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üßen,
Vierte Folge.
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Novellen-Zeilung.
Militairiſche Erziehungsreſultate.
Novelle von
Stanislaus Graf Grabowski. Schluß.)
Nur ein Gedanke ſtörte die träumeriſche Selig⸗ keit des jungen Mädchens, das ſeit Vetter Carl's Anweſenheit alle Tage mehr lernte:„Er will eine geſtickte Brieftaſche zu ſeinem Geburtstage haben, ich muß ihm eine ſticken, aber wie ſoll ich, die noch nie eine Nadel in der Hand gehabt hat, das anfangen?“
Die unſchuldige Seele ahnte nicht, was alle jun— gen Stadtfräulein wiſſen, daß man nämlich in jedem
Tapiſſerieladen fertige Stickereien bekommen kann, die
ſich ſo vortrefflich zu Geburtstags⸗ und Weihnachts⸗ geſchenken eignen. Und wenn ſie es gewußt hätte, gewiß wäre ſie zu natürlich geweſen, um Vetter Carl betrügen zu wollen, und dann: wenn„die letzte Ku⸗ gel“ nun durch eine von anderer Hand gefertigte Brieftaſche gegangen wäre?
„Was ſoll ich anfangen? wem mich anvertrauen?“ dachte ſie in unſäglicher Angſt.„Halt! da iſt noch eine kleine Kiſte mit Stickereien von Mama, da liegt auch noch Gaze und Seide drinnen. Daran will ich's lernen, ja, ich will's wahrhaftig!“
Noch an demſelben Abende ging Laura an die Kiſte der verſtorbenen Mama und fand, was ſie ſuchte, d. h. ein Muſter zu einer Brieftaſche, Gaze und Seide
und eine unvollendete Arbeit.
Sie nahm das Alles mit auf ihr Zimmer und
zerbrach ſich bei Lampenlicht den Kopf darüber, wie die Arbeit wohl entſtanden ſein möchte; dazu ließ ſie
ſes ſich nicht verdrießen, einen Stich nach dem anderen vorſichtig aufzutrennen.
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philoſophirte ſie dabei.
fAlha, nun habe i s, das geht immer über Kreuz—
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Warte einmal, von rechts nach links und darüber von links nach rechts. Nun, das wollen wir ſchoön machen,
ich brauche ja blos nach dem Muſter zu ſehen. Wahr⸗ haftig, das iſt kinderleicht. Ja, Vetter Carl ſoll ſeine Brieftaſche bekommen. Ach, welch' reizendes
Muſter: ein rothes Herz und ein Pfeil dadurch, rings herum ein Myrthenkranz, das hat gewiß Mama dem Papa gemacht, als ſie noch Brautleute waren! Ja, das nehme ich für Vetter Carl! da freut er ſich ge⸗ wiß. Was er für Augen und was für einen reizen⸗ den Schnurrbart er hat, und er iſt ſo gut, er lacht nie, wenn ich mit ihm franzöſiſch ſpreche! Wenn ich nur wüßte, wie man die Nadel einfädelt.“
Aber das wollte ſchlechterdings nicht gehen, denn Laurachen hatte ſtatt einer Tapiſſerie⸗ eine Nähnadel gefunden.„Mein Gott, wenn ich doch wüßte, wie Mama den dicken Faden da hindurch bekommen hat!“
Dieſes Räthſel löſte ſich dem armen Mädchen nicht, obgleich ſie bis lange nach Mitternacht Verſuche anſtellte.
Am anderen Vormittage kam ſie ganz beſchämt zu dem Stubenmädchen mit einem rothen Seidenfaden in der einen und der Nähnadel in der anderen Hand.
„Liebe Louiſe, meine Augen ſind heute ſo ſchlecht, thu' mir doch den Gefallen und fädele einmal die Seide ein.“
Das Mädchen guckte ihre junge Herrin erſtaunt au, denn ſie hatte noch nie eine Nadel in deren Hand geſehen.
„Wollen Sie denn nähen, Fräulein?“ fragte ſie.
„Ja, liebe Louiſe, ich habe mir das rothe Ba⸗ règekleid zerriſſen.“
„O, ich werde es Ihnen gleich machen, Fräu⸗ lein.“ 1
„Nein, nein! fädele nur ein.“
Das Mädchen mußte laut auflachen, als ſie Fa⸗ den und Nadel ſah; es kam zu einer Erklärung, aus der Laurachen ſehr viel für ihre Stickerei profitirte,
3„Warum ich auch gerade das nicht gelernt habe!“ denn Louiſe batte glücklicherweiſe eine Tapiſſerienadel. „Jedes Kind kann das!—
Und nun ſaß Laura jede Nacht bis um zwei Uhr auf ihrem einſamen Stübchen wach und probirte. So


