Jahrgang 
31-52 (1863)
Seite
778
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778 Novellen⸗

digkeit der Frauen, ſolche Abenteuerlichkeiten als denkbar zu behandeln, ſo nervenerregend ſie auch für manche Leſer ſein mögen.

Einzig und allein bei wilden Völkern oder bei den Haremstürken und in ganz geſetzloſen Epochen der geſellſchaftlichen Auflöſung haben ſich dergleichen Gewaltacte wirklich ereignet. Man hat ſich das romantiſche Vergnügen gemacht, ſie zuweilen aus Rußlands letzten hundert Jahren zu erzählen. Doch jeder Czaar, dem ſolche alle Ordnung verhöhnende Schandthat zum Vortrag gebracht wäre, würde die Theilnehmer des Bubenſtücks zur Strafe nach Sibi⸗ rien geſchickt und mancher vielleicht die Frau, wenn ſie hübſch, als confiscirtes Gut für ſich eingezo⸗ gen haben.

Mit einem Wort, die Frauen können auf keine Weiſe verpflichtet werden, einen ſo ſchimpflichen Han⸗ del zu realiſiren. Etwas Anderes iſt es, wenn ſie aus eigenem Antriebe bereit ſind, ſich dem Gegner ihres Gatten auszuliefern. In dieſem Fall aber pflegen ſie es gar nicht für nöthig zu halten, daß ein Kartenſpiel vorausgegangen iſt.

Man iſt nun zwar in Romanen daran gewöhnt, daß die Hinderniſſe, welche die Wirklichkeit bietet, nicht berührt werden. Heirathen laſſen die Erzähler mitten in Deutſchland und in der neueſten Zeit binnen

Zeitung.

Paar zuſammenthun, oder andere bürgerliche Hand⸗ lungen geſchehen laſſen. Einem Novelliſten iſt es nur eine Kleinigkeit, zu erzählen, wie ſich irgend ein Un⸗ bemittelter in einer fremden, einem andern Staat⸗ angehörenden Stadt. angeſiedelt und etablirt habe. O, der Arme! wie viel älter hätte er in Wirklichkeit dar⸗ über werden müſſen, ehe dies durchzuſetzen war!

Die Autoren würden wohl thun, dieſe Verhält⸗ niſſe immer ſo darzuſtellen, wie ſie im Leben ſind, Dies müßte als eine öffentliche Kritik dazu beitragen, manche Mißſtände zu verbeſſern, während man entge⸗ gengeſetzten Falls das Publicum glauben macht, die geſetzlichen Verhältniſſe der europäiſchen Geſellſchaft ließen nichts zu wünſchen übrig und die Bahn ſei jedem Strebenden geglättet.

Leider aber geht der Novelliſt immer von der idealen, aber irrthümlichen Annahme aus, der Unter⸗ than ſei majorenn und ſein freier moraliſcher Wille nur durch die Grenzen der Menſchenrechte beſchränkt, während ihn der Uſus ein für allemal als minorenn erklärt. Im Reiche des Romans herrſcht Freizügig⸗ keit und allgemeines deutſches Heimathsrecht; im pral⸗ tiſchen Leben ſind dieſe Fortſchritte nur ein Trauu. Die realiſtiſche Erzählung aber ſoll ſich keinen Träu⸗ mereien hingeben, ſie ſoll die Sachen da mangelhaſt zeichnen, wo ſie mangelhaft ſind, denn nur durch das

wenigen Tagen ohne jede Vorbereitung vollziehen, während es Jedermann bekannt, wieviel für die ge⸗

ſunde Vernunft nicht begreifliche Umſtände und Menſchheit und ihre Geſetzgeber ſtreben und ſtreben g

Erwecken von Einſicht und nicht durch ein Vertuſchen derſelben kann das entſtehen, wonach die geſammte

Formalitäten ein ſolcher Act verlangt, der einen An⸗ müſſen, möglichſte Beſeitigung jener Mängel.

lauf von Monaten vorausſetzt und oft bei den wohl⸗ geordnetſten Verhältniſſen die größten Schwierigkeiten findet.

Die Schriftſteller ſollten, um wahr ſchildern zu können, immer erſt einen Advocaten über den vorge⸗ ſchriebenen Gang der Handlung befragen, ehe ſie ein

V Dieſes ſchöne Ziel verfolgen zu helfen, darin V ſollten namentlich alle Männer der öffentlichen Stimme, alſo alle Schriftſteller einig ſein und nie fürchten, daß mit Beſtrebungen von ſo hoher Tendenz eine Ermüdung der Leſer durch Detailſchilderungen ver⸗ bunden ſein kann.

Feuillelon.

Aus dem Pariſer Concerttreiben.

Keiner iſt wohl als gründlicher Kenner fähiger, uns das ſo intereſſante die Gegenwart zeichnende Bild des Muſikweſens von Paris zu entwerfen, als der heitere Berlioz, der ſo lange in dieſem Strome umhergeſchwommen. Er erzählt darüber einem Uneingeweihten unter anderm folgende Specialia:

Im Foyer des Theaters von Marſeille zeigte man mir einen Spiegel, den Paganini im Zorn zerſchlagen hat, weil der Saal bei einem ſeiner Concerte leer war.

Ja Paganini! An dem Tage war es vielleicht be⸗ ſonders heiß. Denn auch das müſſen Sie wiſſen: es giebt in Frankreich Verhältniſſe und Umſtände, gegen welche ſelbſt

jaGötter ſelbſt vergebens kämpfen würden. Weder in Paris, noch in den Provinzen liebt das Publicum die Mu⸗ ſik hinreichend, um ihr zu Liebe Hitze, Kälte oder Näſſe ertra⸗ gen, ja nur die gewohnte Stunde ſeiner Mahlzeit um wenige Minuten verſchieben zu wollen. Kein Menſch geht in die Oper oder in ein Concert, wenn es ihm nur die geringſte

das außerordentlichſte, unzweifelhafteſte muſikaliſche Genie,

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