Dienerin wie erſchreckt geweſen, hatte nun langſam ihren Kopf gewandt. Das feine, regelmäßige Geſicht zeigte nur zu deutlich die Spuren des tiefen Grams. Nachdem ſie die Worte der Frau ſtarr angehört, ſagte ſie ſanft, aber dringend:Laß mich, gute Brigitte, nur noch zu mei⸗ nem Vater gehen.

Beſtes Fräulein, dies dürfen Sie nicht, rief erſchreckt die Alte und fügte ſchnell hinzu:Beden⸗ ken Sie das rauhe, kalte Wetter, auch fängt es ſchon an zu dunkeln, und der Weg nach dem Kirchhofe iſt naß und feucht.

Schnell richtete ſich das junge Mädchen empor, trat aus der Niſche hervor, und als wenn ſie allen und jeden Einwand verhindern wollte, ſagte ſie ent⸗ ſchloſſen:Laß mich gehen, ich muß noch einmal die⸗ ſen Abend an ſeinem Sarge beten, ich werde dann ruhiger werden, auch komme ich bald zurück, und als wenn ſie die Alte tröſten wollte, fügte ſie ſanft hin zu:Bereite während deſſen den Thee, damit ich mich dann erwärmen kann.

Die gute Frau wagte jetzt nichts mehr zu ſagen, ſie ging und holte den Hut und einen großen wärmenden Shawl, hüllte ihren Liebling hinein und öffnete die Thür. Das junge Mädchen eilte mit ſchnellen Schrit⸗ ten an der Dienerin vorbei, und bald ſah man ſie dem Ausgaffge des Gartens zu gehen. An dieſen ſtieß unmittelbar die Chauſſee, die nach dem nahgelegenen Dorfe führte. Ihre Schritte beflügelnd erreichte ſie bald den Eingang deſſelben und bog in eine kurze, aber mit ſchönen alten Linden beſetzte Allee. Am Ende befand ſich ein eiſernes Gitterthor, durch dieſes ſah man ſchon von Weitem die kleine, hübſche Dorf⸗ kirche, die in der Mitte des Kirchhofes, umgeben von hohen Bäumen, lag. Die grünen Grabhügel mit ein⸗ fach hölzernen, aber auch mit ſchönen ſteinernen

Novellen⸗Zeitung.

Kreuzen verſehen, erhoben ſich um dieſelbe, überall)

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ſah man, daß ſorgende, liebende Hände beſchäftigt

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konnte ſie

geweſen, dieſen Aufenthalt des Friedens zu verſchö⸗ den pern nern und auch ſo noch den theuren Dahingegangenen ſeehen. Liebe und Ehre zu erweiſen. Viele friſche Kränze Der gaben den Beweis, daß die Sorge der irbebeiden Kleides für ihre Todten nicht erſterben wollte. Blätter d Seitwärts der Kirche erhob ſich ein Gewölbe in er ii einfach edler Bauart, alles Auffallende war fern ge⸗ Pat, ſ halten, nur ein Bibelſpruch war über dem Eingange grüßte, angebracht. Vor demſelben ſtand auf einem ſehr gut5r gehaltenen Raſenplatze eine ſelten ſchöne Trauereſche, ſem unf die ihre langen Zweige melancholiſch nieder zur Erde nit eine neigte. Eine ſchwere eichene Thür, hinter welcherLat ich ſich noch ein eiſernes Gitter befand, führte in das Ort hei Innere des Gewölbes, welches in einem hallenartigen auch keit Raum beſtand, dem alle Schrecken des Todes, aber nahm ie nichts von ſeiner Beſtimmung der Ruhe und des DI Friedens genommen war. An der einen Seitenwand kleiſer und ſtanden nebeneinander zwei ſchöne eichene, mit Silber⸗ niieb nich beſchlägen verſehene Särge. Auf beiden lagen friſche Huürdchen Kränze, beide waren in allem gleich gearbeitet, nur daß die zeigte der eine durch ſeinen helleren Glanz, daß dieſer Thiere fe Raum ihn erſt kürzlich aufgenommen haben mußte. völbes In dies Gewölbe trat jetzt das junge Mädchen, mit ſchien, unhörbaren Schritten näherte ſie ſich dem einen um zu Sarge, kniete nieder, und als wenn hier der tiefe 1 täuſcht. Schmerz ſein volles Recht geltend machen wollte, Augenol wurde die feine Geſtalt von einem Zittern und Beben urüch A ergriffen, welches unr zu deutlich das unendliche Weh, Be welches ſie trug, ausdrückte. Lange hatte ſie ſo ge⸗ Mäͤdche weint und gebetet, als ein leiſes Zupfen an ihrem ind fre Kleide ſie ihrer Verſunkenheit entriß; erſchreckt rich⸗ ſen We tete ſie ſich empor und ſich nach dem Störer um⸗ Finwau ſehend, bemerkte ſie ihren Lieblingshund Daſh. Das end g Thierchen hatte Mittel und Wege gefunden, dem rüben, Hauſe zu entſchlüpfen, der Spur der Herrin folgend, uerſt d war es auf den ihm ſehr wohlbekannten Weg pn ge gelangt, und da es ſie nun gefunden, ſo zögerte es Por ei auch nicht ſeine Gegenwart bemerkbar zu machen. wn i Nachdem ſich der erſte Schreck gelegt, ſtreichelte das dvet er junge Mädchen das Hündchen, ſah nun aber auch, daß nöchte 4 die Dämmerung ſehr zugenommen, und daß es hohe Zeit üren 8 war den Rückweg anzutreten. Noch einmal wandte ich din ſie ſich zum Sarge und als wenn ſie von den darin 3 ruhenden Theuren Abſchied nehmen wollte, ſprach ſie ſigte 1 leiſe Worte. Jetzt hüllte ſie ſich tiefer in den Shawl, eemacht rief ihren Liebling, der traurig und ſtill neben ihr und fra geſtanden, und nachdem ſie die Thüren des Gewölbes neiner ſorgſam verſchloſſen, durchſchritt ſie eilend den Kirch⸗ and iſt hof. Als ſie den Ausgang beinahe erreicht, bemerkte ih S ſie an dem einen der Thorpfoſten eine männliche Ge⸗ ſar 9

ſtalt gelehnt. In der ſchon den Dämmenaang

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