Jahrgang 
01-25 (1864)
Seite
20
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Novellen

Mein heiliger Ernſt!

Die Trompeten forderten zum Beginn des Balles auf. In wenigen Augenblicken ſtrahlten die Tanzſäle in einem glänzenden Feuermeere, denn ein paar hundert Hände hatten die großen goldenen Kron⸗ und Wandleuchter gleichzeitig angezündet. Hofmarſchälle erſchienen mit brennenden Fackeln, und die Paare traten zu dem Introductionstanze, einer Art von Polonaiſe, an; die Kaiſerin und Graf Raſumoffski eröffneten den Zug, jeder Herr führte die Dame, die er in ſeinem Schlitten gefahren hatte, zum Tanze, der Major alſo die Fürſtin Kokorinow. V

Dem feierlichen Fackeltanze folgten die damals üblichen Rundtänze und Francaiſen. Der Major durfte, um nicht Aufſehen zu erregen, nicht länger an der Seite der Fürſtin verweilen, die ſich unter die höchſtgeſtellten Damen miſchte und in der Folge bald dieſen, bald jenen Tänzer fand. Beſonders war es Graf Beſtuſcheff, der ihr große galante Aufmerkſamkeit erwies und ſie wiederholentlich zum Tanze führte; wie der Major wohl bemerkte, denn er beobachtete ſcharf, venahm ſich Baſſa gegen jenen freundlich artig, ohne ihm, allem Anſcheine nach, beſondere Hoff⸗ nungen zu machen.

Auch Alexis ſelbſt tanzte ein paar Mal mit der Fürſtin, die ihm gern die Rechte eines alten Be⸗ kannten einzuräumen ſchien. Der Major fühlte ſich immer mehr von ihr entzückt und vergaß die Kaiſerin faſt ganz.

Aber Eliſabeth hielt ihr Wort, das ſie ihm bei der Schlittenpartie gegeben hatte. Sie ſandte ihm A einen ihrer Kammerherren zu und ließ ihn auffor⸗ 6 dern, ſie zum Tanze führen. Der Major gehorchte mit etwas ängſtlich klopfendem Herzen, denn es hatte 3 55* ihm nicht entgehen können, daß die Kaiſerin ſein 7 frreundſchaftliches Einverſtändniß mit der Kokorinow gerade nicht mit den billigendſten 1 hatte.

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t Bliss beobachtet

Zeitung.

er konnte, und erwiderte, die Fürſtin ſei allerdings ſehr ſchön und liebenswürdig, aber jedenfalls ſei ſie nicht die Schönſte und Bewunderungswürdigſte in dieſer Verſammlung. Alexis log, was blieb ihm der offenbar eiferſüchtigen oder mißgünſtigen Eliſabeth. gegenüber aber Anderes übrig? Es war bekannt, daß die Kaiſerin ſtets für die ſchönſte Frau ihres Reiches gelten wollte.

Und wer iſt hier die Schönſte und Bewun⸗ derungswürdigſte? fragte ſie.Geſtehe es mir offen, ich bin doch neugierig, ob ich Deine Anſicht zu theilen vermag.

Ich darf es nicht wagen, Majeſtät, ſie zu nen⸗ nen, antwortete der Major.

Die Kaiſerin wußte die Antwort im Voraus und glaubte ohne Zweifel auch an ihre Aufrichtigkeit. Mancher würde ſie, die reife, üppige Schönheit, viel⸗ leicht allen Ernſtes der jungen Fürſtin, ſo wie allen übrigen Damen vorgezogen haben; ſie vergaß nur, daß ihr der ſo unendlich verſchönernde und verklä⸗ rende Ausdruck wahrer Weiblichkeit und Unſchuld fehlte. Sie lächelte den Major freundlich an und ſagte:

Ich befehle Dir aber, Alexis Dmitrijew, auf meine Frage zu antworten.

Der Major befand ſich in der peinlichſten Ver⸗ legenheit; er konnte nur die Kaiſerin ſelbſt nennen, er wußte auch, daß ſie ihm dies nicht übel deuten werde, aber am meiſten fürchtete er gerade das Ge⸗ gentheil, ſeitdem er die Fürſtin Kokorinow kennen gelernt hatte.

Sie ſind es, Madame, antwortete er zögernd.

Die Kaiſerin ſchien ſehr zufrieden, aber aus Koketterie drohte ſie ihm lächelnd mit dem Finger.

Laſſe das Niemanden hören, meinte ſie ver⸗ traulich,Du könnteſt Dir ſonſt böſe Feinde machen; ich habe heute bereits einen harten Stand mit Ra⸗ ſumoffski gehabt, aber es iſt mir gelungen, ihn wieder vollkommen zu beruhigen.

Eliſabeth war durch die ſchöne Baſſa bereits vollſtändig wieder aus ſeinem Herzen gedrängt wor⸗ den; alle Vorwürfe, die er ihr früher gemacht, hatten jetzt wieder an Gewicht gewonnen, und an die Stelle ſeiner dadurch, daß ihn die Kaiſerin evhugde h geſchmeichelten Eitelkeit war jetzt ein viel heißeres und edleres Gefühl getreten, das ihn zu der jungen Fürſtin zog.*

Er hatte ſich kaum ſeiner Pflicht, mit der Kai⸗ ſerin zu tanzen, entledigt, als dieſe ihn mit einem raſchen prüfenden Augenblitze fragte:

Nun, Alexis Dmitrijew, findeſt Du die Kokori⸗ (now ſchön?

Der Majoy bekämpfte ſeine Verlegenheit, ſo gut

Iſt meine Kaiſerin nicht Herrin über Alle? konnte der Major nicht unterlaſſen zu fragen.

Ja, erwiderte Eliſabeth mit einem leichten Seufzer,ich bin aber auch Weib.

Nach einer kleinen Pauſe fuhr ſie fort:

Du gefällſt mir, Alexis Dmitrijew, durch Deine ffenheit, und kannſt Dich meiner ſteten Gnade für verſichert halten. Ich werde Dich noch öfter ſprechen, und wir werden bald gute Freunde ſein. Richte Dich in jedem Falle nach den Weiſungen, die Dir Leſtocq zugehn laſſen wird. Uebrigens bin ich noch in Dei⸗ ner Schuld für die Pferde, die Du mir zum Geſchenk gemacht haſt; nimm dafür dieſes Andenken an niich.