Jahrgang 
01-25 (1864)
Seite
62
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Unter zehn dieſer Phyſiognomien ſind kaum zwei, die den

Schurken verrathen. Gefällige, freimüthige Geſichter, denen man die gute Erziehung, intelligente Blicke, denen man die Bildung anſieht, ſind ſtärker vertreten, als der lauernde Blick, die hinterliſtige Miene des Gauners.

Gutmüthige Burſche, denen man keinen argen Gedan⸗ ken zutrauen würde, Mutterſöhnchen, von denen man glau⸗ ben ſollte, daß ſie ſich fürchten, zur Nachtzeit allein über die Straße zu gehen, wohlwollend darein ſehende Greiſe, die keinem Armen ein Almoſen verſagen, feine Herrchen, deren einzige Sorge eine tadelloſe Toilette iſt, blicken dem Be⸗ ſchauer ſo unbefangen entgegen, als hätten ſie ſich eben für ihre Verwandten, für die Erkorenen ihres Herzens abnehmen laſſen.

Wenn man bedenkt, daß all' dieſe Gauner in dem Mo⸗ mente, wo ihr Daguerreotyp abgenommen wurde, als ver⸗ haftete Verbrecher mit dem vollen Bewußtſein daſaßen, viel⸗ leicht ſchon in den nächſten Tagen vor den Aſſiſen zu ſtehen, ſo muß man über die Unverſchämtheit der großen Mehr⸗ zahl derſelben ſtaunen.

Die heiterſten Geſichter findet man unter ihnen. Der rechtſchaffenſte Mann, der eben vor den Spiegel tritt, um

vor einem Spaziergange ſeine Toilette flüchtig zu überblicken,

kann nicht vergnügter ausſehen, als viele dieſer Subjecte. Einzelne lachen geradezu, als wollten ſie ſagen:Portraitire

du mich, ſo oft du willſt; ich bleibe doch dabei, daß Stehlen

bequemer iſt, als Arbeiten.

Viele Phyſiognomien verrathen auch eine gewiſſe Selbſt⸗ zufriedenheit, einen hohen Grad von Ueberzeugung, daß das, was ſie gethan, nicht gerade entehrend ſei.

Die Haltung vieler beweiſt, daß es ihnen auch darum zu thun war, in möglichſt vortheilhafter Stellung portraitirt zu werden. Die zerlumpten Geſtalten ſind ſchwach vertre⸗ ten und beſchränken ſich größtentheils auf die Altersclaſſen von 14 bis 20 Jahren. Die ältern ſind faſt immer anſtän⸗ dig, ſehr häufig elegant gekleidet.

Die Geſichter ſind größtentheils mager; die Augen ſel⸗ ten glotzend, hingegen häufig etwas zugezwinkt; häßlich ſind wenige, ſehr viele haben regelmäßige, mitunter ſehr einneh⸗ mende Züge. Die weiblichen Ladendiebe ſind größtentheils über dreißig Jahre alt, unſchön und ſehen faſt durchgängig boshaft aus. Boshafte Männerphyſiognomien ſind ſelten, reſolute häufig, die letzteren ſind gewöhnlich Einbrecher, wäh⸗ rend die gukmüthigen Geſichter den ſogenannten Höteldieben angehören.

Auf dem Bureautiſche des Sergeanten liegt ein großes, dickes Buch es iſt das Sündenregiſter Newyorks. In dieſem gehaltreichen Buche ſind ſie Alle verzeichnet, die der Schande verfallen, die theils ihren Curſus in Zucht⸗ häuſern und Staatsgefängniſſen überſtanden, theils noch in denſelben wohnen oder durch geſchickte Vertheidiger der ſtra⸗ fenden Hand der Gerechtigkeit entſchlüpften. Von Vielen weiß man mit Beſtimmtheit, daß ſie blos durch eine Reihe von Diebſtählen ihren Lebensunterhalt erwerben, allein es gelang noch nicht, ſie auf friſcher That zu ertappen oder eines Verbrechens zu überführen. Leute, die durch Hehlerei und Stehlerei ein bedeutendes Vermögen erworben haben,

ſtehen mit in dieſem Buche, die Aufzählung ihrer Grundſtücke

unter ihrem Namen.

In alphabetiſcher Ordnung mit genauer Perſonbeſchrei⸗ bung, Familiehkverhältniſſen, Geburtsland, Alter und Woh⸗ nung ſind mehr als tauſend Namen verzeichnet; blos zu ei⸗ nem kleinen Theil derſelben ſind die Illuſtrationen vorhanden,

Novellen⸗Zeitung.

da das Inſtitut derDiebsgallerie noch ſehr jung iſt. Je⸗ des Portrait iſt numerirt; will man den Text zum Bilde ha⸗ ben, ſo ſchlägt man die numerirte Namensliſte nach, dieſe nennt den Namen, ſowie alle alia des Gauners, die ſich manchmal auf vier bis fünf belaufen. Eine alphabetiſche Namensliſte zeigt nur die Seite des Hauptbuches an, die man nachzuſchlagen hat, und da findet man nun: N. N., alle Neben⸗ und Spitznamen, ein genaues Signalement, wohnt da und da, war ſo und ſo viele Jahre im Zuchthauſe. Nun folgt die Species; da heißt es z. B.working stages macht in Eiſenbahnwagen und Omnibuſſen oderwor- king theatresmacht in Theatern oderworking churchesmacht in Kirchen. Häufig findet man die Bezeichnungsneak, ein Schleicher, ein Hausdieb; oder knuck, ein ordinärer Beutelſchneider; odertrick, ein ſchlauer Betrüger von bedeutender Erfindungsgabe ꝛc. Am Schluſſe der Beſchreibung ſtehen gewöhnlich die Compagnons des Betreffenden verzeichnet; da heißt esdoing with N. N.macht Geſchäfte mit N. N.. Nach dieſen Connexi⸗ onen ſind gewöhnlich auch die Portraits geordnet, ſo daß die verſchiedenen Compagnons neben einander hängen.

Und nun einige Proben.

Im Portrait Nr. 21 lächelt dem Beſchauer eine der freundlichſten Phyſiognomien entgegen. Ein Mann von et⸗ lichen Dreißig, feine Geſichtsbildung, äußerſt wohlwollende Miene ein Gentleman, der keinem Manne, viel weniger einer Dame, einen Höflichkeitsdienſt verſagen wird. Die kleinen Aeugelein ſagen:Ein Wunſch von Ihnen iſt mir Beſehl. Aber was hat der große Shawl zu bedeuten, mit dem dieſem Herrn die Hände bedeckt ſind? Wenn wir im Hauptbuche nachſchlagen, finden wir: N. N., geboren

in Schottland, 32 Jahre alt, ſieht ſehrreſpectable aus,

working theatres er macht in Theatern. Die

Kunſtanſtalten des Broadway ſind der Schauplatz ſeiner⸗

Gaunereien. Namentlich bemüht er ſich, wenn irgend ein

Gaſtſpiel ein volles Haus und den Andrang von Equipagen

erwarten läßt, den Damen am Schluſſe der Vorſtellung be⸗ hülflich zu ſein, ihre Chaiſen zu erreichen, er hilft ihnen auch in den Wagen zu ſteigen und ſtiehlt ihnen dabei, während ſeine Hände unter dem ſchottiſchen Shawl manipuliren, die Börſe oder die goldene Uhr. Dieſe letzteren pflegt er mit einer ſehr kleinen, künſtlich gearbeiteten Zange von der Kette abzuſchneiden. Vor einigen Wochen wurde er vor Laura Kenne's Theater bei einer ſolchen Operation ertappt.

Nr. 13. Ein ſcharf markirtes Geſicht; das einzige, das im Profil aufgenommen iſt. Die hohe Stirne, die eng aneinander geklemmten Lippen, der nachdenkende Blick geben ihm beinahe das Anſehen eines Gelehrten. Allein ein klei⸗ ner boshafter Zug um den Mund, das keck gehobene Kinn verrathen den Geſchäftsmann. Er iſt der Rothſchild der Gauner, er iſt der reichſte Gauner in Newyork, vielleicht in der Union. Sein Grundbeſitz in Newyork und Umgebung i*ſt ſehr bedeutend, durchgängig, wie das dicke Buch ſagt, auf verbrecheriſchem Wege erworben. Er ſoll nicht nur lange Zeit der unſichtbare Leiter einer ſehr großen Diebsbande ge⸗ weſen ſein, ſondern auch jetzt noch Connexionen in allen Strafanſtalten beſitzen und der Fürſt der Hehler ſein.

Nr. 55. Ein ſchöner Mannskopf, von beiläufig 30 Jahren, energiſche Züge und im Blick jene Zuverſicht, die weiß, daß ihm der Sieg bei Frauen gewiß iſt.Er hat viel gelebt, das ſieht man ihm an, er iſt aber noch immer intereſſant, liſpelt eine Dame zu ihrer Nachbarin, wenn er in einem Salon ihnen gegenüber ſitzt. Zwei Falten auf

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