Jahrgang 
01-25 (1864)
Seite
16
Einzelbild herunterladen

Eindruck jener Edition an und gehen zugleich auch auf tiefere, ſehr ernſte Fragen des menſchlichen Lebens ein. So gefärbt i*ſt auch die Stimmung, welche dieſe Lectüre hervorruft. Sie geht oft in ſchmerzliche Empfindungen über, und ohne durch poetiſche Kraft oder künſtleriſche Herausbildung des leitenden Gedankens mit dem Tragiſchen zu verſöhnen, verliert ſie doch das Feſſelnde der Wahrſcheinlichkeit und jene moraliſche Art der Verſöhnung nicht, welche durch ſittliche Tendenzen hervorgerufen wird.

Die Darſtellung ſchildert uns den pſychiſchen und bür⸗ gerlichen Untergang einer jungen ſchönen Frau, die gleich nach ihrer übereilten Verheirathung mit einem ungeliebten Manne den Verlockungen nicht widerſteht, und ſich in die Arme eines noch unreifen, aber für die Unſittlichkeit natürlich ſchon majorennen Fürſten wirft. Da ſie an und für ſich keinen ſolideren Sphären und Anſchauungen entſproſſen und dennoch ihr Gang nicht mit der leichtfertigen höfiſchen Si cherheit geſchult iſt, ſo ſtürzt ſie von der ſchiefen Ebene des Laſters um ſo leichter in den Abgrund hinab, als kein mo⸗ raliſches Grauen ſie vor demſelben geheimnißvoll warnt.

Die anſpruchsloſe Geſchichte mit ihrer zuweilen etwas breiten Malerei könnte in einigen dreißig deutſchen Reſiden⸗ zen geſpielt haben und ſich darin auch täglich beſtens wieder⸗ holen. O. B.

Hiſtoriſche Novellen von A. E. Brachvogel.

Leipzig, bei Hermann Coſtenoble. 1863.

. Den ſchon früher beſprochenen NovellenAus dem Mittelalter ſchließen ſich dieſe paſſend an. Brachvogel be⸗ fürwortet ſelbſt, daß man in den Arbeiten, die erHiſtoriſche Novellen nennt, keine zu ängſtliche Illuſtration der Geſchichte ſuchen möge, die hiſtoriſchen Begebenheiten ſeien nur zur Dichtung benutzt worden, nach ſeiner Ueberzeugung aber in der Weiſe, wie der Dichter die Geſchichte benutzen darf, ohne ſie in ihrer großen Bedeutung zu fälſchen und den Geiſt, der aus ihr ſpricht, zu leugnen oder mißzuverſtehen.

Eine ſolche Auffaſſung und Behandlung, welche die De⸗ tails gern preisgiebt und nur nach allgemeiner Wahrheit des geſchichtlichen Gemäldes ſtrebt, finden wir denn auch in dieſen

Novellen⸗Zeitung.

Schein und Sein, Erzählung aus dem ſechzehnten Jahrhundert, von Guſtav Pfaxrius. Braunſchweig, bei Weſtermann. 1863.

Durch ſinnvolle, vorzüglich die Natur beſingende Ge⸗ dichte hat ſich Pfarrius einen guten Ruf ſchon lange erwor⸗ ben. Seine Lyrik zeigt etwas edel Feines und tritt in ge⸗ diegener Form auf. Er hat ſich darin dankenswerth be⸗ ſtrebt, die höheren Wahrheiten der Naturkunde poetiſch zu verklären.

Als Erzähler iſt er noch ſeltener aufgetreten und weni⸗ ger bekannt. Dieſe hier vorliegende, im ſpäten Mittelalter zur Zeit der Reformation ſpielende Geſchichte hat ſich, wie das bei dem Verfaſſer nicht anders zu erwarten iſt, gleich⸗ falls eine höhere Tendenz geſtellt. Er ſucht die Fauſtſage auf eine hiſtoriſche Geſtalt und Perſon zurückzuführen und ſomit die Entſtehung dieſes Mythus natürlich zu erklären. Manchen wirklich vorliegenden Thatſachen hat ſich die freie Phantaſie des Dichters gewandt angeſchloſſen, und dieſer Anſchluß würde jedenfalls noch fruchtbringender geweſen ſein, wenn es Pfarrius gelungen wäre, ſich objectiver in den Geiſt der alten Zeit und ſeiner Ideenwelt hinein zu verſetzen.

Es geſchieht jedoch unſern Schriftſtellern trotz des be⸗ ſten Willens nur zu leicht, daß ſie ihre Perſonen im Cha⸗ rakter unſerer modernen Gegenwart reden laſſen und An⸗ ſchauungen anticipiren, die damals noch nicht exiſtiren konnten.

Das bequem in die Augen Springende der Tendenz und die Beziehungen auf unſere Gegenwart werden dadurch freilich um ebenſoviel gefördert, als die überzeugende Wahr⸗ heitskraft des Gemäldes aufgeopfert wird.

Immerhin muß für viele Leſer der halb romantiſche, halb hiſtoriſche Verſuch eines talentvollen Kopfes intereſſant bleiben, der uns zeigen will, wie der gewaltige Magister Joannes Georgius Sabellicus Faustus, necromanticorum princeps Hemideus aus dem einfachen Sohn eines Ge⸗ birgsthals emporwuchs. O. B.

K. Herloßſohn's hiſtoriſche Romane. Prag, bei J. L. Kober. 1863.

Darſtellungen.

Namentlich ſind die beiden kleinern Piscen:van Dyk's Rettung unddie Pforte der Zukunft leichter gehal ten und mehr einer raſchen ſtofflichen Spannung des Inter⸗ eſſes geweiht.

Den Schluß der Edition bildet die Erzählungde Caus der Phyſiker, welche mehr als einen Band füllt.

Hier hat ſich der fleißige, talentvolle Autor mehr ſeiner eigenen Neigung, als dem nach Stofflichkeit dürſtenden Ge⸗ ſchmack des modernen Publicums hingegeben. Der Erfolg wurde dadurch begünſtigt.

Die größere, den Gegenſtand unterſuchende Ausführlich⸗ keit wird manchen gebildeten Leſer deſto nachhaltiger für die Schickſale theilnehmend erwärmen, welche den eigentlichen erſten Erfinder der Dampfkraft, den armen de Caus, unter der laſterhaften franzöſiſchen Regierung in Wahnſinn und Elend ſtürzten, ja zur Verzweiflung und zum Tode führten. Die Manier, mit der Brachvogel vornehme, verworfene Perſönlichkeiten jener Zeitperiode zu ſchildern pflegt, iſt von der Bühne her bekannt und zeigt ſich auch hier wieder.

O. B.

Es iſt die erſte ſehr hübſch ausgeſtattete Geſammtaus⸗ gabe, welche von den Werken dieſes ſo fruchtbaren Talentes veranſtaltet wird.

Wir empfangen hier zunächſt den ausgedehnten Roman die Huſſiten, der in den Jahren 1414 bis 1424 auf einem ſo abenteuerlich wüſten, als ernſt hiſtoriſchen Hintergrunde ſpielt. Die ungeheuer lebendige und keineswegs peinliche Einbildungskraft Herloßſohn's hat es an den freiſten Be⸗ wegungen der Dichtung nicht fehlen laſſen, und ſo griff er auch hier mit raſcher Hand keck in die Fülle des materiellen Stoffs.

Aber er beſitzt dabei die leichte, viel gewandte Erzähler⸗ gabe, die ihre Helden ſchwunghaft und ritterlich darzuſtellen verſteht. So behauptet ſein Zizka immer viele Charakter⸗ züge einer realen Geſtalt von Fleiſch und Blut.

Bis jetzt liegen uns von dieſer Ausgabe zwölf Hefte vor, von denen die letzten drei den zweiten Roman,der Un⸗ (gar, beginnen. Das Ganze ſoll ca. in vierzig Heften

vollendet ſein, und wir werden uns nach weiterem Fortſchrei⸗ tten dieſer Geſammtausgabe veranlaßt fühlen, ferner darauf

zurückzukommen. O. B.

Redigirt unter Verantwortlichkeit von Ollo Fnedrich Dürr in Leipzig. Verlag der Dürt'ſchen Buchhandlung in

Leipzig. Druck von A. Edelmann in Leipzig⸗