Jahrgang 
01-25 (1864)
Seite
77
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Sie iſt überhaupt von allen Künſten, wenn Die Bearbeitung

Jahrhundert. nicht die älteſte, doch eine der älteſten. von Schmuckſachen, die bei allen großen Völkern des Alter⸗ thums auf einer hohen Stufe ſtand, war von Aſien und Ae⸗ gypten nach Griechenland gekommen, hatte ſich bei den Etrus⸗ kern noch mehr vervollkommnet und war mit dem Luxus zu⸗

gleich nach Rom gelangt. Dieſe Hexrrin der Welt wurde der Hauptſitz der Goldſchmiedekunſt. Von Rom kamen die erſten Goldſchmiede, welche dieſen Namen verdienten, nach Gallien. Man hatte dort vor ihnen ſchon Gold bearbeitet, aber dieſer plumpen Schmiederei fehlte es an Modellen und leberliefe⸗ rungen. In der chriſtlichen Zeit erhielt die Goldſchmiede⸗ kunſt, die immer eine treue Dienerin der Religionen iſt, eine beträchtliche Entwicklung. In der That leiſtete ſie der Kirche eine weſentliche Hülfe, als dieſe begann, in ihre Ceremonien Pomp zu legen, um die Augen zu blenden und die Gemüther zu beſtechen. Die Arbeiten in Gold und Silber wurden aber damals mehr nach dem Gewichte geſchätzt, als wegen ihrer künſtleriſchen Ausführung geachtet. Conſtantin der Große ließ 4000 Pfund Gold und 40,000 Pfund Silber zu Ge⸗ fäßen verarbeiten, die er an die römiſchen Baſiliken ver⸗ ſchenkte. In der Geſchichte der Päpſte von Athanaſius fin⸗ det man ein langes Verzeichniß dieſer Sachen. Die Hun⸗ nen, Franken und Vandalen, die ſich von allen Seiten auf Gallien und Italien warfen, wurden zum Chriſtenthum be⸗ kehrt und gaben den Kirchen und Klöſtern hundertfach wie⸗ der, was ſie ihnen anfänglich geraubt hatten. Von der Re⸗ gierung Chlodwig's an trugen die Biſchöfe und Aebte ein Kreuz, eine Inful und einen goldenen Ring. Die Gebeine der Heiligen ruhten in Schreinen, die mit Edelſteinen ge ſchmückt waren, und die heiligen Gefäße beſtanden aus Gold und Silber. Der älteſte Name eines Goldſchmieds, der ſich er halten hat, iſt der Name Mabuinus und gehört den 5. Jahr⸗ hundert an. Im Jahre 1846 hat man in Gourdon einen Teller und ein Gefäß gefunden, die beim Gottesdienſt ge⸗ braucht wurden. Die zahlreichen Denkmünzen des Juſtinus, die man neben dem Teller in der Erde gefunden hat, weiſen, wie die Natur der Arbeit, auf das 6. Jahrhundert hin. Das Vorhandenſein dieſes Schatzes wurde durch örtliche Ueberlie⸗ ferungen angedeutet, und man hatte in der Nähe der Kirche ſchon mehrere Male nachgegraben. Endlich fand eine Schäferin das Neſt zufällig, dicht an der Ober⸗ fläche, unter einem großen römiſchen Ziegelſtein. Die Gold⸗ ſchmiedekunſt war übrigens gewiſſermaßen die nationale Kunſt der Franken. In der Zeit, wo das Gold für die Ver körperung der königlichen Macht galt, ſtanden die Gold ſchmiede den Königen ſehr nahe. St. Elias war Goldſchmied, ehe er Miniſter Dagobert's I. wurde, und blieb Goldſchmied, als er ſein hohes Amt erhalten hatte. Dieſer Heilige wurde zu Limoges, der Mutterſtadt der Goldſchmiede und Schmelz⸗ arbeiter, gegen das Ende des 6. Jahrhunderts geboren. Es mangelt uns der Raum, ſein merkwürdiges Leben zu erzäh⸗ len und ſeiner zahlreichen Arbeiten zu erwähnen. Bekannt⸗ lich wurde er der Schutzpatron der Goldſchmiede. Sein Namensfeſt wurde am 1. December und das Feſt der Ver⸗ etzung ſeiner Leiche am 25. Juni gefeiert. Bei dieſen Feſten

waren Geſänge gebräuchlich, die bis zum 11. und 12. Jahr⸗ hundert zurückgehen und das Leben des Heiligen in recht gu⸗ tem Larein erzählen. Die drei erſten Strophen lauten, in Proſa überſetzt:Bei ſeiner wunderbaren Kunſt blr ds den Werkmeiſter aller Dinge vor Augen und er⸗ keit dr einen Schöpfungen den Stempel der Dreieinig⸗

. 80 ubertrifft das Werk der Natur durch die Schönheit

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ſeiner Kunſt, und jin der Kunſt wie in der Natur beachtet er immer Form, Methode und Ordnung. Als er für den König Chlothar aus einem Stück Gold ein Gefäß macht, vermehrt der Schöpfer dem Künſtler zu Liebe das Metall.

An den Prachtſachen aller Art, die unter Karl dem Großen entſtanden, half die Goldſchmiedekunſt bedeutend mit. Unglücklicherweiſe ſind faſt alle Meiſterwerke dieſer Zeit im 16. Jahrhundert bei dem Kriege verſchwunden, den die Pro⸗ teſtanten gegen die Reliquien und Bilder führten. Die Schriftſteller des Mittelalters erzählen mit Bewunderung, wie merkwürdig reich die Goldſchmiedekunſt dieſer Zeit ge weſen ſei. Das Grab Karl's des Großen enthielt unermeß⸗ liche Schätze. Als der große Kaiſer 1166 heilig geſprochen wurde, hatte Friedrich der Rothbart einen ehrenvollen Vor⸗ wand, ſich des goldenen Stuhles, auf dem Karl der Große in ſeinen kaiſerlichen Gewändern ſaß, ſeines Schwertes mit ei⸗ nem goldenen Knauf, ſeiner goldenen Krone, ſeines Scepters und ſeines goldenen Schildes zu bemächtigen. Von dieſen Koſtbarkeiten iſt nichts übrig geblieben, als die Krone, die ſich im kaiſerlichen Schatze zu Wien befindet, und das Schwert, das zu Paris im Kronſchatze zu ſehen iſt.

Die Goldſchmiedearbeiten des 9. Jahrhunderts ſind ſehr ſelten. In der Pariſer Antikenſammlung ſieht man ei⸗ nen ſchönen goldenen Büchereinband von getriebener Arbeit. Je weiter man ſich von Karl dem Großen entfernt, um ſo barbariſcher wird die Kunſt, bis der Tag kommt, an dem das Jahr 1000 nicht mehr auf der Welt laſtet. Mit dem 11. Jahrhundert beginnt die Wiedergeburt der Kunſt, und die Goldſchmiede dieſer Epoche übertreffen alle andern Künſtler, ſelbſt die Baumeiſter. Vom 11. Jahrhundert an läßt ſich neben der kirchlichen Goldſchmiedekunſt auch eine weltliche unterſcheiden. Die Kreuzzüge hatten auf dieſe Kunſt einen großen Einfluß. Sie ging mit der Baukunſt immer in glei chem Schritt, und als die letztere den romaniſchen Styl mit dem gothiſchen vertauſchte und ihre reiche Ornamentik ent⸗ wickelte, ſchwang ſich auch die Goldſchmiedekunſt zu Spitzbö⸗ gen und Thurmſpitzen auf, verwickelte ſich in Säulen und Spindeln, verſchanzte ſich hinter Mauern und Zinnen und ſchmückte ſich mit Schmelzwerken und Gemmen, ſo daß man an eine kühne und ſchlanke Kapelle erinnert wurde, die von Vergoldungen, Gemälden und Glasmalereien glänzt. Jetzt entſtanden Schreine und Reliquienkäſtchen, deren Mo⸗ delle man eben ſo gut in Stein als in Gold hätte ausführen können. Immer waren es Motive der gothiſchen Baukunſt, welche die Künſtler nachahmten, und zwar nicht blos bei ih ren kirchlichen Arbeiten, ſondern auch bei Gegenſtänden, die für die Tafel und den häuslichen Gebrauch überhaupt be⸗ ſtimmt waren. Der Spitzbogen hatte den Rundbogen ſogar in den Formen eines Trinkgeſchirrs, eines Käſtchens, eines Salzfaſſes, einer Confectbüchſe verdrängt. Die Kirchen, die früher ernſt und ſchwerfällig geweſen waren, wurden elegant und leicht. Wie hätten da die Arbeiten in Metall, die man mit dem Hammer und dem Grabſtichel ausführte, an Eleganz hinter den Werken in Stein zurückbleiben können! Jetzt drang die Filigranarbeit in Europa ein, aber ſie wurde blos eine Ver⸗ bündete der Goldſchmiedekunſt, die man mit Recht als eine mo⸗ numentale Kunſt bezeichnet hat, und gedieh niemals zu der Vollkommenheit, welche ſie bei den Arabern erreicht hat. Die Goldſchmiedearbeiten des 12. Jahrhunderts ſind beſon⸗ ders in Frankreich ziemlich ſelten. Unter den ſchönſten und berühmteſten Stücken nennen wir den großen Kelch der Abtei Weingarten in Schwaben, das ſchöne mit Diamanten beſetzte Kreuz und das Kreuz in Niello zu Regensburg, den prächti⸗