Jahrgang 
31-52 (1863)
Seite
756
Einzelbild herunterladen

756 Novellen

Ein düſteres Schweigen war die einzige Antwort auf dieſe Worte.

Endlich erhob ein alter Capitain den tief auf die Bruſt geſenkten Kopf und ſagte:

Es iſt leider nur zu wahr, die Capitulation iſt abgeſchloſſen; ſoeben hat uns der Gouverneur davon in Kenntniß geſetzt.

Und Sie konnten dies dulden? ſchrie Schill, indem er mit zornglühenden Blicken im Kreiſe umher⸗ ſchaute.

Die Disciplin! ſagten einige Officiere achſel⸗ zuckend, indem ſie ſich verlegen abwendeten.

Ah, die Disciplin! rief Herr von Schill.Um einen Verräther ſein treuloſes Werk ausführen zu laſſen, verſchanzten Sie ſich hinter die Disciplin!.. Dann ſprach er ruhiger, mit gebrochener Stimme: Verzeihen Sie meine Worte, aber mein Herz iſt zum Tode verwundet. So viele Schmach in ſo kurzer Zeit, das iſt mehr, als ein Menſch ertragen kann!

Wir theilen ganz Ihre Gefühle, ſagten mehrere

Officiere, indem Wuth und Zorn aus ihren Augen blitzten,es iſt uns ein Kreuz auferlegt, welches uns

ſchwer darnieder drückt, denn wir hofften, uns hinter

dieſen ſtarken Wällen entſchloſſen zu vertheidigen, um ſo den preußiſchen Namen wieder zu Ehren zu bringen. Nun wohl, entgegnete Schill,ſo will ich we nigſtens an dieſer Capitulation nicht Theil nehmen, mit welcher ſich Herr von Kleiſt ſeine eigene Grab⸗ ſchrift geſchrieben hat; ich will meinen Degen nicht in die Hände eines fremden Eroberers niederlegen und mich nicht zu einer Unthätigkeit verdammen laſſen, die mich verhindert, meinem König anderwärts nützen zu können. Leben Sie wohl meine Herren, ich ver⸗ laſſe noch heute dieſen Ort, wo ich nichts als die Jämmerlichkeit in ihrer vollen Nacktheit, den Verrath. in ſeiner ſchamloſeſten Abgeſtumpftheit geſehen habe. Schill wendete mit ſtolz zurückgeworfenem Kopf ſeinen unglücklichen Cameraden den Rücken und ſchritt, Grimm und Zorn im Herzen, ſeiner Wohnung zu. Einige Stunden ſpäter verließ er in der Klei⸗ dung eines Landmannes, mit einem Paſſe verſehen, Magdeburg und ſchlug den Weg nach Stettin ein.

* *

Die Gefährten des Helden, deſſen Name ſpäter einen ſo populären Klang in Deutſchland erhielt, waren, wie wir wiſſen, bereits vierzehn Tage früher aufgebrochen.

Noch immer bedeckten Flüchtlinge die Wege, auf welchen die Armee den Rückzug genommen.

Während die Marſchälle Soult und Davouſt mit ihren Armeecorps unaufhaltſam vorwärts zogen, mach⸗

Zeitung.

ten einzelne zurückgebliebene franzöſiſche Abthei als Marodeure die Straßen unſicher und führten auf

eigene Hand Krieg gegen unbewaffnete Perſonen, in⸗

dem ſie plünderten und raubten, wo ſich ihnen dazu ungeſtraft die Gelegenheit bot. Mitunter fanden ſich wohl auch einige verſprengte Mannſchaften von preu⸗ ßiſchen Regimentern zuſammen und ſuchten ſich, ſo gut ſie konnten, durchzuſchlagen, um die zunächſtgele⸗

gene Feſtung oder den König ſelbſt, welcher nach

Stettin vorausgeeilt war, zu erreichen.

Unſere fünf Helden die drei Dragoner vom

Regiment Ansbach»Bayreuth mit eingerechnet hat⸗ ten ſich feierlich das gegenſeitige Gelöbniß abgelegt, ihr Leben bei einem Zuſammentreffen mit dem Feinde

ſo theuer wie möglich zu verkaufen, und ſich entweder

bis zum Ort des Rendezvous durchzuſchlagen, oder

als freie Männer mit den Waffen in der Hand ju

ſterben. Bisher war ihnen das Glück günſtig gewe⸗ ſen; unangefochten hatten ſie ihren Marſch fortgeſetzt,

glücklich waren ſie über die Oder gelangt, und jemehr cls

ſie ſich dem Endpunkt ihrer Reiſe näherten, um ſo mehr erheiterte ſich ihre Stimmung, denn hier hofften

ſie endlich die Ruhe und dann ein weiteres Ziel für

ihre Thätigkeit zu finden.

Eigentlich, ſagte Rothenſee zu Werdau gewen⸗

det, als ſie eines Tages über eine weite Ebene ritten und gerade eine kleine Anhöhe erreicht hatten,eigenl⸗ lich wäre es mir ganz recht, wenn wir noch irgend ein kleines Abenteuer zu beſtehen bekämen, ſei es auch nur, um als irrende Ritter irgend einer bedräng⸗ ten Jungfrau zu Hülfe zu kommen.

Nun, ich hätte eben auch nichts dagegen, ant⸗f

wortete dieſer in demſelben heiteren Tone,obgleich augenblicklich dazu gerade wenig Ausſicht vorhanden zu ſein ſcheint.

Ei, entgegnete Rothenſee lachend,wenn uns die Wirklichkeit nichts bietet, ſo kann es wenigſtens nichts ſchaden, wenn wir unſerer Phantaſie etwas den Nehmen Sie zum Beiſpul an..Nun, Sie gewahren doch dort rechts von

Zügel ſchießen laſſen.

uns, hart am Saume des Waldes das Fuhrwelk, welches ſich mühſam durch den Sand arbeitet? Ja wohl, ſagte Werdau, ſcharf nach der ange⸗ deuteten Stelle ſehend,und ich glaube wirklich, wir haben alle Urſache anzunehmen, daß Ihr vorhin aus⸗ geſprochener Wunſch in Erfüllung gehen wird. Sehen Sie nur, wie der Kutſcher die Pferde anpeitſcht!' Und dort die ſechs Kerle, welche plötzlich aus

deſſen Führer ſich vergebens anſtrengt ihnen zu ent⸗ kommen!

Bei Gott, das ſind franzöſiſche Uniformen

dem Dickicht hervorſtürzen und den Wagen umringen,

7 1