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hoch über Obelisken und Pyramiden wehten von den Zelten des Kaiſers und ſeiner Feldherren die mit blitzenden kaiſerlichen Adlern gezierten koloſſalen fran⸗ zöſiſchen Tricoloren, deren ſchwere Seide ſich lautlos in der ſanft bewegten Abendluft wiegte.
Die Landtruppen waren nach dem Manöver be⸗ reits ins Lager einmarſchirt. Der furchtbare, endloſe Trommelwirbel, welcher ſich nach der Verleſung des kaiſerlichen Tagesbefehls für den folgenden Tag er⸗ hob, war verhallt. Die unabſehbaren Linien der Regimenter in den ſchnurgeraden Straßen des Lagers löſten ſich auf, und die ſchwerbewaffneten Soldaten verſchwanden in ihre Zelte und Hütten.
Nach fünf Minuten kamen ſie ſämmtlich, entwe⸗ der im Négligé oder im Sonntagsanzuge, wieder her⸗ vor, und augenblicklich begann in der Zeltſtadt, in welcher allein hundert und ſechzigtauſend Soldaten zuſammengedrängt waren, ein wahrhaft unermeßliches und unbeſchreibliches Treiben und Weben.
Zu dieſer Zeit zogen zehn Leute in Marine⸗ Uniform durch das Lager der Garden. Sie kamen auf die Straße Deſaix— jede Straße führte nämlich den Namen eines den Heldentod geſtorbenen franzö⸗ ſiſchen Kriegers— und näherten ſich dem prunkenden Zelte des Kaiſers.
Die Jünglinge trugen theils Officiersepaulet⸗ tes, theils die Achſelſchnüre der Souslientenants. Sie überließen ſich der ungemeſſenſten Heiterkeit.
Zwei der jungen Seeleute, Arm in Arm gehend, eröffneten den Zug. Eine Kette bildend folgten die Uebrigen. Sie ſangen und ſchwenkten die Hüte, ſtan⸗ den hier und dort ſtill und theilten an die vor den Zelten ihre Waffen putzenden bärtigen Grenadiere mit großer Freigebigkeit Wein aus. Dann ließen ſie, weiter marſchirend, vom Kaiſer bis zum Tam— bour, vom Admiral Villeneuve bis zum Schiffsjungen herab alle Welt, mit Ausnahme der Engländer, hoch leben.
Jetzt hatte der Zug die erſten Schildwachen des Kaiſers erreicht.
„Vive l'Empereur!“ ſchrieen die Seeleute und ſchwenkten die Hüte.
Zwei alte Gardes⸗du⸗Corps machten der heitern Geſellſchaft ein ſehr finſteres Geſicht und befahlen barſch:„Silence!“
„Vive l'Empereur!“ wiederholten die Jünglinge
mit aller Macht ihrer Lungen. „Meſſieurs,“ ſagte die Schildwache, im höchſten
Einer aus der Geſellſchaft.
Novellen⸗Jeikung.
„Du alter Schnurrbart willſt uns das Vive 1'Empereur verbieten?“ rief einer der Seemänner.
„Laß ihn doch!“ erwiderte ein Anderer;„man bekümmert ſich um dergleichen Abſurditäten nicht.“
„Wir ſtimmen alſo wieder an: Flottez, pavil- lon français!“ rief der Dritte;„aber zuvor ſoll dem
Kaiſer von ſeinen zukünftigen Flottenofficieren und
Admiralen ein Hurrah gebracht werden.“ Die beiden jungen Männer, welche bisher vor
ihren Cameraden ſtanden, wandten ſich um, und der eine ſuchte die Exaltirten zu beſchwichtigen, während der andere ſie noch anfeuerte.
Der„Erſte war ein ſchlanker hochgewachſener Menſch von zwanzig Jahren. Er trug eine durchaus neue, augenſcheinlich ſoeben aus der Hand des Schnei⸗ ders hervorgegangene Lieutenantsuniform und einen ebenfalls neuen Federhut. Das etwas blaſſe Geſicht dieſes jungen Mannes war ſchön, faſt ideal geformt. Er beſaß die ſchönſten blonden Locken von der Welt, welche ſich in zwei mächtigen Büſcheln über den Ohren wiegten. Seine offnen Züge und ſeine großen blauen Augen ſtrahlten vor Glück und Freu⸗ de. Seine Haltung war nachläſſig, aber vornehm; beſonders graziös war die Art, wie er die beiden Daumen in ſeine neue blitzende Schärpe geſteckt hatte.
Der Zweite war ein kleiner ſchmächtiger Bur⸗ ſche, vielleicht neunzehn Jahr alt, in der abgetragenen und dazu noch unordentlich angelegten Uniform eines Unterlieutenants. Dies war ein intelligen⸗ tes, verſchmitztes, bräunliches Gascognergeſicht mit gebogner Naſe und vorſpringenden Backenknochen, deſſen Augen, klein und hochſchwarz, vor Muth und Licht blitzten.
„Ruhig, meine Freunde,“ ſagte der Blonde, die Hand erhebend;„hört mich an, bevor Ihr zu ſingen beginnt.“
„Still! ſtill! der Admiral ſpricht!“ erwiderte „Laßt hören, was ſeine Excellenz, unſer neuer Lieutenant Victor de Ruailles zu befehlen hat.“
„Man höre nicht auf ihn! Obgleich Victor zu⸗
fällig heute Schaluppencapitain geworden iſt, ſo gilt
Grade über dieſe Toulourous, über dieſe Milchbärte, r ergrimmt,„ſchreien Sie noch ein einziges Mal in der mandiren, welches er ſeit zwei Stunden ſich ange⸗
Nähe des Zeltes Seiner kaiſerlichen Majeſtät, ſo werden Sie augenblicklich in Arreſt geführt!“
er hier doch nichts, als nur in der Eigenſchaft mei⸗ nes Pylades!“ ſagte der kleine ſchmutzige Unter⸗ lieutenant.
„Sehr richtig!“ antwortete der Chor.„Joſeph Franceschi's Worte unterliegen durchaus keinem Zwei⸗ fel. Victor ſchweigt. Man muß dieſen Schaluppen⸗ capitain nicht verwöhnen; man muß ihm das Com⸗
wöhnt hat, abzubringen ſuchen!“. „Laßt uns einen andern Platz für unſre Unter⸗


