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wohner dieſes Landes zu der Vorſtellung gelangt zu ſein, daß auch ſie ihre Ehre, Freiheit, Gerechtigkeit und andere dergleichen Dinge für Geld verkaufen können. Warum ſoll⸗ ten ſie nicht die Prieſter, die Stellvertreter der Gottheit, nachahmen?
Ihre Religionsgeſetze mögen folgendermaßen lauten:
Glaubet an die Götter von Stein, Holz und dergleichen, welche Euch die Prieſter vorſetzen.—
Jede größere Stadt hat noch an einen beſondern Speci⸗ algott oder Göttin zu glauben.—
Die Prieſter ſind allmächtig. Denn mit ihrem Wil⸗ len können ſie eine Handlung wirkſam oder unwirkſam ma⸗ chen, eine ſchlechte That in eine gute verwandeln. Wenn ſie wollen, ſo werden ſelbſt die Naturgeſetze gehemmt.—
Dem Prieſter gegenüber fühle ſich der Menſch als Hund: lecke ihm die Hände und dem Oberprieſter die Füße.—
Die Staatsgeſetze ſind Nebenſache. Sogenannte Ver⸗ brechen vergeben die Prieſter gegen eine kleine Vergütung.
Schulen werden nicht gerne geſehen.—
Verſtandesübungen ſind verboten, daher auch das Beten nur in einer unverſtändlichen Sprache erlaubt iſt.—
Glaubet blind.—
Wer das Alles nicht glaubt, anders denkt oder über⸗
Welt.—
Theil gefährlich. Bei Vielen von ihnen iſt der Wahn ein ſtiller und beſteht nur darin, daß ſie von der fixen Idee be⸗ fallen ſind, nicht arbeiten zu wollen, auf öffentliche Koſten ernährt zu werden, und daß ſie damit ihren Göttern einen beſondern Gefallen zu erzeigen meinen.
Wie bei uns hat der Mann auch hier in der Regel nur eine Frau. Es iſt ein ſchöner Anblick in einen häusli⸗ chen Kreis zu treten und zu ſehen, wie die junge Frau dem Manne die Laſt des Lebens tragen hilft. Deßhalb nehmen auch in den Ländern, wo die Vielweiberei geſtattet iſt, z. B. in der Türkei, die meiſten Männer nur eine Frau. Hier machen nur die Prieſter eine Ausnahme wie die Paſcha's in der Türkei. Kommſt Du unverhofft in das Haus eines Prieſters oder Paſcha's, ſo raſchelt es, ziſchelt es, kichert es, Thüren fliegen zu, Weiberköpfe guken neugierig aus allen Spalten, denn wie die Paſcha's laſſen auch die Prieſter ihre Weiber nicht öffentlich ſehen.
Die Familie zeigt in jedem Lande den Staat im Klei⸗ nen. Wo der Staat noch eine patriarchaliſche Verfaſſung hat, da iſt auch der Familienvater Patriarch in ſeinem Hauſe; in Anarchien wollen ſelbſt die Kinder nicht mehr ge—
chen. Ddieſes Land nun regiert zwar ſcheinbar ein König, in Wirklichkeit aber die Prieſter. Ganz ſo iſt es in der Fami⸗ lie: der Mann iſt nur ſo lange Herr, als der Beichtvater es erlaubt.
Beichtvater— das iſt das große Wort dieſes Landes. Es giebt keine Macht in der Welt, welche ſich an Größe der des Beichtvaters vergleichen ließe.
Ein Beichtvater, oder genauer geſagt, ein Ohrenbeicht⸗
Religionsſtifter anbefohlen, ſondern von den Prieſtern erfun⸗ 3
haupt denkt, wird eingeſperrt in dieſer, verdammt in jener
Einhundert zwei und vierzig Irrenhäuſer ſind allein in der Hauptſtadt dieſes Landes.— Die Irren ſind nur zum
vater iſt eine Einrichtung, ein Inſtitut, welches von keinem wenn dieſer Verluſt eine
den worden iſt, um eine Macht über alle Mächte, die Macht ihre reizenden Schattirungen, über die Gewiſſen, in ihre Hände zu bringen.— Der Beicht⸗ vater iſt ſelten der Vater der Kinder in einer Familie, ob⸗ gleich der Name Vater darauf hindeutet, aber jede Frau hat
Novellen⸗Zeitung.
einen, die Männer ſeltener. Früher, ſagt Abdin, hatten die Frauen Cicisbei und Cavalieri serventi, jetzt ſorgt der Beichtvater für Alles.
Willſt Du die nähere Bekanntſchaft einer Frau oder eines Mädchens machen, welches Dir gefällt, ſo darfſt Du Dich nur durch ein Geſchenk für die heilige Kirche dem Beicht⸗ vater empfehlen, und Deine Abſicht iſt erreicht.
Dem Beichtvater erzählen die Frauen in knieender Stellung ihre tiefſten Geheimniſſe. Wenn ſie etwas Schlim⸗ mes gethan oder gedacht haben, tröſtet er ſie. Haben ſie Etwas zu thun vor, was ſie bei ihrem Gewiſſen nicht verant⸗ worten können, ſo fragen ſie den Beichtvater, der erlaubt es. Der Beichtvater ſteht zwiſchen Mann und Frau, aber der Frau näher, denn er geſtattet ihr mehr, als der Mann jemals geſtatten könnte.
Von den Männern ſind es vorzugsweiſe Räuber und ſchwere Verbrecher, welche in Verkehr mit Beichtvätern ſtehen. Hat ein Menſch nämlich ein Verbrechen begangen, und fängt er an, ſich vor der Strafe zu fürchten, ſo tröſtet ihn der Beichtvater.„Gott verzeiht Dir“, ſagt er dem Verbrecher, und giebt ihm an Gottes Statt den Segen. Je öfter alſo ein Menſch Verbrechen begeht, deſto öfter verlangt er göttli⸗ chen Segen und fühlt ſich dadurch zu neuer Thätigkeit ge⸗ ſtärkt. Daher ſind auch die Räuber in dieſen Landen im be⸗ ſten Einvernehmen mit den hohen Prieſtern. 9.
Der letzte Theaterabend.
Ohne Zweifel giebt es nichts Wehmüthigeres als das Abgehen eines berühmten Künſtlers von der Bühne, und doch ſind wir oft ungerecht gegen die kleinliche Ruhmſucht, die im Theaterleben obwaltet. Berlioz ſchildert ſo wahr als er⸗ götzlich den Moment, wo ſich ein gefeierter Tenor am Abend ſeines Glückes befindet. Er hat lange genug auf den Bre⸗ tern geherrſcht; endlich iſt ſeine Zeit vorbei, er muß freiwillig ſcheiden.
Der Tenor geht— ſeine Stimme aber auch. Er hat weder Tiefe noch Höhe mehr, kann nur noch in der Mittel⸗ lage ſingen, und muß deßhalb alle Phraſen verſtümmeln. In den älteren Partituren richtet er zu dieſem Zweck eine abſcheuliche Verwüſtung an, verurtheilt die neuen Opern, um ſie überhaupt ſingen zu können, zu einer unerträglichen Monotonie und bringt ſeine Bewunderer zur Verzweiflung.
Componiſten, Dichter oder Maler, die das Gefühl für das Schöne und Wahre verloren haben, die durch die Ge⸗ meinheit nicht mehr verletzt werden und nicht einmal mehr die Kraft haben, ihre Ideen feſtzuhalten, die vor ihnen flie⸗ hen,— ſondern ſich nur darin gefallen, ihren Nebenbuhlern, deren Leben noch thätig und fruchtbar iſt, Fallen zu ſtellen und Steine in den Weg zu werfen,— die ſind todt, völlig todt. Dennoch glauben ſie noch immer zu leben; eine glück⸗ liche Täuſchung erhält ſie aufrecht; ſie halten ihre Erſchö⸗ für Ermüdung, ihre Unfähigkeit für weiſe Mä⸗
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ßigung.
Aber der Verluſt eines edlen Organs! Wer vermag über ein ſolches Unglück ſich ſelbſt zu täuſchen? Zumal Stimme zu Grunde richtet, die durch ihren Umfang, ihre Kraft, ihren entzückenden Wohllaut, ihre vollkommene Reinheit und ihren dramatiſchen Ausdruck einſt Alles bezauberte? Ach!
Wie oft ward ich von tiefem Mitleid für dieſe armen Sän⸗ V ger ergriffeu, und dann immer von größter Nachſicht für ihre
Schwüchen Ehrgetz ſend läche ſind, debe una! K Ilerdauern a gioßen elreu gen dergeſſent nur noch zen hat; hat ſich „Dido“, aſt geſt haben. noch et Haſſe i ſterblich unöglic, ſoo lngeu Geſchvichti E8 Glückes d chwerzlich Lie mag Bühne u Schutzgei d lange loſchied . 8 ſeinem chmücken ffnen, u
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