Jahrgang 
31-52 (1863)
Seite
828
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Novellen⸗

Zeitung.

biographiſche Beſchreibung in Worten ſetzte man ihnen Bild eines ſtarken, auf ſeine eigene Kraft geſtellten

höchſt ſelten. Deſto häufigen geſchieht es heute; über Garibaldi, Napoleon und manchen andern für die Geſchicke der Gegenwart thätigen Kopf exiſtiren be⸗ reits kleine Bibliotheken. Wenn es gut und nöthig iſt, dabei unſere raſchlebende Gegenwart mit den That⸗ ſachen bekannt zu machen, ſo würde dieſe Manier auch den Vortheil bringen können, daß die betreffenden Perſonen im Stande wären, über die Wahrheit oder Unrichtigkeit des über ſie Geſagten zu richten.

Beſonders drei Männer, von denen ich zwei eben ſchon genannt habe, nahmen die Aufmerkſamkeit Euro⸗ pas und ſeiner ganzen Leſerwelt lange Jahre in An⸗ ſpruch. Einer von ihnen wird es noch thun und weiß die Theilnahme für ſein Treiben immer mehr dadurch zu ſteigern, daß er die Geſchicke der Völker mit ſeinem Thun und Laſſen in Verbindung bringt, ja ſtets feſter daran anſchmiedet.

Der Dritte in dieſem Triumvirat, welches übri⸗ gens noch ſchlechter als die beiden alten römiſchen zu⸗ ſammen harmonirte, iſt todt. Ich meine Camillo Ca⸗ vour, der der Medicin zum Opfer fiel.

Da er nicht der Mann der äußeren, militäriſch⸗ glänzenden Thaten war und ihm der Reiz des Ro⸗ mantiſchen alſo fehlte, wurde er von ſeinen beiden Ruhmesgenoſſen in den Schatten geſtellt, und die große Maſſe bekümmerte ſich weniger um die mehr geiſtigen Lebensbethätigungen des Diplomaten. Seine Popu⸗ larität beſtand eben in der allgemeinen Anerkennung, daß er der größte und kühnſte Diplomat der Gegen⸗ wart ſei.

Dieſer Ruhm beginnt zu wachſen und wird von dem vergeblichen Streben commentirt, welches man nach ſeinem Dahinſcheiden aufwandte, den von ihm ſo glück lich unternommenen und weit ausgeführten Bau zu vollenden.

Seitdem iſt Manches über Cavour mitgetheilt; ein eigentlich ſchönes Geſammtwerk fehlt indeß noch.

Auch das vorſtehende von William de la Rive zerfällt in Skizzen und Erinnerungen und hat keinen organiſch zuſammenhängenden Erzählerfaden. Die Ueberſetzung rührt ebenfalls von einem Ausländer her, dem aus Ungarn ſtammenden Schriftſteller Kertbeny, deſſen Deutſch nicht immer auf ſtarken Füßen ſteht.

Aber Rive war ein intimer Freund Cavour's, und ſeine Familie mit der ſeines Helden ſeit langen Jahren genau vertraut.

Dieſe beſondere Sachlage gewährt die Befriedi⸗ gung eines großen Intereſſes, indem uns eine beträcht⸗ liche Menge von Mittheilungen aus den Briefen Ca⸗ vour's vorgelegt werden. Jene Briefe haben außer⸗

Geiſtes.

Die Cavour'ſche Familie, ſpäter zum Marquiſat und zum Grafenſtand erhoben, trägt urſprünglich den Namen Bens oder Benſt, und es iſt eine intereſſante Thatſache, daß ſie direct aus Sachſen ſtammt. Der Gründer dieſes Hauſes, Hubert Bens, kam im Ge⸗ folge des Kaiſers Friedrich Barbaroſſa nach Italien. Der Verfaſſer erzählt, daß im Jahre 1816 der kleine, damals ſechsjährige Cavour von ſeinen Eltern nach Genf gebracht wurde. Sie hielten ſich, ſagt Rive, einige Zeit in Préſinges bei meinem Großvater auf. Wenn ich dieſen letzteren Umſtand anführe, ſo iſt es, weil mir mein Vater mehr als einmal den Eindruck beſchrieben hat, den die Ankunft Camillo von Cavour's in Préſinges hervorrief. Es war ein kleiner, ſehr boshafter Bonhomme, von lebhafter und zugleich ent⸗ ſchloſſener Phyſtognomie, ſehr beluſtigender Artigkeit und kindlichen, unverſiechbaren Einfällen. Er trug ein rothes Kleid, das ihm ein herzhaftes und zugleich gefälliges Anſehen verlieh. Bei ſeiner Ankunft war er ſehr bewegt und ſetzte meinem Großvater ausein⸗ ander, daß der Poſtmeiſter von Genf, weil er ſo ab⸗ ſcheuliche Pferde geliefert habe, caſſirt werden müſſe.

Ich verlange, daß er caſſirt werde, wieder⸗ holte er.

Aber, antwortete ihm mein Großvater,ich kann den Poſtmeiſter nicht caſſiren; nur der erſte Syndikus beſitzt die Macht, dies zu thun.

Gut, ich will eine Audienz beim erſten Syndikus.

Du wirſt ſie morgen erhalten, verſetzte mein Großvater und ſchrieb ſogleich an ſeinen Freund Schmidtmeyer, damals erſten Syndikus, indem er ihm anzeigte, daß er ihm einenkleinen, ſehr beluſtigen⸗ den Bonhomme ſchicken werde.

Wirklich begab ſich das Kind am folgenden Tage zu Schmidtmeyer, wo es mit großem Ceremoniel em⸗ pfangen wurde. Ohne ſich irre machen zu laſſen, grüßte es drei Mal unter tiefen Verbeugungen und ſetzte bierauf mit klarer Stimme ſeine Klage und ſein Geſuch auseinander. Als es bei ſeiner Rückkuunft meinen Großvater von ferne ſah, rief es:Nun, nun, er wird caſſirt werden!

Zu jener Zeit zählte er alſo kaum ſechs Jahre. Man ſiebt, daß er ſchon frühzeitig zu caſſiren liebte.

Ueber Cavour als Mann erwähnt der Verfaſſer unter anderen die Eigenſchaft einer eigenthümlichen Generoſität. Ich habe Cavour nie prunkend gekannt, ſondern ihn immer freigebig, nicht viel rechnend und die Freigebigkeit bis zur Pracht treibend geſehen. Nach ſeinem Tode haben die Journale wohlthätige

ordentlich feſſelnde Einzelnheiten und geben das beſte

Handlungen aufgezählt, welche ſein Andenken ehren,