194 Novellen
„Sehr wahr, Herr Hauptmann,“ ſagte ein vor⸗ witziger Secondelieutenant, der erſt ſeit drei Monaten die Epauletten und einen weichen Flaum auf der Oberlippe trug;„auf Ehre, ſehr wahr! Was aber den Nachmittagsdienſt anbetrifft, ſo laſſe ich mir ſein Ausfallen am Mittwoch und Sonnabend ſchon ge⸗ fallen.“
„Ihr Dienſteifer nach zweimonatlicher Probe iſt wirklich recht lobenswerth, lieber Camerad,“ bemerkte ein Anderer in ziemlich ſarkaſtiſchem Tone.
„Mein Patent datirt vom dritten Auguſt,“ fuhr der junge Lieutenant empfindlich auf,„das ſind ge⸗ rade drei Monate her.“
Mnn machte der dicke Hauptmann mit einer iſſen Ueberlegenheit.„Ihr habt alle Beide Recht, aber unſer P. iſt ein zu jammervolles Neſt, um ſich darin zu zanken. Bringt lieber etwas Geſcheidtes auf das Tapet, damit uns die Zeit hier kürzer wird. Wer hier Hauptmann erſter Claſſe und nicht verhei⸗ rathet iſt, der kann melancholiſch werden. Ordonnanz, mein Cognak!“
Der Dicke klopfte ſich dabei behaglich auf ſeinen Bauch.
„Jeitung.
„Ein Rennen? mit Pferden?“ rief der zweite er ſtri Hauptmann.„Vergeſſen Sie denn, daß wir zu des Morze Königs blauer Infanterie gehören? Haben nicht nö⸗ lf thum d thig, uns die Hälſe zu brechen. Das ſollen wohl 2 blos die Hauptleute, die beritten ſind, riskiren, damit⸗„ theater,
„Es muß wahrhaftig bald anders werden,“ meinte der Premierlieutenant von Roſenkranz, ſich den Pollak in der Pfeife wieder anzündend,„ſonſt thun wir un⸗ ſerem Regimentscommandeur den Gefallen, ſämmtlich vor Langeweile zu ſterben; er ſchickt ja nur deshalb Alle aus dem Corps in dieſe Verbannung, die ſich drüben in K. bei ihm mißliebig gemacht haben, ab⸗ geſehen von dem Paar junger Cameraden, die wir einſchulen ſollen.“
Von dem Regimente ſtanden nämlich zwei Ba⸗ taillone in K., einer größeren Provinzialſtadt, und eines in der ſieben Meilen davon entfernten kleinen und öden Feſtung P. Der Lieutenant von Roſen⸗ kranz hatte Recht: P. war das Cayenne von K.
„Nun Roſenkranz!“ rief einer der Officiere.„Sie waren ja in K. der überall geſuchte Petit-maitre, der ſeinen Ruf vollkommen rechtfertigte. Arrangiren Sie doch hier Etwas!“
Der Premier zuckte verächtlich mit den Achſeln und fragte nur mit einem Seufzer:„Hier?“
„Er hat Recht, es iſt Nichts zu machen,“ warf der älteſte Secondelieutenant dazwiſchen.„Seit dem Höllenjahre 1848 wünſcht man von oben herab nicht, daß wir mit den Bürgern in der Stadt freundſchaft⸗ lich verkehren, und— Gott ſei es geklagt!— hier oben auf der Feſtung iſt es mit der Damenwelt ſchlecht beſtellt.“
„Wie wäre es denn mit einem improviſirten Wettrennen?“ ſchlug Einer vor.
Ihr junges Volk Avancement habt? He?“ r h am
„Oder wenn wir uns eine Kegelbahn eins meine 4 richteten?“ ſie hab
„Höͤchſt plebejiſches Vergnügen,“ ſagte der Dicke; I „dabei transpirirt man ſelbſt im Winter über alle geſpro Maßen.“
Es wurde noch ein halbes Dutzend anderer miers Vergnügungen, wie ſie ausſchließlich für das männ⸗ dann liche Geſchlecht paſſen, vorgeſchlagen, aber aus gu- daß e ten Gründen immer wieder von der Majorität ver⸗ worfen. rief de
„Wenn vielleicht— ich weiß zwar nicht,— Täcler aber ein Liebhabertheater—“ ſtotterte der Fähnrich oder die verlegen.— bit im
Es trat wieder allgemeines Schweigengein; Alle ſere die blickten gedankenvoll auf den Fähnrich, der über und„ über roth wurde. riſh;
„Fähnrich!“ ſchrie der dicke Hauptmann auf tung, einmal,„das iſt das Geſcheidteſte, was ich Sie je dig ſi in Ihrem Leben habe ſprechen hören. Ja, ſo Etwas
laſſe ich mir gefallen; die jungen Herren ſpielen uns die 9.
Etwas vor, und wir Alten ſehen mit aller Bequem⸗ 1 lichkeit zu. Ihr müßt uns aber auch Etwas zum da u Lachen vormachen!“ Hanot
Der Fähnrich hatte ſich bei den erſten Worten gängl geſchmeichelt gegen ihn verbeugt. nimm
„Aber die Damen?“ fragte der Premier von bing Roſenkranz bedächtig. die F
„Wer keinen Bart hat, ſpielt Dame,“ erklärte
der Dicke peremtoriſch. mehre „Kein Vergnügen ohne Damen,“ ſagte der Pre⸗ mier kopfſchüttelnd.„Geh Man ſtimmte ihm in der Majorität bei. „Ihr könnt ja aber zum Beiſpiel Wallenſtein's var Lager aufführen,“ eiferte der Dicke, der von dem ¹ Vorſchlage nicht gern abgehen mochte, da er es ſich don g bei ſeiner großen Neigung zur Bequemlichkeit gewiß it ha
recht hübſch dachte, ein Paar Stunden lang ein Ver⸗ Nüie gnügen genießen zu können, ohne ſich dabei vom Platze rühren zu müſſen.„Darin giebt's keine Liebhaberin; der Fähnrich macht die Guſtel von Blaſewitz.“
„Die Liebhaberinnen ſind aber gerade die Haupt⸗ ſache, ſchon wegen der Proben!“ rief der vorwitzige dreimonatliche Secondelieutenant.
Der Fähnrich fühlte ſich leicht verletzt, aber er wagte nicht, dem dicken Hauptmann zu widerſprechey


