Jahrgang 
31-52 (1863)
Seite
691
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Vierte

Folge. 691

Novellen-Zeitung.

Von Auerſtädt bis Berlin.

Hiſtoriſche Erzählung von

Carl von Keſſel.

Schon ſeit mehreren Tagen befand ſich Berlin in großer politiſcher Aufregung. den höheren Kreiſen der Hauptſtadt lebhaft beſprochen worden war, hatte ſich nun auch dem Volke mitgetheilt und wurde rückſichtslos auf der Straße und in den

ffentlichen Localen verhandelt. Wie am Hofe, ſo es auch hier zwei große Parteien, die franzöſiſche dd die ruſſiſch⸗engliſche, welche ſich wüthend bekämpf⸗ ten und in der Hitze der Leidenſchaften nicht ſelten thätlich aneinander geriethen, und da es zum Ver⸗ ſändniſſe der damals bewegten Zeit von lehrreichem Intereſſe iſt, ſich ein engeres Bild von dem öffent⸗

lichen Treiben zu entwerfen, ſo hoffen wir, daß es

dem Leſer nicht unwillkommen ſein wird, wenn wir iihn hiermit etwas genauer bekannt machen.

Es war ſchon hoch in den Nachmittagsſtunden, als ſich ein junger Mann mit ziemlich haſtigen Schritten die Linden entlang bewegte und die Richtung nach dem Luſtgarten einſchlug. ene durchaus reinliche, dabei aber ſehr einfache, welche

zuf den erſten Blick erkennen ließ, daß er nicht im Ueberfluß lebte und eben nur ſo viel beſaß, um ſich unter beſcheidenen Anſprüchen durch die Welt zu ſchla⸗ gen. Dagegen war ſein Aeußeres ein einnehmendes, denn in ſeinem Gange und in ſeiner Haltung lag

ine gewiſſe Entſchloſſenheit, und ſein offenes, etwas eerausforderndes Geſicht belebten ein Paar Augen, aus denen mitunter ein Blitz ſchoß und die auf eine Villenskraft hindeuteten, welche geneigt ſchien, bei vorkommender Gelegenheit leicht überzuſprudeln und, unbeſorgt um die Folgen, ſich von der augenblicklichen Aufregung eines ſanguiniſchen Temperaments hinreißen zu laſſen.

Nachdem unſer neuer Bekannter den Luſtgarten hinter ſich hatte, durchſchritt er raſch eine Anzahl

duung

Was bisher nur in

Seine Kleidung war zwar

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großer und kleiner Straßen und trat endlich in ein Haus von ziemlich beſcheidenem Ausſehen. Dort ſtieg er eine Treppe hinauf, klopfte an der derſelben zu⸗ nächſt liegenden Thüre und befand ſich unmittelbar darauf einem Mann und einem jungen Mädchen gegen⸗ über, von welchen der Erſtere ungefähr funfzig, das Letztere etwa neunzehn Jahre alt ſein mochte.

Hier bin ich, ſagte der junge Mann, indem er ſich des Hutes, welchen er in der Hand hielt, mit leichter Sorgloſigkeit entledigte und ſeine Hände den

beiden Perſonen entgegenſtreckte,hier bin ich, um mein Verſprechen zu halten und dieſe kleine Fee in's Theaternzu führen.

Das iſt hübſch von Dir, antwortete das junge Mädchen,und wie Du ſiehſt, habe ich auch mit Be⸗ ſtimmtheit auf Dein Erſcheinen gerechnet. Nun be⸗ trachte mich einmal; glaubſt Du wohl, daß ich im Stande ſein werde, heute eine Eroberung zu machen?

Ein flüchtiger, heimlicher Blick wurde bei dieſer Frage zwiſchen Vater und Tochter gewechſelt, der aber für Denjenigen, an welchen die Frage gerichtet war, gänzlich verloren ging, denn ſein geblendetes Auge (hing nur an Roſalie, welche ſich mit lächelndem Blick

vor den jungen Mann geſtellt hatte, um ſich in ihrem Foſtanzug betrachten zu laſſen.

Sie trug ein wollenes Kleid aus gutem engliſchen Stoff, das in leichten Falten über ihre abgerundete, in jeder Beziehung feine und ebenmäßige Geſtalt her⸗ abfiel, und als ſie jetzt die Augen aufſchlug, zeigten ſich ein Paar ſeelenvolle blaue Sterne, die unter der Fülle ihres üppigen blonden Haares hervortraten.

Du biſt wirklich ſchön, Roſalie, ſagte der junge Mann, von dem Eindruck dieſer herrlichen Erſcheinung überwältigt,obgleich ich Dir dies eigentlich nicht ſo offen in's Geſicht ſagen ſollte, denn ich glaube, Du biſt Dir deſſen nur ſchon zu ſehr bewußt. Meinſt Du? entgegnete das junge Mädchen, indem es den kleinen, von feinen Lippen eingefaßten Mund zu einem koketten Lächeln aufwarfnun, bis jetzt hat mir meine Schönheit noch keine be⸗ ſonderen Eroberungen eingebracht, und es wird wohl

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