Jahrgang 
01-25 (1864)
Seite
18
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Reichs⸗Vicekanzler Graf Alexei Beſtuſcheff-Riumin, der damals ſchon über ſeine beſten Mannesjahre hin⸗ aus war, denn er zählte neunundvierzig Jahre; da⸗ gegen ſprach für ihn, daß er ebenfalls großes Ver⸗ mögen beſaß, kein häßlicher Mann war und die einflußreichſte Stellung im ruſſiſchen Staate bekleidete.

Dennoch fühlte Baſſa keine Neigung zu ihm und nahm ſeine Huldigungen nur lächelnd an. Er war es geweſen, der ſie begleitet hatte, als ihnen die Kaiſerin mit dem Major begegnete. Hatte Graf Beſtu⸗ ſcheff auch das Geſicht der Kaiſerin nicht geſehn, ſo hatte er ſie zweifellos doch erkannt und aus ihren Ge⸗ behrden ihren Willen verſtanden, ſonſt würde er Baſſa ſchwerlich ſo gutwillig dem Major abgetreten haben; letzterer war ihm jedenfalls fremd geblieben, denn er hatte zuvor nie etwas mit ihm zu thun gehabt; er hatte ſein ihm gänzlich unbekanntes Geſicht nur flüch⸗ tig geſehn, als Alexis ſeine Maske vor der jungen Fürſtin lüftete.

Was hat die Kaiſerin mit dieſem jungen Mann, den man nicht einmal bei Hofe kennt, zu ſchaffen? fragte ſich der Graf grollend, als er allein weiter wanderte.Sie hat heute nicht erkannt ſein wollen, man ſuchte ſie vergebens überall. Dahinter ſteckt Etwas; armer Raſumoffski, Deine glänzenden Tage ſcheinen gezählt zu ſein! Gleichviel aber, ich werde dieſes jugendliche Geſicht, das ich nur einen Augen⸗ blick geſehen habe, nicht vergeſſen und wiederfinden; ich wette darauf, daß ſein Beſitzer großes Glück machen wird. Das iſt einmal ſo an einem Hofe, wo Krone und Weiberrock ſich geſellen.

Der Graf ging nachdenklich weiter; er dachte weniger an die ſchöne Fürſtin Kokorinow als an den ihm unbekannten neuen Günſtling der Kaiſerin, ob⸗ gleich er dem letzteren eigentlich heimlich darüber grollte, daß er ihm, wenn auch wider ſeinen Willen, feine Angebetete entführt habe.

Indeſſen hatte der Major der Fürſtin den Arm geboten und ſuchte ſich zu entſchuldigen, daß er, dem Befehle der Kaiſerin gehorſam, ſie von ihrem Cavalier

habe trennen müſſen.

Daran liegt mir ſehr wenig, erwiderte die Dame lachend;ich bin Ihrer Majeſtät ſogar dank⸗ bar, daß ſie mich von den läſtigen Huldigungen des

Grafen Beſtuſchew befreit hat. Ich hoffe, Sie werden mir ein angenehmerer Geſellſchafter ſein, mein Herr.

Der Major gab ſich auch alle Mühe, dies zu werden, obgleich er an ſeiner neuen Begleiterin an⸗ fangs kein wärmeres Intereſſe nehmen konnte, da er noch nicht einmal ihr Geſicht geſehen hatte. Allmäh⸗

Novellen⸗Zeitung.

lich aber kehrte ein ſolches doch bei ihm ein, denn die

junge Dame war in ihrem ganzen Weſen ſo liebens⸗ würdig, und ihre Unterhaltung unterſchied ſich ſo vor⸗ theilhaft von der, welche die Damen des Hofes, meiſtens ohne jede feinere Bildung, zu führen ver⸗ ſtanden, daß Alexis ihr größere Aufmerkſamkeit zu widmen begann.

Unter Anderen fragte ſie ihn in leicht ſcherz⸗ haftem Tone, der ihre Neugierde indeſſen nicht gut genug verſteckte, wie er zu der anſcheinend ſo ver⸗ traulichen Bekanntſchaft mit der Kaiſerin gekommen ſei.

Der Major war vorſichtig genug, dies blos auf den Zufall und die flüchtige Laune der Monarchin zu ſchieben; er bemerkte aber wohl, daß die Fürſtin ſei nen Worten nicht rechten Glauben ſchenkte.

Die Unterhaltung wurde mit der Zeit immer vertra ulicher, und es dauerte gar nicht lange, bis die Fürſtin alle Verhältniſſe Dmitrijew's ziemlich genau kannte.

Das Signal zur Abfahrt wurde gegeben. Der Major ſuchte mit den Augen die Römerin und ent⸗ deckte ſie endlich an der Seite des großen Mannes, in dem er ſelbſt den Grafen Raſumoffski nicht ver⸗ kannt hatte, wie beide eben einen prächtigen Schlitten beſtiegen und die Téte des Zuges nahmen; er fühlte einen kleinen Stich im Herzen, als er ihr durchaus vertrauliches Benehmen gegen einander gewahrte. Man ſchien jetzt auch allgemein zu wiſſen, wer die Römerin ſei, denn man begrüßte ſie mit großer Ehr furcht, und da ſie würdevoll dankte, ſchien ſie ſelbſt auch ihr Incognito aufgegeben zu haben, obgleich ſie noch die Maske trug. Jedenfalls hatte die Geſtalt Raſumoffski's auch ſie verrathen.

Alexis Dmitrijew war heimlich unzufrieden und verſtimmt; er dachte erſt jetzt daran, auf welche hohe Stufe ihn die Gunſt Eliſabeth's hätte erheben können, mußte ſich nach dem Vorgefallenen aber für überzeugt halten, daß die Kaiſerin ihn nur als ein Spielwerk flüchtiger Laune dehandelt habe, während Raſumoffski allein auf ihre dauernde Neigung Anſpruch machen konnte. Seine Eitelkeit war dadurch nicht wenig ge⸗ kränkt, und es war eine Art von Erbitterung gegen die Kaiſerin, mit der er ſich jetzt ganz der Dame, die er am Arme führte, zu widmen beſchloß.

und der Zug brauſte nach Petersburg zurück.

Der Major entfaltete jetzt in der Unterhaltung ſeine ganze Liebenswürdigkeit; wie die Fürſtin die Damen, ſo übertraf er auch bei Weitem die Cavaliere des Hofes an Bildung und Eleganz. Baſſa Kokori⸗ now mußte dies fühlen, und jedenfalls wurde in die⸗ ſem Schlitten die intereſſanteſte und geiſtreichſte

Unterhaltung geführt; ſeine beiden Inſaſſen bedau⸗

Die Fürſtin beſtieg mit ihm ſeinen Schlitten,