Jahrgang 
01-25 (1864)
Seite
181
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ſtreckte ihm beide Hände entgegen, die Stubenrauch mit leuchtenden Blicken ergriff, und rief in einem Tone, der keine Zweifel über ihre Gefühle zuließ und der dem Doctor wie Sirenengeſang klang:

Sie haben gelitten, und für Ihre gute That wäre Ihnen beinah Undank zu Theil geworden. Aber nun ſollen Sie auch belohnt werden; kommen Sie, Margarethe wartet draußen, um ſich nochmals bei Ihnen zu bedanken und Ihnen zugleich ihren Ver⸗ lobten vorzuſtellen.

Wie, Margaretha will heirathen? rief ganz erſtaunt Herr von Weſtern.

Ja, einen jungen braven Burſchen, der ſich im Stillen ſchon längſt um ſie bewarb, den ſie bisher aber ſtets kalt zurückwies. Seit heute Morgen iſt es aber anders; Margarethe hat mit ihrem Vater geſprochen und dem alten Mat ſo gewichtige Gründe

für dieſe Heirath angeführt, daß er ſofort bereitwillig

ſeine Einwilligung gab. Doch kommen Sie, Doctor; ich habe dem jungen Paar verſprochen, daß es Ihnen vorgeſtellt werden ſoll, und ich will Wort hal⸗ ten!

Hinaus ſchlüpfte das liebenswürdige Mädchen, indem es ſchelmiſch lächelte und den Doctor in einer Weiſe mit ſich fortzog, als ſtände er bereits vollſtän⸗ dig unter ihrer Herrſchaft. Ich aber erzählte dem Baron die Bekehrungsgeſchichte Margarethens und das Märtyrerthum, welches Stubenrauch dabei ausge⸗ ſtanden hatte. Herr von Weſtern bezeichnete die Handlungsweiſe meines Freundes als einen ſchönen edelen Zug ſeines Charakters und fügte hinzu, er habe ſich dadurch ſeiner ganzen Familie verpflichtet, denn ſie Alle hätten für die Tochter des Matroſen ſtets die regſte Theilnahme empfunden, und die ſei beinahe ſchon aufgegeben worden.Aber bei alle dem, fuhr er fort,bleibt es mir auffallend, daß ſich Henriette noch nicht ſehen läßt, um an der Freude dieſes Ereigniſſes Theil zu nehmen.

Er trat an den Schellenzug und ſagte zu dem eintretenden Diener:Melde meiner Tochter in meinem Namen, daß wir ſie erwarten.

Ich ſtand wie auf Kohlen. Um meine Verle genheit zu verbergen, griff ich nach einem Zeitungs⸗ blatt, gewahrte aber zu meiner Beſtürzung, nachdem ich bereits ſeit mehreren Minuten meine Blicke auf daſſelbe geheftet hatte, daß ich es verkehrt in der

Hand hielt. Der Diener kam zurück und meldete, daß das

gnädige Fräulein ſich unwohl fühle und nicht zum Eſſen erſcheinen werde, zugleich überreichte er dem Baron einen Brief mit dem Bemerken, daß denſel⸗ ben der Poſtbote ſoeben abgegeben habe.

Vierte Holge.

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Unwohl, murmelte der alte Herr, mit dem Kopfe ſchüttelnd, während er das Siegel brach; unwohl, und dieſen Morgen noch friſch und geſund und von der beſten Laune beſeelt... Plötzlich ſchien ſich ſeine ganze Aufmerkſamkeit dem eben empfange⸗ nen Briefe zuzuwenden; er wurde zuerſt ernſt, dann nickte er zuſtmmend mit dem Kopfe, dann kam ein beſorglicheshum hum! über ſeine Lippen, dann wendete er wieder den Briefbogen und las eine Stelle nochmals mit großer Aufmerkſamkeit, dann ſtrich er ſich das Kinn, rieb ſich die Naſe, bis er endlich plötz⸗ lich das Schreiben auf den Tiſch warf und, ehe ich es vermuthen konnte, an meiner Bruſt lag.

O, ſie iſt ein herrliches Mädchen, rief er mit leuchtenden Blicken,und was Anderen nicht gelingt, das weiß ihre Ausdauer, ihre unermüdliche Geduld zum Ziele zu führen!... Ach, welchen Stein hat mir meine Henriette vom Herzen genommen! Hören Sie, Herr von Mohrenfeld, und der Baron zog mich ſanft neben ſich auf's Sopha,erinnern Sie ſich noch an jenen Abend, wo ein harmlos hingewor⸗ fenes Wort von Ihnen eine ſo betrübende Wirkung auf uns alle hervorbrachte?

O ich bitte nochmals um Vergebung... jetzt, da Sie ſelbſt davon ſprechen... Sie meinen wegen des Sohnes?...

Ja, ja, Sie wünſchten mir zur Vervollſtändi⸗ gung meines Glücks neben meiner Tochter auch noch einen Sohn und konnten natürlich nicht ahnen, welche ſchmerzliche Wunde Sie dadurch aufriſſen. Jetzt iſt aber der Augenblick gekommen, um Ihnen hierüber eine Erklärung zu geben. Ich habe allerdings nie einen Sohn beſeſſen, wohl aber meine ſchon früh verſtor⸗ bene Schweſter, und ich kann mir das Zeugniß geben, daß ich ihm die Liebe eines Vaters in reichem Maße zu Theil werden ließ. Leider zog ich ſtatt Weizen nur Unkraut... Zuerſt verſchwendete der junge Mann in der Reſidenz ſein mäßiges elterliches Vermögen, dann machte er Schulden, die ich mehr als zehnmal für ihn bezahlt habe, dann ergab er ſich dem Müßig⸗ gang und allen damit verknüpften Laſtern, bewegte ſich in immer ſchlechterer Geſellſchaft, trat die Ehre ſeines Namens mit Füßen, ſank täglich eine Stufe tiefer in der Geſellſchaft und warf ſich endlich dem Verbrechen in die Arme, indem er falſche Wechſel auf mich ausſtellte. Ich deckte den hierauf haftenden Betrag im Stillen, aber ich gab ihn nun auch völlig auf, denn die Erfahrung hatte mich überzeugt, daß er ein völlig unverbeſſerlicher Menſch geworden war. Dabei zitterte ich aber jeden Tag, einſt von der Nach⸗ richt niedergeſchmettert zu werden, daß der Sohn meiner Schweſter ſich in den Händen des Staatsan⸗