Jahrgang 
01-25 (1864)
Seite
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wer ſich von dieſer nicht gefeſſelt fühlen ſollte, wird ſich doch

immer für die allgemeine und in unſerer Zeit noch keines⸗

weges unnütze Entlarvung des Jeſuitentreibens intereſſiren. O. B.

Die Dame in Schwarz. Hamburg, bei J. F. Richter. 1864.

Auch Anregungen, Beiſpiele und Nachahmungen wir⸗ ken beträchtlich in unſerer modernen Novellenliteratur. Die raſch beliebt gewordene geheimnißvolle engliſcheDame in Weiß iſt nicht ohne Einfluß auf dieſe HamburgerDame in Schwarz geblieben. Schwarz iſt auch eigentlich für ſtille Frauen viel natürlicher als weiß, wenn es auch viel⸗ leicht nicht ſo phantaſtiſch ahnungsvoll auf die müßige Ein⸗ bildungskraft wirkt.

Uebrigens fehlt es ebenſo in dieſer Geſchichte, die den Vorzug der Kürze hat, nicht an gebeimnißvoll abenteuerli⸗ chen Zuſtänden. Der Verfaſſer hat ſich nicht genannt, da⸗ für aber auf deſto ſpendablere Weiſe für den Geſchmack der großen Leſermenge gearbeitet. O. B.

Hamburger Novelle.

Oberndorf. Roman von Robert Prutz. Leipzig, bei F. A. Brockhaus. 1862.

Es iſt eine in unſerer Gegenwart ſpielende und im Grunde einfache Geſchichte, welche uns Prutz hier mit der ihm eigenthümlichen Erzählerroutine vorträgt.

Gerade ſo wie ſich das wirkliche Menſchenleben durch⸗ ſchnittlich aus ſimplen Verhältniſſen und unbedeutenden Conflicten in eine belebtere, durch vielfache Verpflichtungen beanſpruchte Sphäre hinüberzieht, ſo iſt auch hier der Dich⸗ ter in gleicher Weiſe mit der ſucceſſiven Entwickelung ſeiner Perſonen und ihrer Schickſale verfahren. Die moderne ſtoff⸗ lich abenteuerliche Art der novelliſtiſchen Darſtellungen, die den Leſer durch Thaten förmlich berauſchen will, verſchmäht der Autor und neigt ſich ſchon in dieſer Beziehung einer ſo⸗ liden unbefangenen Schule zu. Seine Manier hat etwas behaglich Breites, an die mancher Engländer, z. B. Thacke⸗ ray's, erinnernd. Wie dieſer unterbricht er oft den epiſchen Fluß, um mit dem Leſer zu plaudern, und ſtellt als Commentar zu den Begebenheiten philoſophiſche Betrachtungen zwiſchen dieſelben. Aber ſie treffen einen leichtfaßlichen praktiſchen Ton und gehen oft mit Innigkeit und Lebenskenntniß auf die Sache ein. Ein paar Jugendfreunde ſcheiden von einander und nehmen Abſchied auf Wiederſehen.Abſchied, Wieder⸗ ſehen! ruft der Verfaſſer aus.Es hört ſich freilich an, als ob es gar nicht anders lauten könne und doch, zwi⸗ ſchen dieſen beiden Wörtern, die ſo eng zuſammen zu gehören ſcheinen, die ſo leicht, ſo gefällig von der Lippe fließen, was für Berge von Mühſeligkeiten und Beſchwerden thürmen ſich zu Zeiten dazwiſchen auf! Welche Abgründe öffnen ſich, tiefer und unerſättlicher, als daß ein ganzes Leben voll Kampf und Arbeit und Entſagung im Stande wäre ſie auszufüllen! Man muß noch ſehr jung ſein und ſehr unverſucht vom Schickſal, um ſeine Abſchiedsſtunden mit Gläſerklang und Scherzreden zu begehen; man muß noch ſehr jung ſein und noch einen ſehr kindlichen Glauben an die Zukunft haben, um in dem untergehenden Abendſtern des Abſchieds bereits den aufdämmernden Morgenſtern des Wiederſehens zu er⸗ kennen. Wir Andern, denen das Haar ſich allmählich zu fär⸗ ben beginnt und die wir erfahren haben, erfahren unter tau⸗

Novellen⸗Zeitung.

ſend Schmerzen und Enttäuſchungen, welch ſchweres Ding das Leben iſt und wie viele Wünſche hinwelken, edle, fromme gerechte Wünſche, einſam und unverſtanden, ohne daß ihnen jemals die Sonne der Erfüllung lächelte wir vermögen das nicht mehr. Mit jeder Hand, die ſich uns zum Scheide⸗ gruß entgegenſtreckt, ſehen wir im Geiſte alle die unzähligen Hände wieder, die ſich uns im Lauf der Jahre einſt ebenſo entgegenſtreckten und deren Druck uns dann nie wieder er⸗ freut hat; mit jedem neuen Abſchied, den wir nehmen, erwa⸗ chen die Geiſter früherer Abſchiedsſtunden, denen auch kein Wiederſehen gefolgt iſt; in jeden letzten Kuß, den wir auf liebe Lippen preſſen, miſcht ſich für uns, je weiter wir im Leben vorſchreiten, der Vorgeſchmack jenes letzten Abſchieds, der uns allen gewiß iſt und von dem noch niemand zurück⸗ gekommen...

Aber wohlan, laſſen wir der Jugend ihr Recht; es wird eben niemand klug, es ſei denn auf ſeine eigenen Koſten, und dieſe feige, ärmliche Klugheit des Lebens, die nicht mehr zu hoffen wagt, weil ſie ſich nämlich zu ſchwach fühlt, die

Enttäuſchung zu ertragen, kommt ſie nicht immer noch zeitig

genug?

Wir führen dieſes als Beiſpiel nur an, daß die Breite der Ausführung für verſtändige Leſer durch gehaltvolle Be⸗ trachtungen wieder gekürzt wird und eine ſolche Lectüre nicht dem gewöhnlichen Zweck einer blos materiellen Unterhaltung gewidmet ſein kann. Man braucht wohl kaum hinzuzufü⸗ gen, daß des Autors bekanntes Talent für heiter humori⸗ ſtiſche Scenen es auch an dieſen nicht hat fehlen laſſen.

O.

Unſeres Herrgotts Kanzlei von Wilhelm

Raabe(Jakob Corvinus). Braunſchweig, bei George We⸗ ſtermann.

Der große Kampf der lutheriſchen Stadt Magdeburg, welche ſich ſiegreich gegen die Uebergriffe des katholiſch kai⸗ ſerlichen Elements und ſeiner rohen Helfershelfer im Jahre 1550 behauptete, bildet den hiſtoriſchen Grund und Boden für dieſe Geſchichte.

Raabe, welcher ſich freilich einer ſehr maſſenhaften Pro⸗ duction hingiebt, iſt bewandert in der Darſtellung vergange⸗ ner Tage und weiß ſich mit Gewandtheit in den allgemeinen Charakter des mittelalterlichen Geiſtes hineinzuverſetzen. Mo⸗ derne Phraſen, wie ſie bei ſolchen Büchern ſonſt vielfach ſtö⸗ rend wirken, entfließen ſeiner raſchen Feder nicht.

Bei der Zerſtörung Magdeburgs von Tilly's Hand im Jahre 1631 and durch die Vernichtung der Kirchenbücher und Lurch de lieferungen für jene Stadt ſehr lückenhaft geworden. Der Verfaſſer hat ſich indeß nach Möglichkeit bemüht, mit Hülfe

einiger Chroniſten manche hiſtoriſche Geſtalten und Vor⸗-

gänge in ſeine Compoſition hineinzuziehen, und ſo giebt er ein lebendiges Genrebild, recht wohl geeignet, die Leſer zu unterhalten und zugleich auch einige Kenntniſſe über die Verhältniſſe der vergangenen Tage zu verbreiten. 9

Briefwechſel.

S. S. in B. Beſten Dank. Ihre beiden Gedichte ſind eingegangen und werden bald aufgenommen.

n unter Verantwortlichkeit von Ollo Suedich Dürr in Leipzig. Verlag der Dürrſchen Buchhandlung in Leipzig. Druck von A. Edelmann in Leipzig.

Zrand der Stadtarchive die hiſtoriſchen Ueber⸗