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Märchen aus dem WMittelalter.
Eine Zuſammenſtellung alter Märchen und Sagen, herausgegeben von Bechſtein, bringt unter manchen intereſ⸗ ſanten Schätzen unſerer Nationalliteratur auch einige von den Originalerzählungen, nach denen unſere großen Dichter berühmte Arbeiten geliefert haben. So muß die Vorlage zu Schiller's„Gang nach dem Eiſenhammer“ vergleichsweiſe alle Gebildete feſſeln. Im Altdeutſchen heißt die Compoſi— tion„der Ritt nach dem Kalkofen“. Nicht minder hübſch iſt das folgende Märchen von einer„ungehorſamen Frau“. Es lautet:
Es war ein Ritter, der war gar reich und war ein Hof⸗ meiſter des Herzogs von Sachſen. Er war gewaltig und mannhaft. Er hatte eine Frau, die war edel und zart. Eines Tages fügte es ſich, daß ſie ſich mit einander unter⸗ redeten von unſerer Mutter Eva Miſſethat von des Gebotes wegen, das ihnen Gott gab im Paradieſe. Des Herren Frau hob an, wie der Frauen Sitte iſt, und bezichtigte un⸗ ſere Mutter Eva gar hart ihrer Unbeſtändigkeit und klagte Frau Eva an, daß ſie das Gebot übertreten hätte. Der Herr, ihr Mann, ſprach zu ihr:„Verurtheile ſie nicht, denn Du hätteſt in ſolcher Verſuchung vielleicht auch alſo gethan, und ich will Dir etwas gebieten, das minder iſt, und Du kannſt es noch minder halten.“ Sie kehrte ſich um und ſprach: „Was iſt das für ein Gebot?“ Der Ritter ſprach:„Ich ge⸗ biete Dir, daß Du an dem Tage, an dem Du gebadet haſt, nicht mit bloßen Füßen durch die Pfützen gehn ſollſt, die in unſerm Hof ſtehen. Am andern Tage, da thu' wie du willſt: geh aus und ein.“ Es war dort ein ſtinkendes Waſſer von Unſauberkeit und von Miſte, das im Hofe von allen Enden zuſammenfloß. Der Herr ſetzte eine Wette darauf und ſprach:„Biſt Du gehorſam und beſtändig, ſo will ich Dir vierzig Mark Silbers geben. Biſt Du es nicht, ſo gieb Du mir eben ſo viel!“ Das gefiel ihr wohl. Da ſtellte der Herr heimliche Hüter an, daß es die Frau nicht merkte, daß man des Pfuhles achtete.
Ein wunderlich Ding geſchah. Darnach von dem Tage an, wenn die Frau, die ehrbar und verſchämt war, durch den Hof ging, ſo ſah ſie den Pfuhl an, und wenn ſie vom Bade kam, ſo fiel ſie ſo ſtark in Verſuchung und es ge⸗ lüſtete ſie, in den Pfuhl zu gehn. Und eines Tages darauf, da ſprach ſie zu ihrem Mädchen:„Gehe ich nicht in den Pfuhl hinein und erfreue mich deſſen, ſo iſt es mein Tod, drum vollend' ich's allſobald.“ Da gürtete ſie ſich und be⸗ reitete ſich dazu und ſah ſich um, ob es jemand ſähe. Da ſie da niemand ſah— ihre Magd folgte ihr nach—, ſo hob ſie auf ihre Kleider und ging in den Pfuhl bis an die Kniee und ging her und hin in der Pfütze ganz nach ihrem Gelüſte, und das ward alsbald ihrem Manne geſagt. Er war da⸗ rüber froh, und da er ſie ſah, ſprach er:„Frau, haſt Du Dich heute wohl gebadet?“ Sie antwortete und ſprach:„Ja, ich habe mich gebadet.“ Er ſprach:„Wo? in einer Wanne oder in einem Pfuhle?“ Da ſie hörte, daß ſie ihrer Unbe⸗ ſtändigkeit überführt wäre, ſchwieg ſie und duckte ſich und merkte wohl, daß er erfahren hatte, was ſie gethan hatte. Da ſprach der Herr:„Frau, wo iſt nun Euere Beſtändigkeit, mit der Ihr glimpflicher verſucht wurdet als Frau Eva? Ihr ſeid ſchmählicher gefallen als ſie; bezahlet, was Ihr ſchuldig
Novellen⸗Zeitung.
Feuilleton.
ſeid!“ Da die Frau das Gut nicht hatte, womit ſie bezah⸗ len könnte, ſo nahm der Herr all' ihre Kleider und gab ſie hinweg allerhand armen Leuten. Er ließ ſie etliche Weile Mangel und Nothdurft leiden an ihren Kleidern, daß ſie doch büßen ſollte.
Reizend iſt dieſer Humor; von wahrhaft tiefer Kraft aber muß man die Erzählung„vom undankbaren Sohn“ nennen. In dieſer kleinen Darſtellung herrſcht ein bibli⸗ ſcher Ton und die moraliſche Macht des Volksurtheils:
Es war ein guter Mann, der hatte ſeinem Sohne ſein Gut gegeben, und der Sohn nahm ein Weib, und der Vater blieb bei ihm im Hauſe. Zuerſt hielt er ſeinen Vater gut, darnach gab er ihm Knechtesbrod und dünnes Bier und ließ ihn auf das Feld gehn zum Pfluge, denn er mochte ihn am Heerde nicht leiden. Eines Tages kam ſein Vater vom Felde und war müde, und der Sohn ſaß und aß mit ſeinem Weibe. Da er gewahr ward, daß ſein Vater kam, gab er ihm grobes Brod und dünnes Bier und hieß ihn wieder gehn auf das Feld. Da der Vater hinweg war, wollte der Sohn gehen zu der Kiſte und daraus holen ein gebraten Huhn, das er darin verborgen hatte. Da ſprang heraus ein großer brei⸗ ter Wurm und ſprang ihm unter die Augen und bedeckte ſein ganzes Angeſicht, und er hielt ſich ſo feſt mit ſeinen Klauen, daß ihn niemand ab konnte bringen. Da ſandte man nach einem Schmiede, der ſollte den Wurm mit der Zange abziehen. Da der Schmied in das Haus kam, da ſah der Wurm herum und ſah ihn ſo gräßlich an, daß er vor Furcht zur Erde fiel, und er ſprach:„Das iſt kein Wurm, es iſt der leidige Feind: ich ziehe den nicht ab.“ Alſo blieb er mit dem Wurm liegen und ſtarb.
Nach dieſen kleinen Proben bieten wir noch den freund⸗ lichen Leſern jene alterthümliche Dichtung dar, die ſich in mehreren Varianten erhalten hat und zu der Zeit, als Goethe und Schiller ſich mit Balladendichten beſchäftigten, den letz⸗ teren zu ſeinem didaktiſch⸗romantiſchen Gedicht vom frommen Knecht Fridolin begeiſterte. Leicht wird es in die Augen ſpringen, was und in welchem Geiſt Schiller geändert hat. Die Geſchichte heißt:.
Es wareinreicher Herr, und der hatte einen einzigen Sohn, und der war ihm über die Maßen lieb. Und da der Sohn herangewachſen war und zu ſeinen Jahren kam, da gelüſtete es ihn, andere Lande zu ſehen, und er bat ſeinen Vater, daß er ihn ließe andere Lande ſehen und ihm erlaubte zu reiſen. Dies war ſeinem Vater ſchmerzlich und leid, und er bat den Sohn zu bleiben, und hätte ihn gerne gehindert. Dies aber konnte nicht ſein, der Sohn wollte von der Fahrt nicht laſſen. Da der Vater ſah, daß es nicht anders könnte ſein, da ſprach er:„Lieber Sohn, nachdem Du nun nicht verzichten willſt auf deine Fahrt, ſo will ich Dir zwei Dinge empfehlen, daß Du die beſtändig hältſt, wohin Du kommſt. Das eine iſt, daß Du niemals einen Tag ohne Meſſe ſollſt ſein, wenn Du es thun kannſt. Das andere iſt: wohin Du kommſt, zu welcher Herrſchaft Du immer kommſt, wenn Du eines Herren Diener werdeſt, ſo ſollſt Du darauf achten: wenn Deine Herrſchaft betrübt und ungemuth iſt, ſo ſollſt Du auch ungemuth ſein; wenn ſie aber fröhlich und wohlgemuth ſind, ſo ſollſt Du mit ihnen fröhlich ſein.“ Dieſer Jüngling ſprach:„Vater, das will ich thun,“ und nahm Urlaub von ſeinem Vater und
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