Jahrgang 
31-52 (1863)
Seite
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zeigen, daß der preußiſche Heldengeiſt noch nicht Punkte der Feſtung, der Baſtion Preußen, ſtand, un.

erſtorben iſt.

Dazu gebe der Himmel ſeinen Segen, ergänzte nach der Eroberung der Maikuhle bereits Anſtalten

Schill, während ſein Auge feurig blitzte und ſein Geiſt voll Hoffnung in die Zukunft zu ſchweifen ſchien,und nun, meine Freunde, reicht mir zum letzten Mal die Hände; das Schiff, welches mich auf⸗ nehmen ſoll, liegt zur Abfahrt bereit, und in einer Stunde bin ich ſchon unterwegs, um meinem Vater⸗ lande an einem anderen Orte zu dienen.

Die drei Helden legten feierlich die Hände in einander, während Schill mit bewegter Stimme ſagte:

Trennt uns auch für den Augenblick das Schick⸗ ſal, ſo bleiben ſich doch unſere Herzen nahe, und durch Nichts ſoll das Band der Freundſchaft, welches das Schickſal in ſo wunderbarer Weiſe um uns ge⸗ ſchlungen hat, gelockert werden. Lebt wohl, Camera⸗ den, und harret muthig aus; wenn Colberg frei iſt, ſehen wir uns wieder!

Mit dieſen prophetiſchen Worten ſchied Schill und eilte, mit neuen Hoffnungen im Herzen, dem Schauplatz zu, welchen ſich ſein feuriger, unternehmen⸗ der Geiſt zur Vollführung weiterer kühner Thaten gewählt hatte; Rothenſee und Werdau aber kehrten vom Hafen nach der Stadt zurück, um ſich dem Ernſt des Dienſtes mit verdoppeltem Eifer zu widmen.

Drei Monate ſpäter hatten die Belagerten einen harten Verluſt erlitten.

Am 1. Juli war von dem Feinde aus ſeinen ſämmtlichen Batterien ein zerſtörendes Feuer auf die Feſtung Colberg eröffnet worden, und während in der Stadt Giebel und Häuſer einſtürzten, bald hier, bald dort die hellen Flammen hervorbrachen, und der wehkla⸗ gende, wehrloſe Theil der Bevölkerung unter den zerſchmetterten Gewölben, den einſtürzenden Böden und krachenden Wänden wild durcheinander rannte und ſich vergebens bemühte, der von allen Seiten einſtürmenden Gefahr zu entrinnen, ging um vier Uhr Morgens die ſo wichtige Maikuhle, welche die Einfahrt in den Hafen deckte, nach verzweifelter Ge⸗ genwehr an die Franzoſen verloren.

Hiermit war der Vertheidigung der rechte Arm abgehauen, und da das verheerende Bombardement fortdauerte, ſo ſah die tapfere Beſatzung Colbergs, bei allem Muth der ſie beſeelte, mit banger Spannung und auf das Schlimmſte gefaßt dem kommenden Tage entgegen.

Es mochte gegen zwei Uhr des Nachmittags ſein, als Gneiſenau, von mehreren Officieren umgeben,

mit dem Fernrohr in der Hand, auf dem höchſten

Novellen⸗Zeitung.

die Bewegungen des Feindes zu beobachten, welcher

traf, ſich von der Volksſchauze her über das Münder⸗

fort zu ſturzen, um auf dieſe Weiſe auch die öſtliche

Seite des Hafens zu überwältigen.

Zur Seite Gneiſenau's ſtand auch Joachim Nettel⸗ beck, der bewährte Patriot, welcher ſtets in Zorn und Eifer gerathen war, wenn Jemand ein Wort hatt fallen laſſen, das auf Uebergabe hindeutete.

Mein armes Colberg, ſagte Nettelbeck weh⸗

müthig, indem er auf das brennende Rathhaus und

mehrere in Flammen ſtehende Speicher blickte,mein

armes Colberg, du haſt viel gelitten, aber unter dem Schutt deiner Häuſer haſt du deine Ehre rein bewahrt, und die Liebe deines Königs wird dir für dieſe Treue einſt Dank wiſſen.

Ha, rief Gneiſenau dazwiſchen,es war Zeit, daß ich nach dem Münderfort Verſtärkung ſchickte! Sehen Sie nur, Nettelbeck, wie entſchloſſen das zweite Pommerſche Reſerve⸗Bataillon den Feind mit dem Bajonnet wieder zurücktreibt!.. Wahrhaftig, fügie er hinzu, indem ſeinen Mund ein dankbares Lächeln umſpielte,wenn ich bedenke, mit welcher ausdauern⸗ den Treue mich Bürger und Soldaten bei der Ver⸗ theidigung dieſes Platzes unterſtützt haben, ſo fühlt ſich mein Herz von Dankbarkeit durchdrungen, und was auch ſchließlich unſer Loos ſein mag, ich werde es mir ſtets zur hohen Ehre anrechnen, ſo tapfere Männer befehligt zu haben.

So wie auch Ihr Andenken uns Allen unver⸗ geßlich bleiben wird, entgegnete Nettelbeck.Ich möchte wohl wiſſen, wie viele Wochen es ſchon ſind, daß Sie kein Bett geſehen haben und nicht aus den Kleidern kamen, denn wenn es Ihre Beſcheidenheit auch verſchweigt, ſo weiß doch Jeder, daß, wenn Sie nicht auf dem Wall unter dem heftigſten Kugelregen zu finden ſind, Sie wie der geringſte Soldat auf einer hölzernen Pritſche ausruhen, jeden Augenblich jedoch bereit, mich und Andere anzuhören, wenn wir Ihnen etwas von Bedeutung zu melden haben.

Während Nettelbeck Gneiſenau dieſe wohlverdiente Lobrede hielt, hatte derſelbe von Neuem ſein Glas vor die Augen genommen und blickte mit immen ſteigender Verwunderung auf die verlorenen Werke im Hafen. 1

In der That, wo noch eben der wüthendſte Kampf getobt hatte, war jetzt plötzlich die größte Ruhe ein⸗ getreten, und dem Donner des feindlichen Geſchützes folgte nunmehr eine lange öde Stille.

Das iſt ſonderbar, ſagte der ſpäter ſo berühmt gewordene Mann,wie auf Verabredung haben beide