Jahrgang 
01-25 (1864)
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was wir ſchätzen und verehren, uns auch anzueignen, womöglich aus uns ſelbſt hervorzubringen. Die Uebergänge zum Beſſern ſchreiten aber langſam fort, und da unſere Kenntniſſe noch mangelhaft waren, Niemand uns leitete und ſich um unſere Leſerei be⸗ kümmert hatte, kam es, daß wir neben den lyriſchen und romantiſchen Poeſien der damaligen Meiſter, die wir geſammelt und mit glühendem Enthuſiasmus ge⸗ leſen hatten, den Lafontaine noch immer für den erſten proſaiſchen Erzähler hielten. Jakob ſchickte mir ſelbſt, als er ſchon Student war, ein Taſchenbuch von Lafontaine zu Weihnachten, und verſicherte mir mit großem Ernſt, daß er ſich künftig einmal ſämmt⸗ liche Lafontaine'ſche Werke anſchaffen wolle. Wie bald änderte ſich das! In Marburg kamen wir auf andere Bahnen, die uns ſicher führten. Die Lectüre war eine andere geworden, und der Grund zu einer kleinen Bibliothek aus claſſiſchen Werken gelegt. Unſere gehäuften Büchervorräthe aus früherer Zeit beläſtigten uns, und wir beſchloſſen, ſie zumeiſt öffent lich zu verſteigern. Wir fertigten einen Katalog, den wir vertheilten, und kündigten die Auction an. Der Verſuch mißlang aber, indem keine Bieter kamen.

Wie die Schuljahre ſich allmählich zu Ende neig⸗ ten, wuchs auch unſer Fleiß und wir faßten die beſten Vorſätze. Aber bei aller Thätigkeit fehlte uns Plan und richtige Leitung, in der Schule wie im Hauſe. Man überließ damals die Knaben mehr ihrem eignen Triebe und der ſelbſtſtändigen Entwicklung ihrer na⸗ türlichen Anlagen, während man heut zu Tage in das entgegengeſetzte Extrem verfallen iſt, ewig in die Jungen einpfropft und ſie zu Maſchinen deeſſirt. Jean Paul ſagt ſehr richtig:Solche Knaben gleichen den Uhren, die immer aufgezogen werden, da aber

nicht gehen, ſo lange man ſie aufzieht. Damit ſtimmt

der paradox klingende Satz des berühmten Philologen Wolf überein:daß wir ſo wenig große Männer mehr haben, daran ſei die Verbeſſerung der Schulen ſchuld.

Die Einrichtung unſers Lyceums und der Unter⸗ richtsplan war faſt blos darauf beſchränkt, griechiſch und lateiniſch zu lernen, ohne die geringſte Anleitung zu wiſſenſchaftlicher Vorbereitung. Da nun aber das ewige Einerlei der Sprachen unſere Neigungen und Beſtrebungen nicht befriedigte, ſo ſetzten wir manche Nebenbeſchäftigungen und Studien für uns ſelber fort, und überzeugten uns ſpäter, wie wenig wir der Schule verdankten. Jakob Grimm äußerte dieſelbe Anſicht noch in ſpätern männlichen Jahren. Ich hatte die Brüder in Göttingen beſucht, und wir waren von Profeſſor Bergmann zu einem Souper geladen. Ich ſaß an der Seite der Profeſſorin Dahlmann, uns gegenüber Jakob. Das Geſpräch hatte ſich auf das

Novellen⸗Zeitung.

Schulweſen gewendet, und Grimm ſprach ſich ent⸗ ſchieden gegen die Einrichtung des damaligen Lyceums aus. Die Poofeſſorin warf ihm die Frage entgegen, ob er nicht ſelbſt dieſe alte Schule beſucht habe. Freilich, erwiderte dieſer,ſehen Sie, deshalb habe ich auch ſo wenig gelernt. Die blonde Holſteinerin lachte bei dieſen ſo ernſthaft ausgeſprochenen Worten

laut auf.(Fortſetzung folgt.)

Literariſche Briefe von Otto Banck.

Studien und Erlebniſſe eines reiſenden Prinzen. Aus dem Arabiſchen des Fer Fir Fep Iſulju. Leipzig, Chriſtian Ernſt Kollmann. 1863.

Wir haben in dieſer novelliſtiſch-ethnographiſchen Arbeit eine ſatiriſche Darſtellung vor uns. Der ano⸗ nyme Verfaſſer legt ſeine Betrachtung von Land und Leuten fremden Perſonen in den Mund, und um über die Irrthümer der Civiliſation mehr und objectiv Wirkungsvolleres ſagen zu können, wählt er eine Reiſe⸗ geſellſchaft, die in ihren Haupttheilen aus Muſelmän⸗ nern beſteht. Die Reiſe bewegt ſich durch Aegypten und Südeuropa. Es wird dabei aller erdenkbare unterhaltende Stoff hereingezogen und das Terrain wenigſtens mit einem flüchtigen Blick geſtreift. Ro⸗ mantiſche Züge von Liebe und Haß und wunderliche Abenteuer, ſogar mit humoriſtiſchen Epiſoden vermiſcht, machen die Darſtellung lebendig, vor Allem aber bleibt immer die Tendenz des Verfaſſers durch ſeinen noch bunten Stoff hindurch dem Auge ſichtbar. Wohl darf man ſagen, man merkt die Abſicht und wird ein wenig verſtimmt, wenn Sie indeß jene Tendenz näher betrachten, ſo werden Sie bemerken, daß ſie auf eine ähnliche, nur anders modificirte Aufgabe wie der Zauberer von Rom losgeht, und dieſes Beſtreben iſt ein ſehr breites und muß ſich nothwendig, wenn man es überhaupt verfolgen will, in den Vordergrund drängen.

Der Autor ſucht nämlich die Mängel und Irr⸗ thümer zu beleuchten, die ſich in der Verwaltung der chriſtlichen Religion als eine uſuelle Ueberlieferung geltend gemacht und beſonders der katholiſchen Kir⸗ chenverwaltung eine eigenthümliche Färbung gegeben haben.

Um nun den Principien, die dieſes Buch be⸗ kämpfenswerth findet, nicht gerade bei uns in Deutſch⸗ land auf den Leib zu rücken, da in dieſen Dingen unſere prieſterliche Unfehlbarkeit keinen Begriff davon hat, daß man wiſſenſchaftlichen Disputen mit Toleranz begegnen könne, ohne den Himmel wie ein Karten⸗

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