Jahrgang 
31-52 (1863)
Seite
798
Einzelbild herunterladen

2

y

798 Novellen⸗

einen türkiſchen Paſcha, was an und für ſich im Kriege frei⸗ lich etwas ſehr Natürliches iſt, denn ohne Zweifel war er mit demſelben in Kampf gerathen, und da bei ſolchen Gelegenhei⸗ ten Einer zu ſiegen und der Andere zu fallen pflegt, ſo möchte man die Frage aufwerfen, warum das Letztere nicht eben ſo gut einem Türken als einem Deutſchen beſchieden ſein ſollte. Genug, der Türke blieb, und dieſe That veranlaßte den glück⸗ lichen Vorfahren des Dichters, daß er ſie ſpäter in ſeiner Heimath ſinnbildlich in der Weiſe verherrlichte, daß er über der Kellerthür ſeines Wohnhauſes in Kleingartach bei Heilbronn, wo er nach den blutigen Kriegsdienſten den häuslichen Heerd gegründet hatte, ein in Stein ausgehau⸗ enes Wappen anbringen ließ, das einen Mann einſchloß, welcher in der einen Hand einen Türkenſäbel, in der andern einen Spaten hält, die Embleme von Krieg und Frieden.

Von jetzt an ſind es immer friedliche Beſchäftigungen geweſen, denen der Uhland'ſche Stamm oblag. Der Sohn je⸗ nes Kriegers, Joſeph Uhland, kam nach Tübingen und wurde Kaufmann, wieder ein Sohn dieſes Kaufmanns Profeſſor an der Univerſität, und einer von deſſen Söhnen, Johann Friedrich, war Univerſitätsſecretair und der Vater des Dich⸗ ters, der, man möchte ſagen dürfenbekanntlich, am 26. April 1787 geboren iſt. Doch ſo weit iſt der Patriotismus

Zeitung.

ten darin ſo viel Originalität herrſcht, als man erwarten ſollte. Zuerſt waltet entweder nur eine allgemeine Roman⸗ tik, Sehnſucht und unbeſtimmte Schwärmerei, oder eine mehr oder weniger ſclaviſche Anlehnung an hervorragend Meiſter. Die Welt giebt, wie Sterne ſehr richtig bemertt, dem Einzelnen viel, und der Einzelne kann ihr dagegen um weniges bieten.

Ein zweites Gedicht aus dieſer Zeit, das an einen Schulvorſteher gerichtet iſt, enthält gar keinen poetiſchag Fonds, nicht einmal eine dichteriſche Färbung.

Im 16. und 17. Jahre nahm der Genius des Dichter an Kraft bedeutend zu. Viele auch nach ſpäteren Veränder ungen in die Uhland'ſche Sammlung aufgenommene Gedichte ſo z. B.die ſterbenden Helden,der blinde König, ſollen aus dieſer Periode ſtammen.

Unter den nicht aufgenommenen Gedichten iſt eines welchesdie Wallfahrtskirche heißt, auch aus dem 17. Lebens jahre ſtammt und wahrſcheinlich den Keim zu dem berühm ten Gedichtder Waller, vielleicht auch zu dem anderndi verlorne Kirche enthält; die letztere Vermuthung kommt un noch näher liegend als die erſtere vor. Dieſes Gedicht ente hält ſehr viel Zartes und Schönes, und wir wollen es unſen Leſern hier mittheilen.

und Nationalſinn des deutſchen Publicums noch nicht gediehen, daß es die Geburtstage ſeiner Dichter, Künſtler und Gelehr⸗ ten wie die ſeiner Fürſten auswendig weiß.

Das Stübchen im elterlichen Hauſe, in welchem der Knabe Ludwig mit ſeiner Schweſter zu ſpielen pflegte, wird

noch heute(das Haus gehört jetzt dem Kaufmann Gunſer) Es verdient dieſen Namen

dasDichterſtübchen genannt. nicht mit Unrecht, denn ſchon in dem Knaben regten ſich die poetiſchen Schwingen, denn er zeichnete ſich in der Schule

durch die Leichtigkeit aus, womit er ganze Seiten mit latei⸗

niſchen Hexametern füllte. Das älteſte deutſche Gedicht Uhland's ſoll in ſein eilf⸗ tes oder zwölftes Jahr fallen und zeichnet ſich durch eine für

dieſes Alter und die Zeit der Entſtehung nicht gewöhnliche Cor⸗

rectheit der Sprache aus. Ferner ſind uns zwei Gedichte aus dem vierzehnten Jahre aufbewahrt, von denen das eine lautet:

Unter der Tannen Umſchattung, am Heiligthume der Schwer⸗

muth, Sitz' ich verſchlungenen Arms über bemoostem Geſtein.

Matt durchflammet der Tag die Trauerbehängung der Aeſte,

Gewölbe der Mond dämmernden Strahles durchblickt. Ha! wie betäubet des Herzens gewürziger Weihrauch die Sinne! Sind es Träume, die ſchon ſchwül mir die Scheitel umwehn?

Wie die

Horch! was rauſchet daher? Den Schatten entflattert der

Rabe. Ach, ſein prophetiſcher Ruf tönet ſo traurig, ſo bang! Rabe, mich machſt du nicht beben, es weckt keiner Schand⸗ that Erinnrung Dein ſo trauriger Rnf noch in der Seele mir auf.

Aber wehe dem Frevler, deß Tritt dieſe Stätte entweihet: An der Sträubung des Haars faſſet Entſetzen ihn hier. Ihm dräut Schrecken das Dunkel, ihm blinket Schrecken der

Lichtſtrahl, Schrecken im Rabengekrächz rufet die Gottheit ihm zu.

Es iſt intereſſant, aus dieſem Gedicht, wie faſt aus allen

erſten Jugendproducten berühmter Genien, zu erſehn, daß ſel⸗

Wie ſteheſt du ſo ſtill und düſter,

Zerfallne Wallfahrtskirche, hier!

Wie wehn mit kläglichem Geflüſter 1

Die falben Birken über dir! 1

Dich ſahn die Pilger aus der Weite Vergoldet einſt im Morgenſtrahl; Dein frommes feſtliches Geläute Verhallte weit im Felſenthal.

Der heil'ge Tag iſt aufgeſtiegen, 1

Die Lieder tönen feierlich,

Und Opferdünſte wölken ſich.

Die Prieſter all' im Goldgeſchmeide, Im Waffenglanz der Ritter Chor, Die Frauen auch im lichten Kleide, Sie ziehen im Gebirg empor.

Doch Eine wandelt her vor Allen,

Sie ſenket in des Schleiers Wallen Ihr Haupt zur ſeufzervollen Bruſt.

Wohl mag ſie ſehnen ſich und klagen: Ihr Treuer kämpft im fernen Land, Dem ſie in ihrer Kindheit Tagen Sich weihete mit Herz und Hand.

Und ahnend tritt ſie in das Dunkel Des hochgewölbten Domes ein;

Geweihte Purpurfahnen fliegen, b 4

0 Sie trauert bei der Schweſtern Luſt,

Und wo die Kerzen trüben Funkel Vom duftigen Altare ſtreun,

Da brachte ſie im ſchönern Leben Ihr Dankgebet dem Jeſubild,

Da kniet ſie hin, und Thränen beben Vom blauen Auge licht und mild.