Jahrgang 
01-25 (1864)
Seite
106
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106 Novellen⸗Jeitung.

Der Dichter kann ſich einen ſolchen Helden eben ſo gut nach dem Zeitbedürfniß aus freier Phantaſie erſchaffen und in gleicher Weiſe in fingirten geſellſchaft⸗ lichen Cirkeln ſeine Ideen austragen und zur Geltung bringen laſſen. Dieſe literariſche Manipulation iſt nicht im entfernteſten neu; leider aber fängt der ge⸗ ſunde Muth und die Beſcheidenheit, wieder zu der⸗ ſelben zurückzukehren, an, zu den Neuheiten zu zählen.

nicht blos Perſonen reden und handeln laſſen, die todt ſind, ſondern auch ſolche, die noch heute leben und einen günſtigen oder ſchädlichen Einfluß auf die Politik und die Socialgeſchichte ausüben. Er hat die Gewalt, uns mitten auf das Forum des öffentlichen Tageslebens zu führen, und ſein Dialog kann in künſtleriſcher Geſtaltung und Modificirung das Echo jener Geſpräche ſein, die in den geheimen Sitzungen

Wer als Romandichter in dieſer Weiſe verfährt,

der Cabinete erklingen oder als ideale Gedankenmacht

wird allerdings den ſcheinbaren Nachtheil haben, daß V die Bruſt der Nation erfüllen.

ſein ſelbſtgeſchaffner Held nicht ſofort in den Augen der Menge auf dem Piedeſtal allgemeiner Celebrität ſteht und als eine intereſſante Figur augenblicklich willkommen geheißen wird. Für urtheilsloſe Leſer hat es freilich etwas Beſtechliches, zu glauben, Cer⸗ vantes oder Shakeſpeare hätten wirklich in irgend einer beſtimmten Lebenslage(die oft, beiläufig geſagt, niemals exiſtirt hat) jene Worte, um nicht zu ſagen Phraſen, geſprochen, die ihnen die Herren Kilian, Biedermeier, oder wie ſie ſonſt heißen mögen, in den Mund legen. Doch die Minorität, welche als die klügere Partei in allen Fragen der Welt den letzten Erfolg entſcheidet, ſtellt ſehr bald die Unzulänglichkeit ſolcher Beſtrebungen feſt, und gerade der Vergleich mit der realen Wirklichkeit entwerthet das unberech⸗ tigte Spiegelbild.

Wo es ſich jedoch um eine durchweg freie Er⸗ findung handelt, wo keine Perſon, auch nicht die Titel⸗ figur hiſtoriſch iſt, da fällt die nachtheilige Abwä⸗ gung eines ſolchen Vergleichs mit dem Originale fort, und die weniger hoch geſpannten Anforderungen des Leſers müſſen gelten laſſen, daß der Heros ein Recht hat, geiſtig unbedeutender zu erſcheinen, als irgend ein namhafter Genius der Vergangenheit. Er kann dabei immer guten und tüchtigen Ideen dienen, und ohne Vorbild hat er den immenſen Vortheil, ſich ſtets ſelbſt zu gleichen und getreu zu ſein.

Und noch ein anderer Gewinn tritt bedeutungs⸗ voll genug hervor: wer Thatſachen und Verhältniſſe der vergangenen Wirklichkeit ſchildern will, übernimmt als erſte Grundbedingung die Verpflichtung, ſich mög lichſt ſtreng an die Wahrheit zu halten. Eben ſo heilig aber iſt es ihm, im vollſten Sinne des Worts tendenziös zu wirken, d. h. der Gegenwart einen be⸗ zuͤglichen Rückblick in die Vergangenheit zu eröffnen. Die Zeiten und Weltverhältniſſe aber wandeln ſich ewig neu, und ſelbſt das vergangene Jahr bietet oft dem Dichter keine paſſenden, nach jeder Seite hin ſchlagenden Parallelen mehr dar, wie er ſie für ſeinen Ideenplan haben möchte. Tritt er jedoch in allem Haupt⸗ und Beiwerk ſelbſt erfindend auf, ſo kann er, ohne hiſtoriſch ungetreu zu werden, unter anderen Namen

Dieſer allgemeinen Richtung gehört Bodenſtedt's kleiner RomanErnſt Bleibtreu an.

Der Verfaſſer giebt in einer Einleitung kund, daß er das Motiv zum Juhalt und zur Titelrolle ſeiner Erzählung der Wirklichkeit entnommen habe, und erſichtlich iſt es ihm in der That weniger darauf angekommen, eine künſtleriſch ſchön componirte, nach allen Seiten hin poetiſch ausgetragene Dichtung zu ſchaffen, als vielmehr in fragmentariſcher Form ein⸗ fach und ſchmucklos den Lebensabriß einer ſtreben⸗ den Jugendkraft zu geben, deren Schickſalslauf die verſchiedenen Lebensſtellungen des Adels und des Bür⸗ gerthums kennzeichnen hilft. Der Verfaſſer zeigt die Fäulniß und Gehaltloſigkeit der Ariſtokratie par ex- cellence, die ohne Gelegenheit zu mittelalterlichen Ritterthaten oder Buſchkleppereien aus ihren angeerb⸗ ten Vorurtheilen ein Metier macht und dabei noch immer von wirklichen Vorrechten und Standesbe⸗ günſtigungen unterſtützt wird. Er zeigt zugleich die bittere, ſich oft genug wiederholende Thatſache, daß das wirkliche durch Fleiß und Gediegenheit ſich von unten emporarbeitende Talent nur langſam, ja nur halb zu einem echten Lebensreſultat gelangt, während die alles Recht verhöhnende Protection den ignoran⸗ ten, anmaßenden Jüngling von reinem Geblüt und ebenſo reinem Gehirnwaſſer in's Schlepptau nimmt und ihm die einflußreichſten Poſten überantwortet. Gewiſſenlos und verrätheriſch überantwortet, dürfte man häufig ſagen, denn jene Stellungen liegen nicht ſelten in der höhern Sphäre der Diplomatie, und Völkergeſchicke ſind's, die den indifferenteſten herzlo⸗ ſeſten Gemüthern gleich einer ariſtokratiſchen Pfründe anvertraut werden.

Auf der andern Seite bleiben dagegen in den bürgerlichen Kreiſen wegen Mangel an Beachtung und angemeſſener Beſchäftigung die bedeutendſten In⸗ telligenzen brach liegen, und Deutſchland iſt das Ter⸗ rain, auf dem ſolche Kräfte vom Nihilismus ſeines Regimes am unverantwortlichſten vergeudet wurden. Welche Einſicht, welche Bildung und im Gegenſatz dazu welche traurigen politiſchen Reſultate! könnte man mit Verwunderung ausrufen, wüßte man nicht, daß