Jahrgang 
31-52 (1863)
Seite
822
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Es entſtand eine Pauſe. Der König, der eine Zeit lang nachzudenken ſchien, erhob ſich plötzlich in ſeiner vollen Majeſtät und ſagte:

Meine Herren, vor drei Jahren vertheidigte Herr von Boufflers Lille acht volle Monate gegen den Prinzen Eugen. Vor zwei Jahren rettete er die Armee bei Malplaquet, für welche That ich ihn zum Herzoge, zum Pair von Frankreich und zum Generalgouverneur der flandriſchen Provinzen ernannte. Endlich iſt die Zeit der Ruhe für ihn, wie für mich gekommen; das Feldlager ſagt keinem von uns Beiden mehr zu. Ich weiß, es giebt Viele unter Ihnen, die wür⸗ dig ſind ſeine Nachfolger zu werden, aber ich ſtehe nun einmal in dem Wahne, daß ſich das Glück an gewiſſe Namen knüpft; wenigſtens iſt es der Fall mit dem Namen de Boufflers; daher machte ich denſelben zum Generalgouverneur von Flandern und zum Gou⸗ verneur von Lille, indem ich jetzt ſeinen Sohn mit denſelben Würden zu ſeinem Nachfolger ernenne.

Ein Murmeln des Erſtaunens lief bei dieſen Worten durch den Saal. Solch ein Beweis königlicher Gunſt war unerhört während der ganzen Regierungs⸗ zeit Ludwig's XIV. Und es war wirklich einer von des Königs Grundſätzen, nie eine Stelle mit der Hoffnung auf Nachfolge zu bewilligen. Alle ſtanden wie vom Blitzſtrahl getroffen, ſelbſt der alte Marquis, überwältigt von ſo vieler Gnade, war lange unfähig ein Wort hervorzubringen.

Danken Sie mir nicht, Herr Marſchall, fuhr der König fort,ich habe mir dadurch ſelbſt einen Dienſt geleiſtet, indem ich feſt überzeugt bin, daß Sie, indem ich dieſen Knaben zu Ihrem Nachfolger ernenne, Ihr Gouvernement nicht eher niederlegen, bis er völlig im Stande iſt es zu übernehmen.

Nach dieſen Worten küßte der König den jungen de Boufflers auf die Stirn, und ſchritt leiſe ſprechend mit dem alten Marſchall weiter. Der Letztere war ſeit dem berühmten Lager von Compiègne, wo er die Ehre hatte durch Bewirthung der ganzen königlichen Familie ſich faſt zu Grunde zu richten, nie wieder in ſo hoher Gunſt bei Hofe erſchienen als an die⸗ ſem Tage.

Von dieſem Augenblicke an wurde der Jüngling der Gegenſtand eines jeden Auges im Audienzſaale von Verſailles. Manches ſüße Lächeln, manch ſanfter Blick aus den Augen der anweſenden ſchönen Damen, folgte den Bewegungen deſſen, der, nicht länger der Schulknabe des Jeſuitencollegiums, jetzt ein junger Herr geworden, zu den glänzendſten Ausſichten Hoff⸗ nung gab. Der große König hatte ihn auf die Stirn geküßt! Solch ein ausgezeichneter Beweis von Lud⸗ wig's Gunſt, noch dazu in demſelben Moment, wo

Novellen⸗Zeitung.

man ſo hämiſch über ihn gelacht hatte, erweckte in ihm plötzlich alle noch bisher verborgen geweſenen Be⸗ weiſe knospender Mannheit; ſein ſtrahlendes Auge, die aufgeworfenen Lippen, die ſich ſtolz hebende Bruſt bezeichneten den in ſeinem Innern vorgehenden Kampf.

Kaum hatte der König den Audienzſaal verlaſſen, als der junge de Boufflers, mit feſtem Tritt durch den Saal ſchreitend, vor einem ſtolz blickenden Manne ſtehen blieb, den er, leicht am Arme berührend, fol⸗ gendermaßen anredete:

Herr Herzog von Coigny, ich habe ein Wort mit Ihnen zu reden.

Was vermag ich für den Herr Marquis von Boufflers zu thun? erwiderte der Herzog mit voll⸗ kommener Ruhe, indem er einen affectirten Nachdruck auf jedes der wenigen Worte legte.

Sehr viel, mein Herr, ſagte der Jüngling. Wollen Sie die Güte baben mich in jene Fenſter⸗ niſche zu begleiten?

Außerordentlich gern.

Würden Ihro Gnaden wohl die Güte haben mich zu benachrichtigen, ob der Gouverneur einer Provinz gleichen Rang mit einem Stabsofficiere hat?

Welche Frage! er ſteht weit über ihm.

Genug. Es ſteht Ihnen alſo nichts im Wege mir morgen ein Rendezvous zu geben?

Ach! rief der Herzog mit der beleidigendſten Kälteich kenne meine Pflicht beſſer, Sie ſind mein Vorgeſetzter, Herr von Boufflers!

Wenn es mir aber gefallen ſollte, dieſes zu vergeſſen? entgegnete der Jüngling.

In dieſem Falle, verſetzte der Andere,müßte eine beſondere Veranlaſſung vorgegangen ſein.

Und ſo iſt es, mehr als eine.

Und welche ſind ſie, bitte, liebes Kind? ver⸗ ſetzte der ſchöne Herzog mit affectirter liebevoller Güte, die ganz darauf berechnet war, ſeinen Gegner noch mehr zu reizen.

Es ſind nur wenige Augenblicke verfloſſen, mein Herr, als Sie ſich die beleidigendſten Ausdrücke gegen mich erlaubten.

Nun, und weiter?

Und übrigens lieben Sie meine Couſine, die Herzogin von St. Cerets.

Iſt das Alles?

Par Dieu! Herr Herzog, ich glaube, Sie beab⸗ ſichtigen mich noch mehr zu beleidigen. Nehmen Sie ſich in Acht, mein Herr!

Der Himmel ſtehe mir bei! entgegnete der Herzog mit verſtellter Furcht.

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