871 Novellen
„Aber, beim Lichte betrachtet, mein guter Hein⸗ rich, finde ich darin doch keinen Grund Herrn von Coigny zu tödten, oder daß Du in ſo früher Stunde zu mir kommſt.“
„Begreifen Sie nicht,“ ſagte der Jüngling mit ſinkender Stimme,„daß ich mich, um mit ihm zu⸗ ſammenzutreffen, aus meines Vaters Hauſe ſchleichen mußte, während mein Hofmeiſter noch ſchlief, und daß man mich überall ſuchen wird?“
„Das iſt in der That eine ſehr ernſtliche Ange⸗ egenheit.“
„Nachdem ich eine halbe Stunde vergeblich auf den Herzog in ſeinem Höôtel gewartet hatte, war der erſte Menſch, der mir beim Heraustreten aus der Thür begegnete, mein Hofmeiſter.“
„Hat er Dich geſehen?“
„Mit Gewißheit kann ich es nicht ſagen. Ich hatte nur eben Zeit mich auf die Beine zu machen, und da ſie beſſer ſind als die des ehrwürdigen Herrn, ſo kam ich glücklich hier an.“
„Sonderbares Kind, was werden aber die ehr⸗ würdigen Väter Jeſu ſagen, wenn ſie Dich ver⸗ miſſen?“
„Mögen ſie ſagen was ſie wollen, ich bin ein Mann, und mehr noch, einer der erſten Würdenträger des Königreichs. Ich bin funfzehn Jahr geweſen im vorigen Monat. Ach, beſte Conuſine, ich zähle auf Ihren Beiſtand.“
„Den würde ich Dir von Herzen gern leiſten, mein Heinrich; aber ſcheuſt Du Dich nicht mich zu compromittiren? Denke nur, in Deinem Alter— der Gouverneur einer Provinz! das kann nimmermehr gehen!“
„Ach, glauben Sie das?“ ſtammelte der Jüng⸗ ling;„daran habe ich nicht gedacht.“
Die liebenswürdige Herzogin konnte ſich, während ſie die ängſtlich bewegte Miene ihres jungen Vetters betrachtete, nicht länger in der übernommenen Rolle behaupten und brach in ein lautes Lachen aus. De Boufflers, der nicht wußte, wie er dieſen Aus⸗ bruch von Fröhlichkeit deuten ſollte, erhob ſich wie vom Donner gerührt; und als die Herzogin nicht aufhörte zu lachen, ließ er ſeinem Unwillen freien Lauf. Voll Aerger ſtampfte er mit dem Fuße auf den Boden und ſchritt der entgegengeſetzten Seite des Zimmers zu. Vergebens ſuchte die ſchöne Frau ihn zurückzuſchmeicheln, und als ſie ſich endlich auf den Fußſpitzen ihm genähert und ſeine Hand ergriffen hatte, ſagte ſie begütigend in ſanfter Milde:
„Mein armes, armes Kind, ſo grollſt Du auch mir jetzt?“
Do Boufflers ſagte kein Wort. Schwere Thränen
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Zeilung.
rollten auf ſeine Wangen herab, während ſein Herz bis zum Brechen voll war. Endlich aber ſiegte die Liebe, und durch ſeine Thränen lächelnd, flüſterte er ſchüchtern:„Ach nein, meiné ſchöne Couſine, gegen Sie hege ich keinen Groll.“
„Du böſes Kind!“ ſagte Madame de St. Cerets, indem ſie ſeine Stirn küßte und mit Verwunderung auf ihn herabblickte.
Es war ein angenehmer Aprilmorgen. Ein nach dem Garten führendes Fenſter war geöffnet, und ver⸗ miſcht mit dem Geſange der Lerche und dem Wohl⸗ geruche der Veilchen, ſtrömte der volle Hauch des Frühlings in das Boudoir der ſchönen Herzogin. War es den Aromen dieſer die Sinne berauſchenden Atmoſphäre, vereint mit dem von der lieblichen Her⸗ zogin empfangenen Kuß, oder dem Entſchluſſe, von heute an ein Mann zu ſein, zuzuſchreiben: der junge de Boufflers ſtürzte ſich plötzlich zu den Fuͤßen ſeiner ſchönen Couſine, und war im Begriff derſelben in den wohlgeſetzteſten Worten eine förmliche Liebes⸗ erklärung zu machen, als die Thür geräuſchvoll geöff⸗ net wurde, und ein Mann von mittlerem Alter, im Gewande eines Abbé, bleich, ermüdet und, wie es ſchien, von Aerger aufgeregt, in das Zimmer trat.
„Ah! Herr Marquis,“ rief er aus,„Sie werden mir jetzt nicht entkommen;“ dabei ergriff er
den jungen de Boufflers am Arme und bemühte ſich denſelben nach der Thür zu führen.„Folgen Sie mir, mein Herr!“ ſagte er in halb bittendem, halb befehlendem Tone;„der Wagen wartet unten. Kommen Sie raſch, oder Sie werden den Vortrag der griechiſchen Dichter, der ſchon um 8 Uhr anfing, ganz verlieren. O mein Gott, was werden die ehrwürdigen Väter ſagen, daß Sie ſo ſpät kommen! Frau Herzogin, ich bitte Sie, helfen Sie mir den jungen Herrn überreden.“
Unglücklicherweiſe für den armen Abbé hatte die liebliche Alliirte, deren Hülfe er ſollicitirte, genug mit ſich ſelbſt zu thun, um ein abermaliges Lachen über den neuen Vorfall zu unterdrücken. So rief der Hofmeiſter, der den Fall als einen verzweifelten be— trachtete, entſchloſſen nicht einen Augenblick zu ver⸗ lieren, einen Diener herbei.„He da, ihr dort, nehmt den Herrn Marquis, und tragt ihn mit allem ihm gebührenden Reſpect in den Wagen.“
Als der junge de Boufflers dieſen Ausgang der Sache gewahrte, ſchien er beſorgt zu werden.
„Mein lieber Abbé!“ rief er aus,„bewilligen Sie mir nur noch eine einzige Stunde, und ich will mich allen Ihren Wünſchen bereitwillig fügen. Sie werden mir bei der fortwährend bewieſenen Güte dieſe Bitte nicht erſchlagen!“
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