ich 1
weht
Vierle Folge. 105
Nur Ruh'! In deinem dunkeln Schooß Laß ſchlafen mich, als wär' ich todt; Es zieht der Schlaf die Hoffnung groß, Ach! auf ein neues Morgenroth.
O, flieh' mich nicht! Nimm auf dein Kind, O Nacht, in Deiner Schatten Hut; Je dunkler deine Schleier ſind,— Da träumt ſich's tief, da ſchläft ſich's gut!
Literariſche Briefe von Otto Banck.
Erzählungen von Friedrich Bodenſtedt: Ernſt Bleibtreu. München, Rieger'ſche Univerſi⸗ tätsbuchhandlung. 1863.
Der moderne culturgeſchichtliche Roman, welcher ſich nur an berühmte Perſönlichkeiten anlehnt, iſt nach und nach zu einem zu häufig hervortretenden Mode⸗ artikel geworden. Außerdem bietet er die großen, ſelten zu überwindenden Schwierigkeiten dar, bedeutende ſchöpferiſche Geiſter aus dem Gebiete der Geſchichte ſo zu ſchildern und durch die Kunſt zu reproduciren, daß man dieſes Spiegelbild mit der Wirklichkeit ebenbürtig nennen kann. Vielfache Beſtrebungen ſind bei dieſem Verſuche in der vollſtändigſten Mittelmä⸗
ßigkeit ſtehen geblieben, denn es findet ſich am häu⸗ figſten, daß der biographiſche Romanſchriftſteller ſich
geiſtig tief unter dem Niveau ſeines Helden befindet, und ſtatt ſcharfſinniger Gedanken, ſtatt naiv eingrei⸗ fenden intenſiven Dialogs nur ein oberflächliches Ge⸗ ſchwätz zu bieten vermag.
Es ſind zahlreiche Beiſpiele in der neuſten Lite⸗ ratur vorhanden, die beweiſen, daß man als Leſer nicht ohne ein unbehagliches Schamgefühl(welches man notabene für den Verfaſſer übernimmt) dergleichen cul⸗ turhiſtoriſche Erzählungen genießen kann. Es gehen in dieſen Büchern unter dem Namen„Friedrich der Große“,„Maria Thereſia“,„Ritter Gluck“,„Waſhing⸗ ton“ oder„Benjamin Franklin“ künſtlich ausgeſtopfte Geſtalten umher, die gepolſterte Reden halten und in ihren Mienen und Bewegungen kaum denjenigen Perſonen gleichen, welche wir ſchon als Conterfei von den Genannten in beſſeren Wachsfigurencabineten erblickt haben. Nur boten die letztern den Vortheil dar, daß ſie nicht ſprachen, ſondern nur ſtumm die ſchon präparirten Wachsaugen verdrehten und von Zeit zu Zeit den Mund auf⸗ und zuklappten, und hier⸗ bei konnte man ſich je nach Bedürfniß etwas beliebig Vortreffliches denken. Die jetzigen Romangeſtalten,
die ferner in ihrer äußern Erſcheinung noch oft genug mangelhaft beſchrieben ſind, verderben aber dem will⸗ fährigſten Leſer beim Beſchauen ganz und gar den V Spaß, indem ſie faſt jedesmal im entſcheidenden Mo⸗ ment anfangen, ungenügendes oder, wenn es ſein kann, dummes Zeug zu reden,— und dies kann ſehr häufig, ja kann faſt immer ſein, wie hundert Exem⸗ pel beweiſen.
Früher wußte man wohl auch in der Literatur, daß es recht intereſſant ſein könnte, einen öffentlich gefeierten Mann, einen Dichter, Tonkünſtler, Philo⸗ ſophen, Monarchen oder ſonſtigen hiſtoriſchen Heros zur Hauptfigur eines Romans zu machen und ihn ſtrebend, kämpfend, liebend und leidend durch die directe Rede vorzuführen; doch man war nicht ſo keck, dieſes Experiment häufig zu unternehmen, und wir müſſen dieſer Pietät dankbar ſein, da ſie uns ſo viele mißrathene Schöpfungen in ihrem vorlauten Keimpunkt unterdrücken half.
Gegenwärtig baut die leichtſinnige Schriftſteller⸗ Eitelkeit und Anmaßung über jenen Keimpunkt indu⸗ ſtriöſer Romanſpeculation ein warmes Miſtbeet, und die an ſich kaum lebensfähigen Miniaturgebilde wer⸗ den wie Pilze in die Höhe getrieben und wie hoff⸗ nungsvolle Palmenbäume von dem vergnügten Gärt⸗ ner behandelt.
Angeſichts dieſer Richtung des culturhiſtoriſchen Romans, welche eine Sch'öpferkraft, ein techniſches Talent, eine Sammlung des kenntnißreichen Geiſtes und einen aufopfernden Fleiß der Arbeit in ſo hohem Grade verlangt, wie man dieſe Eigenſchaften heuti⸗ gen Tages nur ſelten findet und, was proſaiſch klingt, aber wahr iſt, noch ſeltener bezahlt,— angeſichts dieſer überwuchernden Moderichtung des biographiſch⸗ culturgeſchichtlichen Romans wird es immer willkom⸗ men genannt werden müſſen, wenn einzelne gediege⸗ nere Köpfe zu einem allgemeinern Genre jenes Romans wieder zurückgreifen.
Was ich hierunter verſtanden wiſſen möchte, wird ſich durch eine kurze Erklärung leicht faßlich und, ich hoffe, auch einleuchtend machen.
Wenn ein Romandichter nämlich die ehrenwerthe Grundtendenz hat, auf den Fortſchritt ſeines Zeit⸗ geiſtes dadurch fördernd einzuwirken, daß er ihm das Ringen und Siegen einer tüchtigen Mannheit im Kunſtgebilde entgegenhält und dieſe Compoſition be⸗ hufs directer Beziehungen womöglich der Gegenwart entnimmt, ſo iſt es gar nicht nothwendig, daß er ſich zu dieſem Zweck eines Helden bedient, der wirklich gelebt hat und mit all ſeinen vorzüglichſten Umgangs⸗ kreiſen als eine öffentliche Erſcheinung bereits in den Annalen der Specialgeſchichte fixirt worden iſſt.


