Jahrgang 
01-25 (1864)
Seite
192
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Doch das Wichtigſte, das geſchehen kann, iſt etwas An⸗ deres, iſt ein Act der Einſtimmigkeit, den alle Diejenigen zu⸗ meiſt in ihrer Gewalt haben, welche mit Shakeſpeare eines Standes ſind: denn nicht als Schauſpieler, ſondern als Dichter, als geiſtiger Producent wurde uns jener Genius, was er uns iſt und ewig bleiben wird.

Woblan denn! Mögen zu ſeiner Feier zunächſt die geiſtigen für die Bühne wirkenden Producenten in allen deut⸗ ſchen Landen zuſammen treten und das geiſtige Product gegen Willkür und Mißhandlung den Bühnen gegenüber ſichern.

Ein ſolcher allgemeiner Theatercongreß hat mit jenem Einheitsſinn, der Deutſchlands Gegenwart vor der Vergan⸗ genheit auszeichnet, den Beſchluß zu faſſen: zur Einfüh⸗ rung allgemeiner Tantième bei allen Bühnen, die auf den

amen eines ehrenwerthen, wirklichen Kunſtinſtituts Anſpruch machen wollen.

Kein Theater, ſelbſt nicht das kleinſte, darf von dieſer nach Procenten zu modificirenden Verpflichtung ausgeſchloſſen werden, denn da alle Geld haben, prunkhafte Decorationen, glänzende Coſtume, theuere Gaſtſpiele von Tänzerinnen und Sängerinnen und andere effecthaſchende Modeerſcheinungen zu bezahlen, ſo fällt jede Ausrede hinweg, daß ſie ohne dun für die angemeſſene Honorirung der ſchaffenden Kräfte eien.

Daß für die Bühnencomponiſten daſſelbe Recht der ausnahmeloſen Tantismeforderung in Anſpruch genommen werden muß, lehren die moraliſchen Rechtsbegriffe. Die Tondichter mögen daher jene Verſammlung ebenſo zahlreich beſchicken. Sie werden zu dieſem edel menſchlichen und auch wieder der Kunſt zu gute kommenden Zweck den Manen Shakeſpeare's willkommen ſein. War es doch der von dem hohen Geiſte ſo ſehr geliebte Genius der Muſik, welcher in eine ſeiner lieblichſten Schöpfungen, in den Sommernachts⸗ traum, erſt die duftigſten Blüthen, die über die Grenzen des Wortes hinaufſchwebenden Zauberklänge der bhantißae

Daß ein ſolcher Theatercongreß gleichfalls von Theater⸗ leitern, gediegenen Kritikern, ja auch von den vorzüglichſten Bühnenkünſtlern beſucht werden wird, könnte blos zu deren moraliſchem Nachtheil bezweifelt werden. Man darf nur an Namen wie Emil Devrient, Grunert, Deſſoir erinnern, um die Anſicht zu gewinnen, daß es auch in der Schauſpielkunſt noch Männer giebt, bei denen in letzter Inſtanz das wahre Kunſtſtreben über jede andere Rückſicht ſiegt.

Nur ein ſolches allgemeines Tantièmegeſetz, das keiner kurzen Verjährungsfriſt unterworfen wäre, würde den Thea⸗ terdichtern und Componiſten Schutz und denjenigen pecuni⸗ ären Lebenshalt verleihen, der ihnen nicht blos von Gott und Rechtswegen zukommt, ſondern auch zu ihrem geiſtig freien Schaffen nothwendig iſt. Das Theater und die Dar⸗ ſteller leben zwar indirect von der Theilnahme des Publicums oder von einem fürſtlichen Zuſchuß, direct aber von der Poeſie und Muſik, ohne die es keine dramatiſche Kunſt geben würde und die erſt jene Theilnahme ins Leben ruft.

Man ſichere alſo die Poeten und Tondichter, damit der Gerechtigkeitsſinn unſeres ſonſt ſo gebildeten und anſtändig denkenden Zeitgeiſtes nicht länger tief beſchämt wird von ihrer Lage: Diejenigen zu ſein, welche den geringſten Lohn von ihren Werken ernten. Geradezu lächerlich wird dieſes Mißverhältniß, wenn, wie es ſo oft geſchieht, ein ein⸗

Novellen⸗Jeitung.

zelner Bühnenkünſtler für eine Rolle mehr Einnahme em⸗ producirend mitwirkende Kraft nur vorführen half. Gegen das Verlangen, von vornherein ohne die Garan⸗

zahlen, können ſich ärmere Bühnen weigern; nicht aber ge⸗ gen ein Abtreten von Procenten an den eigentlichen Beſitzer des Kunſtwerkes, d. h. des Capitals, ſobald und ſolange dieſes Zinſen trägt.

Sollten es wirklich einige Theater wagen, ſich von einer allgemeinen deutſchen Tantiéèmenverpflichtung auszuſchließen,

Worten und Tönen, ſolchen ſogenannten Kunſtinſtituten nie⸗ mals ein neues Werk zu gewähren. Es würden jenen Büh⸗

ihr Gewiſſen nicht eingab. wart, mögen ſie Mängel haben, welche ſie wollen, ſind es doch immer und immer, durch welche die Theater als Gebilde ihres Zeitgeiſtes das Bündniß mit dem lebendig pulſirenden Tage aufrecht erhalten müſſen.

Wo und unter welchen Bedingungen der wünſchens⸗ werthe Theatercongreß zuſammentreten ſoll, ſei der weiteren Sachbetrachtung der deutſchen Preſſe überlaſſen.

Keim kräftig, emporwachſe.

eine im Grunde neue Idee ausgeſprochen zu haben. Im Gegentheil, als ein langjähriger Kämpfer für die Intereſſen der Dramatik und der Bühne beklagt er es im Namen deut⸗ ſcher, das geiſtige Eigenthum betreffender Rechtsverhältniſſe innig, daß es ſich nöthig macht, zur Beantwortung einer ſo alten Lebensfrage noch immer auffordern zu müſſen ja daß ſich die endliche Löſung dieſer Frage nicht durch die Ueberzeugung von ihrer eigenen Wichtigkeit, ſondern nur durch eine ungewöhnliche, äußere Veranlaſſung hoffen läßt. Iſt es der Shakeſpearefeier vergönnt, dieſe Frucht zu tragen, ſo würde der hohe Geiſt des Dichters, der ein glü⸗ hender Verfechter der Gerechtigkeit war, darin das ſchönſte Denkmal erblicken, welches wir an ſeinem Jubeltage uns zu Ehren ſetzen könnten.

Ich ſageuns zu Ehren, denn ſeine Erhabenheit be⸗ darf keiner irdiſchen Ehrenſäule. Schon Milton ſang in die⸗ ſer richtigen Erkenntniß:

Wozu braucht meines Shakeſpeare hehr Gebein Ein hochgethürmtes Monument von Stein? Wozu ſoll ſich ſein heil'ger Staub hienieden Verbergen unter ſtolzen Pyramiden?

Du theurer Sohn des Ruhms, ſein großer Erbe, Was brauchſt Du Stein, daß nicht Dein Name ſterbe? In unſerm Geiſt, der Dich bewundernd nennt, Schufſt Du Dir ſelbſt ein dauernd Monument Wir ſchöpfen aus den Blättern Deiner Werke Gleichwie aus Göttermunde Troſt und Stärke; Du machſt durch Deines Geiſtes hohen Schwung Uns ſelbſt zu Marmor vor Bewunderung,

Um ſolche hehre Ruhſtatt zu erwerben,

Daß um ſolch Grabmahl Kön'ge möchten ſterben.

Otto Banck.

Redigirt unter Verantwortlichkeit von Otto Friedrich Dürr in Leipzig. Verlag

der Dürr'ſchen Buchhandlung in Leipzig. Druck von A. Edelmann in Leipzig.

pfängt, als der Verfaſſer des Werkes, welches Jener als re⸗

tie eines Erfolgs für eine neue Schöpfung hohes Honorar zu

ſo iſt es Ehrenſache aller vaterländiſchen Bühnendichter in

nen dann nur noch die trübſeligen Machwerke charakterloſer Lohnarbeiter bleiben und die Noth ihnen lehren, was ihnen Die Productionen der Gegen⸗

.Vorläufig wird dieſe Anregung genügen, daß der in ſich ſo lebensfähige

Der Unterzeichnete wähnt nicht im Entfernteſten, hier