Jahrgang 
01-25 (1864)
Seite
120
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Novelſen⸗Jeitung.

ihren Fackeln farbige Lichtreflexe ſtreuen, an ſtillen

in ihren Händen befinden ſich alle Stellen und Sine⸗ curen in der Armee, der Verwaltung, der Kirche und der Juſtiz. In ihrem Beſitz ſind die Fabriken, der Han⸗ del, die Flotte, mit einem Worte die ganze Macht und der ſämmtliche Reichthum. Dieſe obern Zehn⸗ tauſend bilden aus ſich das Parlament, denn von ſieben Millionen engliſcher Bürger iſt nur eine Mil⸗ lion auf dem Papiere wahlberechtigt, waͤhrend ſie in Wirklichkeit durch den ſſocialen Druck, der auf ſie aus⸗ geübt wird, auf eine Viertelmillion zuſammenſchmilzt. Die engliſche Ariſtokratie und die reiche Bourgeoiſie haben die engliſche Freiheit nur zu ihrem eigenen Nutzen geſchaffen und der ungeheueren Majorität des Volks nichts übrig gelaſſen, als einige wenige per⸗ ſönliche Rechte, die meiſtens in Scheinvortheilen be⸗ ſtehen. In dieſer Anſchauung von den engliſchen Zuſtänden hat der Verfaſſer, wie er ſagt, geſchrieben. Er ſchildert erſt einzelne Züge Londons im Allgemei⸗ nen und erweckt dann beſonders Intereſſe durch ſeine Streifereien in der mitternächtlichen Stadt, beſonders in Bezug auf die Vergnügungslocale und auf ver⸗ dächtige Verbrecherquartiere. Er geht hierbei ziemlich ausführlich auf die Demi⸗monde ein. Folgen wir ihm wenigſtens nach Cremorne Gardens und nach Hay⸗ market, wohin er ſeine Leſer führt.

Cremorne Gardens! Iſt es der Garten aus einem Zaubermärchen, zu dem jener dunkle Laub⸗ gang führt? Stille, verſchwiegene Lauben, weite Ra⸗ ſenplätze, in allen Farben ſchimmernde Blumenbeete, blaue Waſſerſpiegel, dunkle Alleen, Kioske in mauri⸗ ſchem Styl, türkiſche Minarets, arabiſche Säulengänge, moderne Tanzſäle mit offenen Hallen, in welche das Mondlicht hineinſchaut, Theater mit Decorationen, in denen wirkliche Waſſerfälle rauſchen und deren Perſpective ſich in grünen Waldthälern, dunkeln Schluchten und weißen Schneegipfeln hintereinander aufbauen, Irrgänge mit künſtlichen Grotten, rauſchen den Wäſſern, ſtäubenden Fällen und Muſchelhöhlen, Ausſichten auf weite Gegenden, deren Hintergrund blaue Höhenzüge bilden. Hierauf ſchildert der Autor in dieſer Scenerie die Aufführung eines raffinirt prachtvollen Ritterthums.

Doch gehen wir langſam nach einem andern Ende

des Zaubergartens. Auch dort klingt Muſik, keine

Schlachtmuſik, kein Einzugsmarſch, aber heitere Tanz⸗ aus Argyll⸗- Rooms ſind beute hierher verlegt, unter den blauen ſterngeſchmückten Nachthimmel, zwiſchen das Rauſchen der Baͤume und das Flüſtern der Winde, und die balſamiſche Luft der lauen Sommernacht; zwiſchen von Sandelholz haltend und Lauben und Buſchwerk, zwiſchen ſchimmernden Blu menbeeten, über welche die weißen Steinbilder aus

melodien. Die prächtigen Tanzſäle

Seen, deren dunkle Spiegel die Nachtwinde kräuſeln, führt uns unſer Weg vorüber. Blick auf einen weiten, glänzend beleuchteten Raum.

Da öffnet ſich der

Es iſt hier ſo hell, wie am Tage. Das Auge muß ſich erſt an dieſe glänzende Helle gewöhnen, ehe es

die Einzelheiten der feenhaften Scenerie unterſchei⸗

det. In runder Form ein Tanzſaal, nach allen Sei⸗

ten hin von offenen Bogen umgeben, durch welche

die Tänzer und Tänzerinnen auf die rauſchenden

Baumgruppen, auf die ſtillen Seeſpiegel, auf die

Minarets, auf die Kioske und auf die Laubgänge

ſchauen. Alle Bogen und Pfeiler ſind mit farbigen

Lampen umkränzt, jeder Pfeiler iſt in eine leuchtende

Blumenguirlande verwandelt, und leuchtende Blu⸗

menguirlanden verknüpfen die bunte Decke dieſes

feenhaften Tanzſaales mit den einzelnen Bogen. Wo in der Mitte die Radien des leichten Gebändes zu⸗

ſammenſtoßen, ſind alle Ecken in blumengeſchmückte

Grotten verwandelt, in denen die Tänzer und Tän⸗

zerinnen auf phantaſtiſch geſchmückten Sitzen ruhen können. Das Orcheſter iſt nicht ſichtbar. Die un⸗ ſichtbare Muſik ſcheint aus jenem von Laub gebilde⸗ ten Kiosk zu erklingen. Und wie ſie ſchön ſind, dieſe Tänzerinnen, welche den leichten ſchönen Fuß dort auf dem glatten Parquetboden nach dem Takte eines Lanner'ſchen Walzers bewegen! Englands Frauen und Mädchen ſind die ſchönſten Mädchen in Europa; und dieſe da, die dort tanzen, ſind die ſchönſten Mädchen in London. Welch' dunkle, feurige Augen⸗ welch' goldenes Haar, welch' rothe Lippen, welche elaſſiſchen Züge, welch' üppige prächtige Geſtalten! Sie ſind alle in glänzender Balltoilette, das Haar mit Perlen und Blumen geſchmückt, die ſchön geform⸗ ten Schultern und Nacken entblößt, den bloßen Arm um den Tänzer ſchlingend, ſich an ihn ſchmiegend und dem immer raſcher auftretenden Tempo der Muſik folgend. Und wer ſind ſie, dieſe ſchönen Frauen in glänzender Balltoilette, das Haar mit Perlen durchflochten? Be⸗ wohnen ſie die hohen Steinpaläſte von Belgravia mit V den ſchweren Balkons vor den Fenſtern, an denen wir vorüberfuhren? Oder kommen ſie aus den ſtillen, vornehmen Straßen, welche auf die Bäume und Wie⸗ ſen von Hyde⸗Park und Regentspark blicken? Könnte jenes ſchoͤne Mädchen im golddurchwirkten Beduinen⸗ mantel, im weißen, mit roſa Schleifen geſchmückten Mullkleide etwa nicht eine Herzogin repräſentiren? Wie vornehm nachläſſig ſie dort auf der rothen Otto⸗ in der weißen zarten Hand den Fächer ſich das heiße Geſicht kühlend. Ihr ſchmaler Fuß, mit grauen zierlichen Zeugſtiefeln bekleidet, ruht auf dem ſammtenen Kiſſen;

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