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auf eine alterthümliche Uhr über der Thür, dann fuhr er„fort zu ſchreiben, ohne weiter ein Wort zu ſagen. Die Väter an ſeiner Seite verhielten ſich kalt, ſtarr und theilnahmslos, als ob ſie von dem, was um ſie her vorging, keine Sylbe vernommen hätten.
Das ununterbrochene Stillſchweigen, der Anblick
der ernſten finſteren Männer mit den geſchorenen,
Glatzen, die ſich ſtumm und unbeweglich gleich Statuen über den Tiſch beugten, erweckte allmählich einen Anflug von Furcht in dem Jünglinge, der, indem er ſtarren Blicks den Zeiger verfolgte, neugierig auf das war, was ſich nach dem Ablaufe der fünf Minuten ereignen würde.
Plötzlich weckte ihn aus dieſen Zweifeln die tiefe Stimme des Priors, welcher ausrief:
„Die Zeit iſt um, man rufe den Pater Arſéène.“
Der Pater Arſène aber war derjenige, welcher im Jeſuitencollegium die fürchterliche Function des Geißelns hatte. Bei Nennung des ſchrecklichen Namens ſträubten ſich die flatternden Locken auf dem Haupte des Jünglings; tödtliche Bläſſe überzog ſein Geſicht, und der Körper fing an convulſtviſch zu zittern.
„Ehrwürdige Väter!“ rief er mit einer von tie⸗ fer Bewegung ſchwankenden Stimme—„Sie haben doch nicht meinetwegen nach dem Vater Arſène ge⸗ ſchickt? Sie wiſſen, ich bin kein Kind mehr, ich bin über funfzehn alt— ſolch eine Strafe geziemt meinem Alter nicht— verhängen Sie über mich, was immer Sie für recht halten, ich werde es ohne Murren ertragen, nur damit verſchonen Sie mich, um Gottes willen!“
Die flehentlichen Worte waren kaum ausgeſpro⸗ chen, als auf der Thürſchwelle ein Mann erſchien, von abſchreckendem Aeußeren, der das fürchterliche Marter⸗ werkzeug in der Hand hielt.
De Boufflers ſtieß einen Angſtruf aus, während er das ſchöne todesbleiche Geſicht mit beiden Händen bedeckte, dann rief er beim Anblick der ihn ſo nahe bedrohenden Gefahr:
„Verzeihung, o Verzeihung, ehrwürdige Väter, um Gottes Barmherzigkeit willen Verzeihung! Ich
will Alles geſtehen, nur ſchickt den Mann dort hinweg!“
„Es iſt zu ſpät,“ ſagte der Prior mit dumpfer Stimme—„Bruder Anſelm, reichen Sie mir das
über den Herrn Marquis von Boufflers gefällte Ur⸗ theil zur Unterſchrift.“
„Es iſt nicht zu ſpät, Herr Prior, o nein! Hören Sie mich, ich beſchwöre Sie, nur wenige Minuten. Sie wiſſen ja nicht, was ſich ſeit geſtern mit mir ereignet hat; Sie wiſſen nicht, daß mich des Königs
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Novellen⸗
Zeilung.
Majeſtät zum Generalgouverneur von Flandern, zum Befehlshaber von Lille ernannt hat, und daß man mich folglich nicht mehr mit Peitſchenſtrafe belegen kann, es würde für immer die ehrenvollen Titel, welche ich führe, entehren, es würde Seine Majeſtät belei⸗ digen, von der ich ſie habe. Ich bitte Sie um Ver⸗ zeihung, ehrwürdige Väter, aber ich fordere auch Gerechtigkeit von Ihnen, und Sie wollen ſie gewäh⸗ ren, ich bin deſſen überzeugt. O mein Gott, Sie ſprechen nicht, Sie antworten nicht! Geliebte Bäter, ſteht mir bei, ich flehe um Eure Hülfe.“
Während der junge de Boufflers ſo ſchmerzlich dringend um Beiſtand bat, eilte er durch den Saal, jeden Einzelnen anredend, mit einer Weichheit im Tone und mit einem Blick, der alle Anderen als dieſe todtſtarren Männer erweicht haben würde. Er flehte, er weinte, er drohte und ſtürzte zuletzt, von ſeinen Seufzern erſtickt, kalt und athemlos zu den Füßen ſeines harten Richters nieder.
Obgleich längſt an derartige Sceuen gewöhnt, ſchienen doch einige der Väter endlich gerührt; ſelbſt dem harten Vater Arſène fiel die Peitſche mit den Knotenriemen aus der Hand. Aber auf einen von dem Prior gegebenen Wink nahm er ſie ſogleich wieder auf und bemächtigte ſich ſeines Schlachtopfers. Mit einer letzten Anſtrengung ſuchte der Jüngling ſich zu befreien, aber zu ſpät, die Geißel hatte ſchon ſeinen Rücken berührt.
Während die grauſame Züchtigung ihren Fort⸗ gang hatte, hörte man eine ſchwache Stimme wie aus dem Grabe:„Ich bin der Gouverneur von Lille.“
Ach, armer Jüngling, Dein ſchwacher hinſter⸗ bender Ruf war das Echo des erhabenen Ausrufes eines freien Mannes, der, verurtheilt unter den Strei⸗ chen des Lictors zu enden, mit ſterbender Stimme ausrief:„Ich bin ein römiſcher Bürger.“
Eben ließ der Büttel den ermatteten Arm ſinken, als man ein leiſes Klopfen an der Thür vernahm.
„Was giebt's?“ rief der Prior.
„Iſt Alles vorüber?“ rief eine kaum hörbare Stimme von außen.
„Ja, kommt herein!“
Die Thür wurde leiſe geöffnet, und ein dem Prior ſich ängſtlich nahender Bruder ſagte ihm flüſternd:
„Es warten zwei hohe Perſonen draußen, welche den Herrn Marquis de Boufflers zu ſprechen wün⸗ ſchen.“
„Wer ſind ſie?“
„Der Herzog von Coigny und die Frau Herzogin von St. Cerets.“


