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Niemand behaupten können, daß meine Anſprüche über die Beſcheidenheit hinausgehen.“
„Ich danke Dir für dies offene Geſtändniß,“ ſagte Wilhelm Werdau, indem er ſich leicht auf die Lippen biß und ſeine Stirn ſich in Falten legte; „allerdings Schätze kann ich Dir nicht bieten, und vor⸗ läufig bin ich auch nichts weiter, als ein beſcheidener Kanzliſt.“
„Nun, kommt Zeit, kommt Rath,“ ſagte der Va⸗ ter Roſaliens, indem er abermals einen Blick mit ſeiner Tochter wechſelte,„man muß ſich nie für die Zukunft die Hände binden, Herr Werdau, und natür⸗ lich, ſo lange Sie keine Ausſicht haben meiner Tochter eine behagliche, ſorgenfreie Zukunft zu bieten—“
„So lange bleibt mein Verhältniß zu derſelben nichts weiter, als eine Bekanntſchaft, die jeden Augen⸗ blick wieder aufgelöſt werden kann, nicht wahr, Herr Schulze?“ antwortete der junge Mann jetzt in einem gereizten Tone.
„Aber,“ rief Roſalie, indem ſie auf Wilhelm zu⸗ eilte und mit ihrer kleinen Hand ſeinen Mund unter einem zauberiſchen Lächeln bedeckte,„aber, Herr Trotz⸗ kopf, wollen wir gleich die Empfindlichkeit bei Seite laſſen und die Stirn nicht ſo in Falten ziehen! Und nun, mein geſtrenger Herr, erfüllen Sie Ihr Verſpre⸗ chen und führen Sie mich in’'s Theater, denn, wie Sie ſehen, ſtehe ich zu Ihrem Befehl und brauche nur den Hut aufzuſetzen und Ihnen den Arm zu geben.“
„Nun gut,“ ſagte Wilhelm, welcher dieſen Wor⸗ ten nicht zu widerſtehen vermochte und ſich daher be⸗ mühte, ſeine gute Laune wieder zu erlangen,„nun⸗ gut, ſo komm und laß mich verſuchen, ob ich Dir einen heiteren Abend bereiten kann.“
Während das junge Paar ſich auf den Weg be⸗ gab und das Haus verließ, ging Roſaliens Vater in dem kleinen Zimmer mit ſich ſelbſt ſprechend auf und ab.
„Wüßte ich nicht, daß ich mich auf den Verſtand des Mädchens verlaſſen kann,“ murmelte er,„ſo hätte ich ſchon längſt dieſer Bekanntſchaft ein Ende gemacht. Meine Verhältniſſe ſind wahrhaftig nicht darnach an⸗ gethan, um einem Menſchen, der nichts hat und nichts iſt, einen ſolchen Edelſtein an den Hals zu werfen! Nein, wahrlich, wer eine Tochter von ſo verführeriſcher Schönheit beſitzt, kann hier in Berlin ſein Glück da⸗ mit machen und ſich ein gemächliches Daſein bereiten! .. Der Geier hole ein ſolches Leben, wie ich es jetzt führen muß!.. Hatte in Breslau eine gute Stelle am Gericht— na, daß mir einige Mal Documente von Wichtigkeit unter den Händen wegkamen und daß b ich zuletzt in Unterſuchung gerieth und caſſirt wurde,
Nopellen⸗
Zeitung. das war ein Unglück, wofür ich jetzt zur Genüge n büßen muß. So viel weiß ich aber, als Winkelad⸗aa 30 vocat iſt nicht viel zu verdienen, kaum das tro⸗ ganne ckene Brod, und dabei wird Einem auch noch von der zaben Polizei auf die Finger geſehen, und alle Wochen lang un, d muß man ſich einem Verhoͤr unterwerfen!.. Der rlrme Kuckuk hole die ganze preußiſche Wirthſchaft, wie ſie bein jetzt iſt, und wenn heute die Franzoſen in's Land S kämen, ich wäre der Erſte, welcher zu ihnen überginge, Tie und wuüͤrde mich keinen Augenblick beſinnen, ein Amt der die von ihnen anzunehmen.“ 3 lich ei Während dieſes Selbſtgeſpräch nin dem kleinen de Fen Zimmer geführt wurde, deſſen Inhalt für den Mann,(umals welcher es führte, eben kein vortheilhaftes Zeugniß„N ablegte, war Werdau mit Roſalien in das Schauſpiel⸗nr Gen haus getreten, wo dieſen Abend„der politiſche Zinn⸗ an ſag gießer“ gegeben wurde, der jedes Mal ein überfülltes an die Haus ausmachte, weil der berühmte Schauſpieler Unzel⸗ 80 mann, welcher die Titelrolle gab, nicht verfehlte, ſtets ni politiſche Anſpielungen im patriotiſchen Sinne zu ma⸗ dnkee chen, die dann von den Zuſchauern immer ſtürmiſch beklaſcht wurden. Freilich ging es damals im Thea⸗ bi ter auch anders zu als jetzt. Der Bürger wagte nur ſiin ſchüchtern aufzutreten, er beugte ſich demüthig vor ha T dem allmächtigen Beamtenthum und vor den mit al⸗ t T lem Hochmuth eines verwöhnten und bevorzugten kullei Standes auftretenden Garde⸗Officieren, unter denen ſe ſd ſich die der königlichen Haustruppen vom Regiment„ Gensdarmen wieder vorzugsweiſe durch ihre Ausge⸗ lechen laſſenheit und ihren rückſichtsloſen Uebermuth aus⸗ ninden zeichneten. säte Als der junge Mann mit ſeiner Begleiterin in di den Zuſchauerraum trat, war das Parterre bereits um ziemlich beſetzt; da aber faſt noch eine Viertelſtunde(hra an der Zeit fehlte, wo der Beginn des Stückes zuman erwarten ſtand, ſo füllten ſich die Bänke noch fort⸗ währeud, und zwar faſt ausſchließlich mit Perſonen Khere aus dem mittlern Bürgerſtande. ale An einem der Eingänge des Theaters, unmittel⸗ t uie bar am Orcheſter, hatte eine Gruppe von vier Offi⸗umal cieren Poſto gefaßt. Die Herren liebten es, ſich mehr im Parterre als in den Logen zu bewegen, weil ſie pir ſ ſich dort einer großen Ausgelaſſenheit hingeben konn⸗ 1 ten, indem ſie ungenirt, gerade wie es ihrer Laune n gefiel, Perſonen und Gegenſtände zur Zielſcheibe ihrer Witzeleien machten. 1 „Ein famoſer Spaß das,“ ſagte einer dieſer Aeuc Herren zu einem Cameraden gewendet,„dem Miniſter 16 v. Haugwitz die Feuſter einzuwerfen! Iſt dem alten d Verräther ſchon recht— hätte längſt wegen ſeiner ſiuan Sympathien für dieſen Herrn Bonaparte vor ein ue Kriegsgericht geſtellt werden müſſen.“ N d


