Jahrgang 
01-25 (1864)
Seite
12
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Praktik wird das beſte Gegenmittel für die Folge werden. Das Zugleichreden der Koryphäen oder der Wachtmeiſter des Corps habe ich ſchon geſucht Schil⸗ lern auszureden, weil man ſich platterdings nichts Un⸗ harmoniſches erlauben muß. Mündlich ein Mehreres.

Uebrigens enthält denn doch dieſe Privatmeinung 4 auch einige recht treffende originelle Anſichten, die 1 einen ſcharfen Verſtand verrathen.

Von Intereſſe iſt ein Brief Goethe's aus Italien, worin er ſich wegen der Verlängerung ſeines Urlaubs bedankt und ſich zugleich mit Kunſtverehrung und Naivetät über ſeine eigenen Zeichen⸗ und Malſtudien ausſpricht.

Für Ihren lieben, werthen Brief, mit dem Sie mich erfreut haben, danke ich auf das Herzlichſte; Sie krönen dadurch das Glück, das ich hier genieße, und beruhigen mich auf alle Weiſe. Sie geben mir Raum, daß ich erſt recht mein werden kann, und ſondern

mich von Ihrem Schickſale nicht ab; möge ſich Ihnen

Alles zum Beſten wenden! Ich erwartete Ihr Schrei⸗ ben, um über meinen fernern Aufenthalt etwas Feſtes zu beſchließen. Nun glaube ich nicht zu fehlen, wenn ich Sie erſuche, mich noch bis Oſtern in Italien zu laſſen. Mein Gemüth iſt fähig, in der Kunſtkenntniß weit zu gehen, auch werde ich von allen Seiten auf⸗ gemuntert, mein eigenes kleines Zeichentalentchen auszubilden, und ſo möchten dieſe Monate hinreichen, meine Einſicht und Fertigkeit vollkommen zu machen. Jetzt werden Architektur und Perſpective, Compoſition und Farbengebung der Landſchaft getrieben. Septem ber und October möchte ich im Freien dem Zeichnen nach der Natur widmen, November und December

2 Novellen⸗Zeitung.

der Ausführung zu Hauſe, dem Fertigmachen und Vollenden; die erſten Monate des künftigen Jahres der menſchlichen Figur, dem Geſichte ꝛc. Ich wünſche und hoffe, es nur wenigſtens ſo weit zu bringen, wie ein Muſikliebhaber, der, wenn er ſich vor ſein Noten⸗ blatt ſetzt, doch Töne hervorbringt, die ihm und An dern Vergnügen machen. So möchte ich fähig wer⸗ den, eine Harmonie auf's Blatt zu bringen und An⸗ dere mit mir zu unterhalten und zu erfreuen. Ich weiß zu ſehr, wie ängſtlich es iſt, wenn man eine gewiſſe Fähigkeit in ſich ſpürt und Einem das Hand⸗ werk gänzlich mangelt, ſie auszulaſſen und auszuüben,

Bis Oſtern werde ich es ſo weit gebracht haben, um alsdann für mich weiter gehen zu können. Denn gewiſſe Dinge ſind es, die man von Andern lernen und annehmen muß. Dieſes macht den Aufenthalt in Rom ſo angenehm, weil ſo viele Menſchen ſich hier aufhalten, die ſich mit Denken über Kunſt, mit lusübung derſelben Zeitlebens beſchäftigen, und wohl ein Punkt kann ſein, über den man nicht von Einem oder dem Andern Belehrung erwarten könnte.

Man ſieht hieraus die warme Begeiſterung Goe⸗ the's für bildende Kunſt, mit der er ſich ſelbſt arbei⸗ tend ſo angelegentlich beſchäftigte. Ueberhaupt geht aus dieſem Briefwechſel mehr als aus anderen Wei⸗ maraner Reliquien die Thatſache hervor, daß ſich Goethe mit hundert techniſchen Dingen und natur⸗ kundlichen Verſuchen zu thun gemacht hat, um wiſſen⸗ ſchaftlich praktiſche Anſchauungen von der realen Wirk⸗ lichkeit zu gewinnen. Er verlor dadurch unendlich viel Zeit, gewann aber den ſicheren Halt poſitiver

Kenntniſſe.

2 f

Der Marſchall Graf d'Ornano.

Die Reihe der Officie re, welche unter Napoleon I. ge⸗ ſtritten und ſich unter ihm den Generalsrang erworben ha⸗ ben, lichtet ſich mehr und mehr. Der Letzte der von dem Kaiſer Napoleon I. ernannten Diviſionsgenerälen iſt jetzt geſtorben. hotel entſchlafene Marſchall Graf d' Ornano,

ddes Invalidenhotels.

Leſern willkommen ſein wird. Der Graf Philippe Antoine d' Ornano wurde am 17.

hat demnach ein Alter von beinah 80 Jahren erreicht.

Es war der am 13. October c. im Invaliden⸗ Gouverneur Sein Leben, das ſich an die größten kriegeriſchen Ereigniſſe in dieſem Jahrhundert anknüpft, bie⸗ tet manches Merkwürdige dar, und wir glauben deshalb an⸗ nehmen zu dürfen, daß das Folgende über denſelben unſern

Januar 1784 in Ajaccio auf der Inſel Corſica geboren und Als Landsmann Bonaparte's widmete er ſich früh dem Soldaten⸗

Feuilleton.

ſtande und im Alter von ſechzehn Jahren machte er bereits

als Sous⸗Lieutenant den zweiten Feldzug in Italien mit. Im Jahr 1803 gehörte er zu den nach Sanct Domingo ab⸗ geſchickten Expeditionstruppen, von wo er 1804 als Com⸗ mandant des Bataillons der corſiſchen Krieger nach Frank⸗ reich zurückkehrte. In der Schlacht bei Auſterlitz am 2. December 1805 erwarb er ſich das Kreuz als Officier der V Ehrenlegion, und nach der Schlacht bei Jena ſtand er an der Spitze des 25. Dragonerregiments, mit dem er den Krieg in Polen mitmachte.

Im Jahr 1809 nahm er unter den Befehlen des Mar⸗ ſchalls Ney an dem Feldzuge in Spanien Theil, forcirte den Uebergang über die Navia, und in dem Treffen bei Alma de Tormes nahm er vier Kanonen weg.

Im Jahr 1811 wurde er zum Brigade⸗General beför⸗ dert und als ſolcher war er 1812 in Rußland, wo er ſich