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Paris hat einmal ſogar Einer ein Concert auf der Maul⸗ trommel gegeben.....
Daher auch die wahrhaft bemitleidenswerthen Quäle⸗
reien, denen Alle ausgeſitzt ſind, die nur irgend ein Haus machen. Jeder Virtuos hat nämlich ſeine Gönner, die man Billet⸗Aufdringer nennen ſollte; dieſe Schutzpatrone ſind wie die Weſpen— man kann ſich ihrer kaum erwehren, und ihr Stich iſt äußerſt empfindlich. Da giebt es keinen nur erdenklichen Vorwand, keinen diplomatiſchen Kniff, den ſie verſchmähten, ſobald es gilt, den armen reichen Leuten ein Dutzend jener entſetzlichen viereckigen Papiere aufzudringen, die man Concertbillets nennt. Und wenn nun vollends eine hübſche junge Frau dieſe grauſame Manie hat, dann muß man ſehen, mit welch barbariſchem Despotismus ſie die alten und jungen Männer in Contribution ſetzt, die das Glück ha⸗ ben ihr in den Weg zu kommen: „Herr A., hier ſind drei Billets, die ich Ihnen im Auf⸗ trage von Madame.... überreichen ſoll. Ich bitte um 30 Franken.“—„Herr B., es iſt bekannt, was für ein großer Muſikkenner Sie ſind. Sie waren mit dem Hauslehrer des Neffen von Grétry bekannt, und haben in Montmorency ei⸗ nen Monat lang in der Nachbarſchaft des großen Mannes gewohnt. Hier ſind zwei Billets zu einem prächtigen Concert, bei dem Sie durchaus nicht fehlen dürfen. Ich bitte um 20 Franken.“—„Beſte Freundin, im vorigen Winter habe ich Deinem Mann nindeſtens für 1000 Franken Billets von ſeinen Schützlingen abgenommen. Wenn Du ihm dieſe fünf Billets bringſt, kann er Dir das Geld nicht verweigern. Ich bitte um 50 Franken.“—„Mein Herr C., Sie ſind ein ſo vortrefflicher Künſtler, daß Sie gewiß auch andere Talente gern unterſtützen werden. Sicher werden Sie nicht verſäu⸗ men, das reizende Kind—(oder das intereſſante junge Mäd⸗ chen, oder dieſe vortreffliche Familienmutter, oder den armen Teufel, den wir von der Conſcription loskaufen müſſen)— zu hören; hier ſind zwei Plätze. Sie ſind mir 20 Franken ſchuldig— aber es hat keine Eile; ich gebe Ihnen bis zum Abend Credit.“— Und ſo fort.——
Ich kenne Leute, die während der Monate Februar und März, wo dieſe Geißel alljährlich am grauſamſten über Paris geſchwungen wird, ſich wohl hüten, die Salons auch nur mit einem Fuß zu betreten, um nicht ganz und gar aus⸗ geplündert zu werden. Ich will hier nicht von der bedroh⸗ lichen Reihenfolge der allerbekannteſten und unvermeidlich⸗ ſten Concerte ſprechen, die unglücklichen Recenſenten müſſen ſie alle ohne Erbarmen aushalten, doch würde es zu weit führen, wenn ich auch ihre Drangſale ſchildern wollte. Seit kurzem leiden übrigens die Recenſenten nicht allein darunter. Gegenwärtig glaubt aber jeder„Künſtler“,— ſei er nun Virtuos auf der Maultrommel, oder auf was ſonſt,— der(nach dem Kunſtausdruck) Paris„gemacht“, d. h. dort ein Concert gegeben hat, auch„reiſen“ zu müſſen, und peinigt zu dieſem Zweck alle anſtändigen Menſchen ſeiner Bekanntſchaft, die nicht klug genug waren,
ihre Verbindungen mit dem Ausland ſorgfältigſt zu verheh⸗
Novellen⸗
Feitung.
Reſultate für alle Welt, beſonders aber für die recomman⸗ dirten Virtuoſen ſelbſt.
Ich will Ihnen das Schickſal einer Liederſängerin und ihres Gemahls erzählen, das ich vergangenen Winter in Ruß⸗ land erfuhr.— Das muſikaliſche Ehepaar hatte Petersburg und Moskau zwar ohne den geringſten Erfolg„gemachte, hielt ſich aber trotzdem für empfehlenswerth genug, um einen
einflußreichen Gönner zu bitten, ſie am Hof des Sultans
einzuführen. Auch Conſtantinopel ſollte„gemacht“ werden. Das war noch etwas ganz Neues; ſelbſt Liszt hatte damals noch nicht daran gedacht, dahin zu gehen. Da es ihnen nicht gelungen war, das ruſſiſche Eis aufzuthauen, war dies nur ein Grund mehr für ſie, ihr Glück unter einem Himmels⸗ ſtrich zu verſuchen, deſſen Milde ſprüchwörtlich iſt, und dort zu probiren, ob, durch den ſeltſamſten Zufall, die wahren Muſikfreunde nicht unter den Türken zu ſuchen ſeien. So folgten alſo die recommandirten Gatten, wie einſt die heili⸗ gen drei Könige, ihrem zweifelhaften Stern, der ſie nach dem Orient führte.
Sie kamen in Pera an; die Empfehlungsſchreiben hat⸗ ten die gewünſchte Wirkung: das Serail öffnete ſich vor ihnen! Madame erhielt die Erlaubniß, vor dem Beherrſcher aller Gläubigen ihre Romanzen ſingen zu dürfen. Es lohnt ſich wohl der Mühe, Groß-Sultan zu ſein, wenn man nicht einmal vor ſolchen Unglücksfällen ſicher iſt!— Das Hof⸗ Concert wird anberaumt. Vier ſchwarze Selaven ſchleppen ein Pianoforte herbei; der weiße Sclave, nämlich der Ehe⸗ mann, trägt den Shawl und die Notenhefte der Sängerin. — Der argloſe Sultan, der ſein Schickſal noch gar nicht zu ahnen ſcheint, läßt ſich bequem auf ſeinen weichen Pol⸗ ſtern nieder; ſeine Großwürdenträger, darunter ſein erſter Dragoman(Dolmetſcher), umgeben ihn. Er läßt ſeine Pfeife anzünden, hüllt ſich in duftende Wolken und giebt das Zeichen zum Anfang. Die Sängerin beginnt mit der Romanze von Panſeron:
„Ich weiß, Dein Herz iſt mir verloren, Weil einer Andern Du's geweiht; Doch bleib ich treu, wie ich geſchworen, Brachſt Du mir auch der Liebe Eid!
Die Lieb' zu Dir kann nie erblaſſen, Weil ſie mein einzig Lebensglück; Und wenn die Andre Dich verlaſſen, Dann rufe mich! Ich kehr' zurück!“
Hier machte der Sultan ſeinem Dragoman ein Zeichen,
und ſagte zu ihm, mit jenem Lakonismus der türkiſchen Sprache, von dem uns Moliere in ſeinem„Bourgeois gerr tilhomme“(der Spießbürger als Edelmann) ſo koſtbare Bei⸗ ſpiele gegeben hat:„Na— um!“— Der Dolmetſcher überſetzte das dem Herrn Gemahl folgendermaßen:„Seine taiſerliche Hoheit befehlen mir, Ihnen zu ſagen, daß Madant ihm das Vergnügen machen möge, ſofort zu ſchweigen.“
„Aber... ſie hat ja kaum erſt angefangen.... Das wäre eine Beleidigung!“ Unterdeſſen hatte die unglückſelige Sängerin fortge⸗
len. Er muß von ihnen„Empfehlungsbriefe“ herauspreſſen, er muß ſie dahin zu bringen ſuchen, an irgend einen unſchul⸗ digen Banquier, an irgend einen liebenswürdigen Geſandten, oder an einige wohlhabende Kunſtfreunde die wichtige Nach⸗ richt zu ſchreiben, daß Fräulein C. in Kopenhagen oder Amſter⸗ dam Concerte geben will, daß ſie ein ſeltenes Talent beſitzt, und daß man ſie doch nach Kräften aufmuntern,— d. h. ihnen möglichſt viel Billets abnehmen möchte. Solche er⸗ preßte Empfehlungen erzielen aber gewöhnlich die elendeſten
zu heulen: „Sollt' ihre Liebe je enteilen, Und ſollte Reu' erfaſſen Dich: Sprich nur ein Wort, und ohne Weilen Siehſt Du in Deinen Armen mich!“
fahren, die Panſeron'ſche Romanze mit rollenden Augen
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