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98 Novellen⸗
tor de Ruailles. Dicht neben ihm Joſeph Franceschi, welcher von Zeit zu Zeit eine Karte entrollte und den Segelſtrich prüfte, ſowie der Matroſe an den Vorderſteven, welcher ununterbrochen lootſete, die Fa⸗ denzahl der Waſſertiefe ausrief. Der Gascogner trug richtig Epaulettes.
„Anderthalb!“ ſchrie der Lootſe.
„Umgelegt!“ commandirte der Capitain.
„Brandung am Tribord...“ bemerkte Franceschi:
„beſtehſt Du denn darauf, Victor, daß wir heute auf V 2, Rnaut hentn di daß ſh 26. Auguſt hinein, und ich wünſchte nur, daß ſich die
der Bank logiren und ſtranden ſollen?“ Victor ſah dem Freunde düſter in's Auge.
„Ja, Franceschi,“ erwiderte er mit einer Stimme, 3 den„Verſtorbenen“ wenigſtens für zwei Lebendige
die vor dem Rauſchen und Klatſchen der Wellen kaum hörbar wurde;„ja, Franceschi, nach den fürchterlichen Entdeckungen, die Du mich heute Abend machen ließeſt, zieht es mich wie mit Geiſterhänden hinab zu der ruhigen finſtern Tiefe...“
Victor unterbrach ſich; denn er war genöthigt, in dieſem Augenbeicke ſeine geſpannteſte Aufmerkſam⸗ keit der Bouſſole zuzuwenden.
„Wie war das?“ ſagte der Gascogner, die Hand an's Ohr legend.„Die verdammte Schaluppe hat ja auf einmal den Einfall, zu rollen... Ich hörte nichts!“
„Ich bin im Innern vernichtet!“ vief der Capitain dem Freunde mit ſtarker Stimme zu, indem er ſich mit dem Aermel den fliegenden Giſcht aus den Augen wiſchte und dann in der Finſterniß die Takelage zu muſtern ſtrebte.
„Ach ſo! Jetzt begreife ich, Freund! Du declamirſt wie Talma!“ ſchrie der unverbeſſerliche Spötter. Dann brachte er das Nachtglas an's Auge und blickte über die finſtern Gewäſſer hin nach der ziemlich entfernten Wachtlinie und nach der Rhede.
Die Schaluppe ſchnob jetzt ſteil am Winde dahin. Der blonde Capitain bewachte wie ein Falke die Be⸗ wegungen ſeines Fahrzeuges.
„Es iſt doch Alles richtig, Joſeph?“ fragte er mit Lebhaftigkeit.—
„Bis jetzt, ja!“ erwiderte der kleine Seemann unmuthig.„Beſtehſt Du aber darauf, Dich noch weiter von dem Schlupfpaß zwiſchen den beiden Bänken zu entfernen, ſo kann's ſehr unrichtig werden, sacrebleu! Die Fluth ſteigt mit Maͤcht zur Höhe und mit jedem Augenblicke wird's drüben für eine derbe Jölle be⸗ quemer, ſich durchzuſchmuggeln... Aber Du ſiehſt und hörſt nicht... Mit Dir iſt heute Nacht nichts zu beginnen...“
„Ach, ich ſagte Dir, ich bin im Herzen geſtorben!“
bemerkte Victor verzweifelnd, indem er ächzend dem
Zeitung.
Steuerrade einen Druck gab.„Aber ich ſchwöre Dir, daß Du ſehr im Unrecht biſt, wenn Du mich deswe— gen der Zerſtreuung und der Nachläſſikeit anklagſt... Tournez les voiles!“ commandirte er dann mit einer wahren Löwenſtimme, indem er das Ruder vollſtän⸗ dig andrehte, um ſich mit der Stirn ſteil in Wind zu legen.
„Mordious!“ rief der Gascogner.„Für einen Todten haſt Du eine äußerſt kräftige Lunge. Du findeſt Dich allgemach in Deine herrliche Laune vom
bons amis Deines ſchurkiſchen Schwiegervaters in spe zeigen möchten. Ich würde dann das Vergnügen haben,
kämpfen zu ſehen.“
Victor machte eine heftige Bewegung.
„Ach, dieſe Hoffnung iſt mein Troſt!“ knitſchte Victor.„Welche unerhörte Verrätherei! Ich will nicht mehr daran denken; aber wir werden Rache nehmen, Joſeph, hörſt Du, wir werden! Nimm das Nachtglas, mein Burſche! Beobachte unausgeſetzt die
Gegend der Dünen. Ein Mann wie La Ferroux hat
ſich nicht umſonſt ſo angelegentlich nach dieſem Punkte erkundigt...“
Während die Schaluppe, nur langſam zurückwei⸗ chend und von der andringenden Fluth unterſtützt, ſich gegen den Landwind zu behaupten ſtrebte, ſchoß ein kleines Boot mit der Geſchwindigkeit eines Pfeils den Bänken zu. Es war in der Dunkelheit faſt un⸗ ſichtbar, und kein Laut der hohlknarrenden Ruder verrieth das Nahen deſſelben, ein Zeichen, daß man ſo vorſichtig geweſen war, die Ruder zu umpickeln. Die Nußſchale trug nur einen Mann, aber nach der Geſchwindigkeit, womit dieſer ſein Fahrzeug fort⸗ trieb, beſaß er ſicher die Kraft von zwei„ſtraffen Burſchen“. Mit ausgezeichneter Geſchicklichkeit ſchoß er in der Höhlung der Wogen fort, und mußte er zu⸗ weilen die Kämme derſelben paſſiren, ſo zeigte er ſich nur auf einen ſo kurzen Augenblick, daß man ihn ſehen und dennoch ſchwören konnte, man habe ſich getäuſcht.
Das war das Boot des Verräthers. Frangois Bart, der entſchloſſenſte und gewandteſte der Boulog⸗ ner Lootſen, ſtrich über die Rhede und ſchoß neben den angeankerten Wachtſchaluppen fort, ohne daß ſein Herz ſchneller als gewöhnlich ſchlug. Die Füße vor den Stoßriegel geſtemmt, zwei breite Ruder⸗ riemen über Nacken und Schultern, erhob er ſich taktmäßig, um ſich bei'm Anziehen der Ruder faſt der ganzen Länge nach auf den Rücken zu wer⸗ fen. Dies waren die Augenblicke, in denen er mit ſeinen in der Dunkelheit glühenden Augen rechts


