Jahrgang 
31-52 (1863)
Seite
779
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Vierte Folge.

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Mühe oder Unbequemlichkeit macht, oder nur einigermaßen aniſchen Gewohnheiten, die einen ewigen Schlaf ſchlafen, lennenswerthe Unkoſten verurſacht. Für unſer großes Pub- aus dem Nichts ſie erwecken kann, oder die aus Indifferentis⸗ licum iſt die Kunſt thatſächlich nur vorhanden, wenn es abs mus für jede Kunſt der Oekonomie bis zum Fanatismus

Uleberzeugung, daß man nicht Einen unter Tauſend fände,

ſolut nichts Beſſeres zu thun weiß! Ich habe die feſte ergeben ſind!

der ſich dazu verſtehen würde, den außerordentlichſten Vir⸗

wuoſen oder das ſeltenſte Meiſterwerk mit anzuhören, ſobald ir genöthigt wäre, ſich dazu allein in einen dunkeln Saal zu ſetzen! Man wird auch nicht Einen unter Tauſend ſin

Kunſtwerk zu genießen, ausgenommen wenn dieMode s erfordert, denn zuweilen ſind ſogar Meiſterwerke in der Mode, obgleich man ſich nicht beſinnen würde, einem

Das erinnert mich an eine Anekdote, die Ihnen vielleicht neu iſt, in der Liszt und Rubini eine ſehr originelle Rolle ſpielen. Beide vereinigten ſich zu einem muſikaliſchen An⸗ griff auf die Städte des nördlichen Frankreich. Wenn jemals

zwei hinreißendeFortreißer ſich die Hände gereicht haben, den, der 25 Franken ausgeben möchte, um ein großes echtes

Künſtler gelegentlich eineAufmerkſamkeit zu erweiſen, die

möglicherweiſe das Doppelte koſtet. weder ein Diner, noch den einfachſten Spaziergang; viel we⸗ niger alſo ein Pferde⸗Rennen, oder eine Verhandlung vor den Aſſiſen. Man geht in die Oper, weil ſie neu iſt, und weil die Sängerin oder der Tenoriſt darin auftreten, die ge⸗

Man opfert der Muſik

rade an der Tagesordnung ſind. Man geht in ein Concert,

um ſeine Neugier zu befriedigen, wenn es ſich um die Riva lität zweier Sängerinnen, um den öffentlichen Kampf zweier berühmten Virtuoſen handelt. nicht, ihr Talent zu bewundern, ſondern zu erfahren, wer von Beiden unterliegen wird; es iſt nur eine andere Art von Rirchthurm⸗Rennen oder öffentlichem Ringkampf. zeht allerdings auch ſonſt wohl in's Theater, um ſich vier

Stunden zu langweilen, oder in einclaſſiſches Concert, um die anſtrengende Komödie als Enthuſiaſt zu ſpielen,

Weiſe die Partei des Stärkeren,

weil es zum guten Ton gehört, dort ſeine Loge zu haben, und weil die Plätze ſehr geſucht und ſelten ſind. Man be⸗ ſucht überhaupt gewiſſe erſte Aufführungen, und zahlt dann ohne Beſinnen oft übertrieben hohe Eintrittspreiſe, wenn nämlich der Director oder die Autoren an dieſem Abend ei⸗ nes jener gewagten Spiele ſpielen, die über ihr Geſchick, iber ihre ganze Zukunft entſcheiden ſollen. ullgemeine Intereſſe ungeheuer groß! Man kümmert ſich iußerſt wenig um das neue Werk und ſeinen Werth; man will nur wiſſen, ob es durchfällt oder nicht. Je nachdem die Umſtände ihm günſtig ſind, oder nicht; je nachdem der Eindruck für oder wider entſcheidet, wobei jene geheim nißvollen und unerklärlichen Urſachen oft die Hauptrolle ppielen, welche in ſolchen Momenten der unbedeutendſte Zu⸗ ſall hervorrufen kann: je nachdem ergreift man edler

noch vollends zu Boden, wenn das Werk unterliegt, oder

bermehrt den Triumph des Siegers, wenn er Glück hat, ohne dabei vom Werk das Geringſte verſtanden zu haben.

Dann mag es noch ſo heiß oder noch ſo kalt ſein; dann kann es ſtürmen, donnern oder ſchneien; dann mag es hundert Franken oder hundert Sous koſten: ſo Etwas muß man ſehen! Das iſt eine Bataille, oft ſogar eine Execution; dabei muß man geweſen ſein!

In Frankreich, mein Beſter, muß man das Publicum

in Gang zu bringen verſtehen, wie die Pferde beim Wett⸗

tennen. Das iſt eine beſondere Kunſt! Es giebt hinreißende Künſtler, welche das Publicum doch niemals fortzureißen ver⸗

anden, und wieder Andere von der gewöhnlichſten Mittel⸗ We orte, die es unwiderſtehlich herumzureißen wiſſen. Glücklich ſe, welche beide Eigenſchaften in ſeltener Vereinigung be⸗ iten! Und dennoch finden ſelbſt die außergewöhnlichſten Eiſcheinungen dieſer Art zuweilen ihre Meiſter, in den phleg⸗

natiſchen Bürgern gewiſſer Provinzialſtädte mit antediluvi⸗

tritt den Gefallenen

Dann gilt es aber auch

Man

Dann iſt das

um das Publicum zu bändigen, ſo waren es dieſe beiden un⸗ vergleichlichen Virtuoſen. Nun alſo: Rubini und Liszt oder vielmehr Liszt und Rubini kommen in ein ſolch moder⸗ nes Athen, und kündigen dort ihr erſtes Concert an. Es hatte weder an ſtaunenerregenden Reclamen, noch an mannig⸗ faltigem Programm gefehlt(denn Belloni war ja mit bei der Expedition!) Nichts war verſäumt worden, aber Nichts wollte ziehen! Die Stunde des Concerts iſt da, unſere beiden Löwen treten in den Saal er iſt leerſl Kaum fünfzig Perſonen ſitzen darin!

Rubini iſt darüber ſo wüthend, daß er nicht ſingen will, weil der Aerger ihm die Kehle zuſchnüre.

Im Gegentheil! erwiderte Liszt;Du mußt heute Dein Beſtes geben! Dies Atom von Publicum iſt offenbar die Elite der Muſikliebhaber der ganzen Provinz; man muß es auch dem entſprechendtractiren. Erweiſen wir ihnen die Ehre! Er geht mit gutem Beiſpiel voran, ſpielt zuerſt und zwar prachtvoll. Dann ſingt Rubini, eben ſo verächt⸗ lich als möglich, nur durch die Fiſtel. Hierauf ſpielt Liszt nochmals, tritt aber ſodann an die Lampen, grüßt das Pub⸗ licum auf das Verbindlichſte, und redet es folgenderma⸗ ßen an:

Meine Herren und meine Dame(es war näm⸗ lich nur eine da)ich vermuthe, daß Sie jetzt genug Muſik gehört haben. Darf ich Sie nun einladen, unſere Gäſte zu ſein und mit uns zu ſoupiren?

Im erſten Moment waren die 50 Feſtgäſte doch unent⸗ ſchieden, was ſie thun ſollten. Aber da der liebenswürdige Vorſchlag, genau betrachtet, doch ſehr viel Verlockendes hatte, ſo lehnte ſchließlich Niemand ab. Das Souper koſtete Liszt 1200 Franken. Die beiden Künſtler haben dieſes Experiment nicht wiederholt aber mit Unrecht. Denn zum zweiten Concert hätte das Publicum ſich unzweifelhaft gedrängt.... in der Hoffnung auf das Souper!... Ein nachahmenswerthes Hauptzugmittel, das leider nur Millio⸗ nären empfohlen werden kann!

Ich begegnete einmal einem erſten Pianiſten, der ſehr enttäuſcht aus einer Hafenſtadt zurückkehrte, wo er ſich wollte hören laſſen.Es war rein unmöglich, dort ein Concert zu veranſtalten, ſagte er ganz ernſthaft zu mir,die Hä⸗ ringe waren gerade im Anzug, und die ganze Stadt dachte nur an den Häringsfang. Wie könnte ein Künſtler auch mit Häringen concurriren! Sie ſehen, mein Beſter, daß dasin Gang bringen keine leichte Aufgabe iſt, beſonders in Städten zweiten Ranges. Nachdem ich aber den Muſik⸗ ſinn des großen Publicums einer ſo ſcharfen Kritik unter⸗ worfen habe, müſſen Sie nun auch erfahren, wie viele Tölpel vom höchſten Sopran bis zum tiefſten Baß, von der Pickelflöte bis zum Bombardon das arme Publicum un⸗ abläſſig quälen, überlaufen, beſtürmen und auf die ſchamlo⸗ ſeſte Weiſe zu übertölpeln ſuchen. Da giebt es keinen noch ſo elenden Guitarren⸗Kratzer, keinen noch ſo plumpen Cla⸗ vier⸗Pauker, keinen noch ſo fade girrenden Jodler, der nicht durch Concertgeben Ruhm und Geld verdienen möchte. In