Jahrgang 
31-52 (1863)
Seite
723
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Vierte Folge.

Novellen-Zeitung.

Von Auerſtüdt bis Berlin.

Hiſtoriſche Erzählung von

Carl von Keſſel. (Fortſetzung.)

Ebvben wollte Werdau eine noch verletzendere Ant⸗ (oort geben, als Herr Schulze eintrat, der nicht wenig kuutzte, als er unſeren Bekannten erblickte.

Der Officier benutzte dieſe Gelegenheit, ergriff ſinen Hut und ſagte, ſich zu dem Rechtspraktikanten undend:

Ich bedauere, daß es mir nicht länger möglich if, hier zu verweilen, ich werde Ihnen aber meine aufträge ſchriftlich überſchicken.

Wie, Sie wollen ſchon gehen, Herr Graf?

Meine Zeit erlaubt mir in der That keinen engeren Aufenthalt... Leben Sie wohl, Made⸗ wiſelle, ich bedauere von ganzem Herzen die unan⸗ amnehme Störung, welche ich verurſacht habe.

Eine artige Verbeugung erfolgte, und der Ca⸗

ſalier entfernte ſich, ehe Herr Schulze Zeit gewann, uchmals das Wort zu ergreifen.

Was iſt hier vorgefallen? fragte derſelbe jetzt, adem er abwechſelnd auf ſeine Tochter und auf Wil⸗ heim blickte.

Was wird vorgefallen ſein! rief Roſalie.Die Giobheit des Herrn Werdau hat den Grafen ver⸗ ſcheucht, ich ſelbſt mußte mir von ihm die größten Zeleidigungen in's Geſicht ſagen laſſen, kurz, ich ver⸗ ange von Ihnen, mein Vater, daß Sie Wilhelm ein in alle Mal das weitere Betreten unſerer Wohnung literſagen.

Es iſt ſolches ſchon längſt mein Wunſch geweſen,

agte der Rechtspraktikant.Sie waren ohnedies dem Glück meiner Tochter nur im Wege.

Ich glaube es gern, entgegnete Werdau mit

Aterkeit;ſo wie ich Sie jetzt Beide kennen gelernt

dibe, glaube ich es gern, daß ich Ihnen im Wege ſan. Es hält ſchwer, eine ſo plötzliche Enttäuſchung

wir uns wiederſehen, das weiß Gott.

des Herzens zu ertragen und ſeine heiligſten Gefühle auf einmal ſo preisgegeben zu ſehen. Allein immer noch iſt es beſſer, die Erkenntniß kommt jetzt als ſpäter. Ich habe mich entſchloſſen Soldat zu werden und verlaſſe ſchon übermorgen Berlin. Lebe wohl, Roſalie, unſere Wege trennen ſich von jetzt an. Ob Doch wenn es geſchieht, dann gebe der Himmel, daß an Deinem Herzen nicht Enttäuſchung und Reue nagen mögen.

Ohne eine weitere Antwort abzuwarten, ſtürzte der junge Mann fort, von einem ſpöttiſchen Blick be⸗ gleitet, den ihm Vater und Tochter nachſchickten.

Als er ſich wieder auf der Straße befand, ſagte er zu ſich ſelbſt:Morgen habe ich noch einen Gang zu machen, den mir die Pflicht der Dankbarkeit auferlegt, und dann bin ich reiſefertig. Der alte Kanzleirath Gott⸗ helf hat zwar manchmal mißbilligend den Kopf über mich geſchüttelt, aber im Grunde war er doch ſtets gütig und theilnehmend gegen mich, und wo der Zopf, der ihm freilich bis über den Rücken herabhing, nicht den verknöcherten Maßſtab bei ſeiner Handlungsweiſe bildete, hat er dabei doch immer Herzensgüte und Wohlwollen walten laſſen.

Dabei dachte unſer Verwandter auch an Hedwig, und der ruhige Ernſt des jungen Mädchens, deſſen ſtets höfliche Theilnahme gegen ihn, verbunden mit ihrem ſanften, einnehmenden Weſen, dies Alles trat jetzt als ein ſchönes, harmoniſches Bild in voller Klarheit bei ihm hervor.

Bevor wir ihn jedoch auf ſeinem Gange zu dem Kanzleirath begleiten, müſſen wir dem Leſer noch einige Erläuterungen in Betreff des Grafen von Ro⸗ thenſee geben, weil derſelbe dazu berufen iſt, noch eine weitere Rolle in dieſer Erzählung zu ſpielen, und weil es von Intereſſe erſcheint, darüber Aufklärung zu erhalten, weshalb derſelbe, trotz der feſſelnden Schönheit Roſaliens, keinen weiteren Verſuch machte, in näheren Umgang mit ihr zu treten.

Der junge Cavalier war unmittelbar nachber, als er das Haus, in welchem der Rechtspraktikant wohnte, verlaſſen, nach ſeiner Wohnung zurückgekehrt.