Jahrgang 
01-25 (1864)
Seite
208
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Forſt ritt und eben ein armes Reh verfolgte, da ſah er plötz⸗ lich zwei fremde Wanderer ruhig des Weges daher kommen. Denen rief er ſchon von Weitem zu:Werfet Euch unver⸗ züglich zu Boden und drücket das Geſicht in den Schnee, ſonſt reite ich Euch nieder, daß Ihr die Seelen aushauchen ſollet! Aber ſiehe, die Wanderer gehorchten nicht! Der Eine drohte vielmehr mit dem Finger und rief mit wunderbarer Stimme: O Ritter, wie lange willſt Du noch ſo ruchlos ſein? Wie lange willſt Du noch jagen? Erwäge doch, welch ein Tag heute iſt! Da ſchrie der Ritter in der größten Erbitterung:Und ſollte dieſer Tag auch millionenmal wiederkehren, ich jage doch! Dein Wille gehe in Erfüllung, und Du ſollſt jagen bis zum jüngſten Tage! Und der ſo ſprach, war der Herr Jeſus Chriſtus, und der neben ihm ſtand, war der heilige Peter. Nachdem das Wort der Verdammung geſprochen war, ver⸗ ſchwanden die beiden wunderbaren Geſtalten. Und ſo reitet nun noch immer der der böſe Ritter Nächtens in der heiligen Weihnachtszeit durch die Wälder und Einöden. Die Lüfte ſauſen, die Bäume krachen, die Wäſſer ächzen und ſtöhnen, die Hunde heulen und Halloh rufen die Jäger. An der Spitze des geſpenſtigen Zuges fliegt wie der Sturmwind der wilde Jäger auf weißem Roße und läßt ſein Hifthorn ſchauerlich önen. Wenn ein verſpäteter Wanderer ſich vor dem brauſendem Zuge nicht ſchnell zu Boden wirft, ſo wird er entweder von dem wilden Jäger getödtet oder fällt dem Wahnſinn anheim. Der wilde Jäger wird ſammt ſeinen Jagdgeſellen erſt erlöſet ſein, bis der Tag des Weltendes kommt und der Herr Jeſus mit allen ſeinen Engeln und Hei⸗ ligen am Himmel erſcheint, um das Weltgericht zu halten. Und das ſoll auch an einem heiligen Weihnachtsabende ge⸗ ſchehen. Alfred Waldau.

Eine verlorne Inſel.

Ein vielleicht einziges Phänomen zeigt ſich jetzt an der Küſte Siciliens. Die Inſel Ferdinandina, welche vor einigen Jahren vollſtändig unter dem Waſſer verſchwunden war, er⸗ hebt ſich jetzt allmählich, und man kann ſie ſchon deutlich einige Fuß tief unter dem Meeresſpiegel ſehen. In der Nähe der⸗ ſelben ſtationirt ein engliſches Schiff, auf dem ſich mehrere engliſche Gelehrte befinden, welche dieſe ſonderbare Erſchei⸗ nung zu ſtudiren wünſchen. C.

Kleine Kritiken.

Dunkle Tage. Hiſtoriſcher Roman von Emilie Heinrichs. Verlag von Georg Wedekind in Hanno⸗ ver. 1863.

In der Mitte des ſiebzehnten Jahrhunderts ſpielt die⸗ ſer ſehr ausführliche Roman, und das Terrain, auf dem ſich die nicht allzu zahlreichen Figuren bewegen, liegt im Hannöver⸗ ſchen, zum Theil in Hannover ſelbſt. Das Schickſal der einzel⸗ nen Geſtalten iſt in beiden Bänden mit jener gebundenen Em⸗ ſigkeit verfolgt, welche die eigentliche Herzensgeſchichte von den üblichen hiſtoriſchen ſich in lauter Epiſoden zerſplitternden Romanen abſcheidet. Der Bund der Erleuchteten, der ſich damals angeblich zur Bekämpfung der Geſellſchaft Jeſu ge⸗ heimnißvoll conſtituirte, bildet einen geſchichtlichen Mittel⸗ punkt zu dieſer Erzählung.

Novellen⸗

Zeitung.

Es iſt in der heutigen Literatur Brauch geworden, den Geiſt der Vergangenheit in moderne Formen der Anſchau⸗ ung und der Rede zu kleiden, und dies beeinträchtigt nicht wenig die reale Wahrheit in Zeichnung und Farbe. Auch dieſe Darſtellung leidet daran, zugleich aber enthält ſie manche Details, die gut componirt und zugleich geeignet ſind, das Intereſſe für längſt hinter uns liegende und in der That dunkle Tage wieder neu anzuregen.

Für Hermann Marggraff's Hinterlaſſene.

Am 11. Februar d. J. iſt Hermann Marggraff in der Vollkraft ſeines Wirkens, erſt 54 Jahre alt, in Leipzig geſtorben. In ihm haben die deutſche Literatur und der ganze deutſche Schriftſtellerſtand einen ihrer getreueſten und eifrigſten Hüter und Vertreter verloren. Hermann Marg⸗ graff, der ſich durch ſeine lyriſchen Gedichte und Balladen, durch humoriſtiſche Romane und Dramen, vorzugsweiſe aber als Literarhiſtoriker und Kritiker einen ehrenvollen, in weiten Kreiſen geachteten Namen erworben, hatte es ſich, namentlich als langjähriger Herausgeber derBlätter für literariſche Unterhaltung, zur Lebensaufgabe gemacht, die deutſche Lite⸗ ratur zu heben und ihr die Anerkennung zu erringen, auf welche ſie den gerechteſten Anſpruch hat. Das Leben, wel⸗ ches für ihn ein unausgeſetztes Ringen und Mühen, Arbei⸗ ten und Sorgen war, iſt ihm den Lohn für ſein Streben ſchuldig geblieben; um ſo mehr iſt es für alle, welche Marg graff's Namen kennen, zur Ehrenaufgabe geworden, an ſei⸗ nen Hinterlaſſenen den Zoll des Dankes abzutragen.

Hermann Marggraff hat außer ſeiner Witwe zehn noch ſämmtlich unverſorgte Kinder, von denen das jüngſte erſt an⸗ derthalb Jahr alt iſt, hülflos zurückgelaſſen. Zwar wird die Schillerſtiftung, deren geiſtiger Schöpfer und eifrigſter För⸗ derer er war, ſich ſeiner Hinterlaſſenen gewiß in entſprechen⸗ der Weiſe annehmen, aber ſelbſt wenn ihre Gabe, wozu ge⸗ gründete Ausſicht vorhanden, reichlich ausfällt, wird die Zu⸗ kunft der Familie dadurch allein noch nicht vollſtändig geſi⸗ chert. Dies zu erſtreben, ſind in Leipzig die Unterzeichneten zu einem Comité zuſammengetreten, und wie ſie bereits hier mit beſtem Erfolg zu dieſem Zweck gewirkt haben, richten ſie auch an alle wohlwollenden und edeldenkenden Männer im übrigen Deutſchland die Aufforderung und dringende Bitte, ſie durch Beiträge in dieſem Streben unterſtützen zu wollen. Jede Zeitungsredaction wird ſolche gewiß gern zur Beförderung an uns entgegennehmen.

Leipzig, im März 1864.

Das Comité für Hermann Marggraff's Hinterlaſſene:

Kaufm. Hermann Bodeck. Buchhändler Dr. Eduard

Brockhaus. Wilhelm Felſche. Dr. Friedrich

Friedrich. Stadtrath Geibel. Buchhändler Franz

Köhler. Muſikdirector Dr. Hermann Langer. Hof⸗

rath Marbach. Dr. Paul Möbius. Profeſſor Wenck. Profeſſor Wuttke.

Auch die Unterzeichnete iſt bereit Beiträge in Empfang zu nehmen.

Die Redaction der Novellen⸗Zeitung.

Redigirt unter Verantwortlichkeit von Ollo Sriedrich Dürr in Leipzig. Verlag

der Dürr'ſchen Buchhandlung in Leipzig. Druck von A. Edelmann in Leipzig.

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Erſche jer