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wache aufgerufen, im Négligé aus ſeiner niedlichen Erdhütte und empfing die Engländer mit der Ehr⸗ furcht, welche ihre Uniform erheiſchte. Der Schotte verlangte auf Befehl Daru's den Beſtaud der Mu⸗ nition mit den von dem Oberſten eingereichten Liſten zu vergleichen. Der alte Oberſt kleidete ſich an und begleitete die beiden Inſpectoren in das Innere des erſten Magazins, wo er, zwiſchen den ſchwarzen Ton⸗ nen und Fäſſern umherlaufend, ihnen die genaueſten Aufſchlüſſe zu geben bemüht war.
Jetzt verlangte der Adjutant auch, man möge eine Patronenkiſte öffnen, damit man ſich überzeuge, wie viel Bunde dieſelbe enthalte. Einige Artille⸗ riſten, mit weißen Blouſen und in Filzſchuhen, traten auf Befehl des Directors vor und öffneten wirklich eine Kiſte.
Der Adjutant griff zwiſchen den Paketen umher und ſagte dann, er ſei zufrieden. Die Kiſte ward wieder geſchloſſen. Jetzt kürzten die beiden Officiere ihre Inſpection ſehr ab, empfahlen ſich dem Oberſten, der von der Höflichkeit dieſer Herren vollſtändig be⸗ zaubert war, und gingen raſch zum Lager zurück, indem der Oberſt wieder in ſeine Lehmhütte ſchlüpfte. Hier hörte er draußen ſeine Leute disputiren.
„Ich hab's aber doch geſehen...“ ſagte ein alter Sergeant.„Ihr werdet mich nicht blind machen.“
„Ah, Papa Corbiau ſieht immer mehr als andere Menſchen!“ riefen die Artilleriſten.„Und wie ſah denn das Ding aus, wenn Du erlauben willſt?“
„Das weiß ich nicht...“
„Hört, das weiß er nicht!“ rief ein Unterlieute⸗ nant, indem er, zu ſeinen Cameraden gewendet, die Pantomime des Trinkens machte.
„O mein junger Freund, ich bin noch nicht zu Ende!“ ſagte der Sergeant ſehr aufgebracht.„Es ſah aus, das Ding... Wartet... ja richtig...“
„Du weißt nichts, Corbiau, ſiehſt Du!“
„Das iſt ganz richtig; aber es war etwas Glän⸗ zendes; verdammt bin ich darauf... etwas Glän⸗ zendes...“
Die Soldaten lachten furchtbar.
„Er hat ſeine Flaſche geſehen!“ riefen die jungen Leute.„Und dieſe ſpukende Flaſche, was machte die, Papa Corbiau?“
„Ihr ſeid Grünſchnäbel, mort de ma vie! Der Herr Adjutant aber hat das Ding...“ Corbiau be⸗ ſann ſich.
„Eh bien? Was hat er?“
„In die Patronenkiſte gelegt, ganz unter die Bunde, ſo daß es davon bedeckt wurde...“
Ein ſchallendes Gelächter antwortete ihm. Man behauptete, der alte Schnurrbart träume noch und man
Novellen⸗Zeilung,
griff ihn an die Arme, um ihn wach zu ſchütteln— Papa Corbiau aber ſchwur bei den Pyramiden, daß er hingehen werde, um dem Oberſten dieſe Belei⸗ digungen anzumelden. Man verſuchte eben, ihn auf andre Gedanken zu bringen, als der Oberſt ſelbſt erſchien und den Papa Corbiau zu examiniren anfing.
Zu den Plätzen der Art, wie ihn der alte um⸗ fangreiche Oberſt bekleidete, pflegen ſelten Officiere berufen zu werden, die im activen Dienſt noch mit Nutzen zu verwenden ſind. Dieſer alte Oberſt, ziem⸗ lich invalid an Geiſt und Körper, hatte durchaus das Pulver nicht erfunden, mit welchem er ſich Tag für Tag plagen mußte, und es währte daher eine ziemliche Weile, bevor er den Papa Corbiau capirte. Nach⸗ dem aber der Oberſt und der Sergeant etwa zehn Minuten einander unmittelbar gegenübergeſtanden und beide mit aller Gewalt ihre greiſen Schnurrbärte ge⸗ dreht hatten, verſtändigten ſie ſich endlich. Mit einer Art militäriſchen Inſtincts überdachte der alte Oberſt dieſe frühzeitige Inſpection; er rief ſich Alles genau zurück, und die Sache fing ihm an verdächtig zu werden, ſo verdächtig, daß ihm der Angſtſchweiß vor die Stirn trat.
„Und Du würdeſt dieſe Kiſte wieder erkennen? Du machſt Dich anheiſchig, ſie aufzufinden, Corbiau 2“ rief der Officier.
„Sicherlich.“
„Vorwärts!“ ſagte der Oberſt, holte die Schlüſſel und ging, was ihm ſehr hoch anzurechnen iſt, da er allein die ganze Wahrheit ahnte, mit feſten Schritten dem Magazine zu. Er ſchloß auf, und Papa Corbiau, gefolgt von den lachenden jungen Cameraden, trat ein, fand die Kiſte und in der Kiſte das Glänzende, welches der junge Adjutant hineingelegt hatte.
Der Oberſt griff faſt convulſiviſch danach und eilte raſch mit dem Dinge zum Magazine hinaus. Er hörte gar nicht auf mit Laufen, bis er endlich, hin⸗ reichend von den Pulvermaſſen entfernt, Halt machte. Seine Leute ſtanden neben ihm.
Dieſes Ding war wie eine Taſchenuhr geformt, die durch eine metallene Kapſel hermetiſch eingeſchloſſen iſt. Dieſe Kapſel zeigte rundherum eine Anzahl kleiner Löcher. Die Soldaten verſuchten es verge⸗ bens, dieſe Uhr mit ihren Taſchenmeſſern aufzubrechen, bis endlich der Oberſt erklärte, man ſolle ſie auf einen freien Platz legen und das Weitere abwarten.
Die Uhr lag alſo auf dem grünen Anger. In ziemlicher Entfernung ſtand die Gruppe der Soldaten und ſahen geſpannt auf den glänzenden Punkt.
Nach genau eilf Minuten zuckte die Uhr und bewegte ſich; dann brannte aus jedem Loche ein
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