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nern Arbeiten aufforderte, welches tröſtende und ſtär⸗ kende Kraft gebe, wie ſich an ihm beweiſe, und hinzu⸗ fügte:„Indem ich jetzt, im 74. Jahre ſtehend, leib⸗ liche Abnahme ſpüre, erhole ich mich jederzeit am ſchnellſten, ſobald ich mich in die vorhandene Arbeit ſenke“— fällt ihm jenes Stübchen ein, denn unmit⸗ telbar folgen die Worte:„Mir gedenkt noch die Zeit, wo ich dich in der holländiſchen Straße, in Deines Großvaters Hauſe ſo oft beſuchte. Du hatteſt eine Stube, die in den Garten ging.“ Es folgen noch mehrere Erinnerungen aus der Schulzeit, und dieſel⸗ ben führten ihn offenbar weiter in die ſpätere Jugend⸗ zeit, und er gedachte unſerer Liebe für das deutſche Vaterland, für ſeine Ehre und Würde, wenn er ſeinen Brief alſo ſchließt:„Lieber, guter Wigand, in der Mitte unſeres Lebens hatten die Angelegenheiten des Vaterlandes ſich erhoben und ließen Großes hoffen. Jetzt, da wir nach dem Ende neigen, hat ſich Alles verdunkelt, und Deutſchland wenig oder keine Ausſicht für ſeine Zukunft.“—
Wie wir mit den Jahren und mit den Claſſen des Lyceums fortſchritten, trat manche Veränderung in unſeren Beſchäftigungen und Beſtrebungen ein. Wir waren auf Bücher verſeſſen, weil ſie uns ein anderes Feld eröffneten, wo uns Alles neu war. Die Lectüre zog uns noch inniger zu einander, und eine wahre Leſewuth bemächtigte ſich unſer gleichmäßig und ver⸗ band uns zu gemeinſamer Thätigkeit. Wir laſen aber Alles durcheinander, Gutes und Schlechtes, das wir uns gegenſeitig mittheilten. Wir hatten noch kein eigenes Urtheil, und Niemand gab uns Anlei⸗ tung. Wir waren auf uns ſelbſt angewieſen, und unterhielten den lebhafteſten Verkehr mit Büchern, und die Kinderſchriften der Knabenzeit erſchienen uns bald zu matt; da vermehrte ſich unſere Lectüre und Bücherſammlung, als ich über die kleine Bibliothek meiner verſtorbenen Großmutter gerieth. Da fand ich den Robinſon Cruſoe, Gulliver's Reiſen, die Inſel Felſenburg, den chriſtlich⸗deutſchen Hercules und an⸗ dere Romane einer frühern Zeit, die unſere Phantaſie mit den abenteuerlichſten Dingen erfüllten. Nach und nach wurde uns auch durch die Leihbibliotheken die moderne Romanliteratur geöffnet, und dadurch die Leſewuth noch geſteigert. Wir laſen Spieß, Cramer, Lafontaine und Conſorten und bewunderten den beſ⸗ ſern Styl und die Erfindungsgabe der Autoren.
Wie die Lectüre zur Leidenſchaft geworden war, ſo wurde es bald auch der Erwerb und Beſitz von Büchern. Wir ſammelten ohne alle kritiſche Aus⸗ wahl, zu der wir erſt nach und nach gelangten, indem wir uns einige Bücherkenntniß erwarben. Wir liefen zu allen Antiquaren und Trödlern, um Bücher und
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Bilder aufzuſuchen, verſäumten auch keine Bücher⸗ auction und verwendeten unſer geringes Taſcheng eld bloß an Bücher und Kupferſtiche. In den Auctionen zu Caſſel konnte man damals für wenig Geld viele Bücher haben, denn die Bücher hatten dort geringen Werth. Einen großen Zorn hatten wir gegen einen alten, dicken und ſehr rohen Stadtſecretarius, der ge⸗ wöhnlich die Auctionen abhielt und die Bücher ellen⸗ oder korbweiſe zum Gebot ausſetzte, ohne die Titel unterſuchen zu laſſen, wo dann die Juden die meiſten Bieter waren. Ich erinnere mich noch, daß ein ge⸗ häufter Korb daſtand und die Juden ihn aufhoben, um das Gewicht zu ſchätzen. Den Jakob Grimm reizte dieſer Korb;„wer weiß, was da Gutes drin ſteckt,“ flüſterte er mir zu und bot gleich einen Thaler und erhielt ihn, bereute es aber bald, da er nichts Erwünſchtes darin fand.— Auch wo die Bücher ein⸗ zeln verkauft wurden, kam ſelten das Stück über ein paar Groſchen. Caſſel war in literariſcher Beziehung ganz abgeſtorben.
Wir fuhren fort zu leſen und Bücher anzuſchaf⸗ fen, hatten aber doch ſchon einige Fortſchritte gemacht, indem literariſche Blätter die eigene Kritik weckten. Wir unterſchieden das Beſſere von dem Schlechten, beredeten uns aber, daß es keine emſige Leſerei zur bloßen Unterhaltung ſei, ſondern daß man in literar⸗ hiſtoriſcher Beziehung Alles leſen müſſe, um das Beſ⸗ ſere aufzufinden. Wir überzeugten uns aber allmählich durch kritiſche Werke und Literatur⸗Zeitungen, daß das Beſſere nicht in Leihbibliotheken zu finden ſei. Eine neue Leidenſchaft faßte uns, wie wir von der neueren Lyrik und Romantik Kenntniß bekamen. Wir fielen begierig über alle äſthetiſchen Blätter, Gedicht⸗ ſammlungen und Muſenalmanache her, und laſen ſie mit Begierde und Bewunderung ſo großer Talente. Wir fingen ſofort an eine große Sammlung anzulegen, und ſchrieben die Gedichte, die uns am meiſten an⸗ ſprachen, in zierliche Hefte, deren ein großer Sack noch vor mir liegt. Auch von Jakob's Hand beſitze ich eine Reihe ſolcher Hefte, in denen die ſchönſten der uns begeiſternden Gedichte und Dichterſtellen, die wir uns wechſelſeitig mittheilten, ſauber geſchrieben ſtehn.
Die Freude an dieſen Werken der Kunſt und des Geſchmacks weckt bei jungen Leuten die erwachende Luſt zum eignen Schaffen, und zeigt ſich zuerſt als Nachahmung; und auch unſere Verſuche beſtanden meiſt in Reminiscenzen. Sie machten uns aber natürlich große Freude, eigene Genugthuung und Hoff⸗ nung. Galt doch von uns, was Goethe von ſich ſagt:„Unbeſchreibliche Luſt machte mir das eigene
Produciren. Iſt es doch unſer ſüßeſter Wahn, das,


