Jahrgang 
31-52 (1863)
Seite
814
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that ſeiner Frau wegen, wie ihm der Rothe hatte geſagt, daß er das in guter Meinung gethan hatte der Lehre wegen, die ihm ſein Vater empfohlen hatte; und es erkannte der Herr da, daß er unſchuldig war an der Sache, die ihm der Rothe hatte geſagt, und daß es ihm der Rothe aus Feindſchaft hatte angethan. Und es war der Herr froh, daß der Jüngling am Leben war geblieben, und hatte ihn viel lieber als je zuvor. 69.

Ein ruſſiſcher Beamter.

Das Bild gewaltiger Demoraliſation und zugleich der eigenthümliche Galgenhumor der Nichtswürdigkeit ſprechen ſich in der Selbſtſchilderung eines niedrigen ruſſiſchen Be⸗ amten aus, wie wir denſelben in Stſchedrins Werke aus dem ruſſiſchen Volksleben gezeichnet finden. Hier ein Bruchſtück, wie er ſeinen Mann ſelbſt reden läßt:

Wenn Sie die Einwohner von Krutogorsk fragen, was ich für ein Menſch bin, ſo werden ſie Ihnen ohne Zweifel antworten:O, das iſt ein Hund! und ich werde mich nicht nur demüthig für dieſen Beinamen bedanken, ſondern mir ſogar darauf etwas zu Gute thun.

Dieſer Ruf iſt in ſolchem Grade mein Eigenthum ge⸗ worden, daß, wenn meinem Vorgeſetzten die Phyſiognomie irgend eines Sterblichen nicht gefällt, er ſich an Niemand als an mich zur Vernichtung deſſelben wendet.Lieber Phi⸗ lowjeritoff, ſagt er zu mir,dieſer Herr N. N. hat eine ſehr lange Naſe; das ſtört die Symmetrie der Adminiſtration; kann man daher nicht, carissime..... und ich eile den Befehl meines Vorgeſetzten zu erfüllen, ich ſchlage meine Krallen und Zähne tief in das ihm verhaßte Subject, und laſſe es nicht eher los, bis das Opfer zerfleiſcht und entſeelt zu meinen Füßen liegt.

Weichheit des Herzens iſt keine meiner charakteriſtiſchen Eigenſchaften. Ich muß ſogar ſagen, daß in dem Augenblick, wo ich mich auf die Hetzjagd begebe, Herr N. N., der vor⸗ her eine durchaus gleichgültige Perſon für mich war, mein entſchiedenſter Feind wird, und zwar ein Feind, den ich um ſo mehr haſſe, je mehr Mittel er anwendet ſich zu verthei⸗ digen. Ich gehe plötzlich auf alle Anſichten meines Vorge⸗ ſetzten ein, ſeine Anſicht über die Naſe des Herrn N. N. wird die meinige; mein Auge wird unruhig, mein Mund füllt ſich mit Schaum, und ich beiße, beiße ſo lange, bis ich ſelbſt vor Erſchöpfung und Wuth hinſinke. Sie werden einräumen, daß dieſe beſtändige unnatürliche Anſpannung aller Kräfte der Seele auch ihre poetiſche Seite hat, welche indeſſen lei⸗ der dem Blicke des betheiligten Zuſchauers entſchlüpft.

Und nicht etwa, daß ich ſchon ſo erbittert und erboſt wäre, daß mir das Unglück des Nächſten unausſprechliches

Vergnügen gewährte durchaus nicht! Ich ſcheide ſtreng meine alltägliche, gewöhnliche Beſchäftigung von der offici⸗ ellen im Dienſt. In der erſtgenannten Sphäre bin ich ein Sclav des Herzens, ein Sclav meines Fleiſches, ich laſſe mich erweichen, ich werde ein Menſch; in der andern Sphäre ziehe ich den Menſchen aus, ich trenne mich von der ſichtbaren Welt und erhebe mich zur Hellſeherei. Wenn die Bosheit und die Galle mein Herz nicht hinreichend zuſammenziehen, ſo ſtrenge ich alle meine Kräfte an, um durch künſtliche Mit⸗ tel mir Leberweh zu erzeugen.

W tentheils gelingt mir das auch. Ich erfahre täg⸗ lich ſo viele Kränkungen, daß der Zuſtand der Erbitterung nur mein normaler ſein kann. Außerdem iſt mein Gehalt ſo klein, daß mir jede Möglichkeit abgeſchnitten iſt, mich durch

fertigen.

Novellen⸗Jeitung.

materielle Genüſſe zu zerſtreuen. Da ich fortwährend halb hungrig bin und meinen Magen nie mit ausgeſuchten Spei⸗ ſen überladen habe, ſo kann ich mit Stolz behaupten, daß mein Gewiſſen ganz frei iſt von allen fremden Einflüſſen und nicht beſtochen von dem Bauch, wie bei jenenUnver⸗ ſchämten, die auf die Welt von der Höhe ihrer gaſtronomi⸗ ſchen Größe herabſehen.

Mein Vatername iſt Philowjeritoff. Er bezeichnet hinreichend, daß ich in keiner goldenen Wiege gelegen habe. Als mein jetziger Vorgeſetzter einen ſolchen Hund für ſeine häuslichen Bedürfniſſe ſuchte, der es ſich zum Verdienſt machen würde, andere gemeinſchädliche Hunde zu Tode zu hetzen, und als er ſah, daß die Blüthe meiner Perſönlichkeit vorwiegend Galle ſei, und daß mein Magen immer halb leer, da richtete er ſeine Aufmerkſamkeit mir zu. Er berechnete nach dieſen unſcheinbaren Anzeichen, daß ich gerade ſo ein Menſch ſein werde, wie er ihn brauchte, und täuſchte ſich nicht.Fühlſt Du in Dir Kraft genug, ſagte er zu mir, immer erbittert, immer bereit zu ſein, kühn und vermeſſen dem Winke meines Fingers zu folgen?

Ich befragte mein Gewiſſen und erhielt zur Antwort, daß ich im Stande ſei, die in mich geſetzte Hoffnung zu recht⸗ Vermittelſt einer ganzen Reihe klarer und ſtrenger Folgerungen kam ich zu der Ueberzeugung, daß der offi⸗ cielle Menſch in einer ſo untergeordneten Sphäre, wie die, welche mir das Schickſal zuwies, kein Recht hat, ſich auch nur eines einzigen der fünf Sinne zu bedienen, die das unabänderliche Beſitzthum jedes gewöhnlichen Menſchen aus⸗ machen.

Ich will Ihnen nicht verſchweigen, daß dieſe unauf⸗ hörlich beſtellte Erbitterung mich manchmal ermüdete. Es giebt Zeiten, wo Einem das Rückgrat wie zerſchlagen iſt, und wo man ganz krumm geht; aber das iſt nur theilweiſe: die Bitterkeit ſcheint in der Luft zu liegen; erhalte ich einen neuen Befehl, der zur Thätigkeit wachruft, ſo recke ich die Beine wie ein Poſtpferd wieder gerade, und ſpringe über Stock und Stein, über Höhen und Tiefen, durch Dick und Dünn. Die Füße ſind blutig, der Athem ſchnell und un⸗ terbrochen, wie bei einer gefangenen Ratte, und dennoch ſtehe ich nur ſtill, um von Neuem zu ſpringen, ohne daß ich mir Ruhe gönne.

Meine Thätigkeit war eine ſehr verſchiedenartige: ich war Richter für Criminal⸗ und für Civilſachen, ich hatte ſo zu ſagen mit lebendigem Material und mit dem todten Buchſtaben zu thun, aber in einem wie im andern Falle blieb ich ſtets mir ſelbſt treu, oder beſſer geſagt, treu der Idee der Schuld, die ich durch Selavendienſte zu tilgen mich entſchloſſen hatte.

Ich befrage nicht mein Gewiſſen, ich gehe nicht zu Rathe mit meinen perſönlichen Ueberzeugungen; ich achte nur darauf, ob alle Formen gewahrt ſind, und in dieſem Punkte bin ich ſtreng bis zur Pedanterie. Wenn ich zwei Zeugenausſagen, in der gehörigen Weiſe formulirt, in Hän⸗ den habe, ſo bin ich befriedigt, und ſchreibe: es iſt; wenn ich ſie nicht habe, ſo bin ich auch zufrieden, und ſchreibe: es iſt nicht. Was geht es mich an, ob ein Ver⸗ brechen wirklich begangen iſt, oder nicht? Ich will nur wiſſen: iſt es bewieſen oder iſt es nicht bewieſen? weiter

Freilich wird es der neuen ruſſiſchen Aera noch viel zu thun geben, ehe ſie durch beſſere Organiſationen und höhere Beſoldungen dieſe Werkzeuge der Willkür zu wirkli⸗ chen Menſchen umſchaffen kann. 6.

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