Jahrgang 
31-52 (1863)
Seite
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Julius Moſen's ſagen. Sie ſind viele Jahre von den Schulbänken herunter declamirt worden, ehe ſich einige davon durch die fernere Beihülfe der lyriſchenDiebs⸗ ſammlungen,Blumenleſen genannt, im deutſchen Publicum feſtgeſetzt haben. Daſſelbe gewöhnt ſich aber ſchwer und langſam an einen Lyriker, der echt deutſch iſt, d. h. der Innigkeit, Herzenswärme, Lei⸗ denſchaft und Geiſt in hoher Potenz mit einan⸗ der verbindet und ſeinen Inhalt in vollendeter Kunſt⸗ form ausſpricht. Alle, die dies thaten und thun, wer⸗ den Ruhm erlangen; aber nur unter beſondern zu⸗ fälligen Verhältniſſen wird der Erfolg ein ſo raſcher ſein, daß ihnen ihre Lebensdauer erlaubt, denſelben perſönlich noch zu ernten. Dergleichen Fälle ſind ſelten, doch wurden einige Poeren davon betroffen, beſonders Uhland ganz und gar vermöge ſeiner fünf⸗ undſiebenzig Lebensjahre und des geſchloſſenen war⸗ men Sonderintereſſes, welches Schwaben an ſeinen eingebornen Capacitäten zu nehmen pflegt. Als preu⸗ ßiſcher oder thüringiſcher Unterthan würde der tüchtige Mann ein weniger dankbares Loos gehabt haben.

Der leichte, kokette, elegante lyriſche Ton macht ein raſches Glück, und wenn es auch ein vorüberge hendes iſt, ſo lohnt es doch zu Lebzeiten. Dieſer Ton wird jetzt allgemein angeſchlagen und muß herr⸗ ſchend werden, wo eine oberflächliche geſellſchaftliche Bildung die Stimme über die literariſchen Erzeug⸗ niſſe führt und ſomit die fade Mode angiebt.

Von den hier genannten Poeten iſt Endrulat ein Freund hiſtoriſcher Sujets, keinesweges aber ſtellt er dabei ſchweres Gedankengeſchütz auf das Schlachtfeld. Sein Vortrag iſt ſehr ſchlicht und bringt eigentlich nur die geſchichtlichen Vorfälle in Verſe. Die Auswahl und die Behandlung zeigen von nationalem Sinn und haben in ſofern einiges Verdienſtliche.

Das, was erGeſchichten und Geſtalten nennt, iſt zu ausgedehnt behandelt, als daß wir uns hier mit einer Probe davon bekannt machen könnten. Den⸗ noch iſt es ohne Frage das Beſſere, d ſchen Ergüſſe athmen die Kränklichkei Liebesſchmerzes. Von den kleinen Darſtellungen wollen wir eine hören; geſuchte UeberſchriftRoman:

Der Wildbach bricht ſich ſchäumend Bahn

Durch dunkle Waldesreiche;

An Ufersrand wer hat's gethan?

Liegt eine blaſſe Leiche.

Das weiße Kleid, das loſe Haar

Wohl hängt's tief in die Fluth hinein,

Wohl fließt die Welle ſilberklar

Von Schuld und Schmerz wäſcht ſie nicht rein! Die Bäume warnten von Anbeginn, Nun rauſchen ſie klagend darüber hin.

Novellen⸗Zeitung.

An rauhem Ort im finſtern Tann, Tief in Geſtrüpp und Klippen, Da harrt ein bleicher, grimmer Mann, Schneeweiß die bebenden Lippen. Er ſtützt ſich ſtumm auf ſein Gewehr, Der Hirſch ſcheu durch die Föhren bricht Das kluge Reh zieht noch einher, Er harrt und hebt die Waffe nicht.

Die Bäume wiſſen es wohl, warum,

Sie warten und lauſchen ängſtlich ſtumm.

7

Im dürren Laub, horch, Roſſehuf!

Der Graf mit ſtolzem Troſſe!

Da gellt ein wüſter Freudenruf,

Ein Knall, er ſtürzt vom Roſſe.

Ein Mann ſpringt aus dem Hinterhalt,

Starrt ihm ins brechende Auge hinein;

Dann ruft er, daß es luſtig ſchallt:

Blut wäſcht von Schuld und Schmerzen rein! Die Bäume ſchütteln ſich vor Graus Und flüſtern die Mähr jahrein, jahraus.

Dergleichen Gebilde findet man häufig in der modernen Lyrik, die ſich, wo ſie in ein wirklich poe⸗ tiſches Element hineinzugehen ſtrebt, ganz und gar einer dunkeln Romantik zuwendet. Dieſe Dunkelheit verführt ſie zugleich, ihre Compoſition unnatürlich zu geſtalten, denn das Wahrſcheinliche, Mögliche braucht mit einer verworrenen Dämmerung nichts mehr zu thun zu haben. Mit einem gewiſſen bornirten Adel⸗ ſtolz blickt die Romantik auf jede Frage nach der Denkbarkeit eines Hergangs wie auf etwas verächtlich Proſaiſches herab. Eine Antwort weiß ſie übrigens nicht, und ein Narr iſt, wer darauf wartet. Auch zeichnet ſich dieſe lyriſche Romantik dadurch aus, daß ſie ihre Themen weder austrägt, noch zu einem poe⸗ tiſchen Abſchluß bringt. Ihre Geſtalten haben nur Fleiſch und Farbe, aber kein Skelet und keine Form.

In dem BändchenEchoklänge aus Venuſia giebt Hermann unter dieſer manierirten Benennung Ueberſetzungen Horaziſcher Lieder im Reim und in den üblichen deutſchen Versmaßen. Dieſe Bemühun⸗

gen, antike Poeſieen auf ſolche Weiſe zu moderniſiren,

ſind jetzt nicht ſelten, ſo mißlich ſie auch ſtets bleiben, denn der eigentliche Charakter geht verloren, da mittel⸗ bar durch die Form auch der Inhalt umgebildet wird

Ob die Verſtändlichkeit immer eine leichte, ge fällige geworden iſt, mögen Sie aus der nachfolgen⸗ den Probe ſelbſt erſehn;An Lydia heißt dieſe Ode

Spend'ſt, Lydia, du dem Roſennacken Des Telephus, dem Arme Preis dDes Telephus, wie Milch ſo weiß, Dann ſchwillt's von Galle mir im Innern

Und mich durchglüht es bis zur Wuth, In meine Wange ſchleicht das Blut,

Und unſtät wird mir Sinn und Farbe; Beweis, wie tief es in mir gährt

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ſegeben Fünfte zefund ſeines