Jahrgang 
31-52 (1863)
Seite
654
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die Unempfindlichkeit überwiegt und lähmt ſeine Aufmerkſam⸗ keit. Langeweile erfaßt ihn; der große Meiſter fängt an, ihn zu ermüden und zu beläſtigen; das Meiſterwerk iſt für ihn nur noch ein unverſtändliches Geräuſch; der Rieſe wird zum Zwerg, die Kunſt zur Täuſchung, er wird ungeduldig und hört endlich nicht mehr zu.

Und, um jetzt den Kern der Frage zu berühren, wie oft iſt es mir ſelbſt begegnet, daß ich beim Anhören des erſten Actes ausOrpheus kalt blieb und zwar ſo kalt, daß ich über mich ſelbſt ärgerlich war. Ich wußte, ja ich war über⸗ zeugt, daß ich ein ſchönes Kunſtwerk vor mir hatte; auch die Ausführung ließ durchaus keine weſentlichen Erforderniſſe ver miſſen. Aber die Scene, die einen heiligen Hain darſtellt, war nach allen Seiten offen, der Ton verlor ſich in der Tiefe, verlor ſich rechts und links in den Couliſſen, verlor ſich in dem großen Hauſe; es waren mit einem Worte keine Schallwände, keine Reſonanz vorhanden und folglich keine muſikaliſche Wirkung mehr. Gluck hatte Unrecht! Wenige Tage ſpäter wurde dieſelbe Partie des Orpheus nochmals von demſelben Sänger geſungen, dieſelben Chöre wurden von denſelben Choriſten wieder aus⸗ geführt, das nämliche Orcheſter begleitete wieder aber im Concertſaal des Conſervatoriums. Hier wirkte der volle Zauber der Muſik, man war entzückt, man fühlte ſich durch⸗ drungen von antiker Poeſie, Gluck hatte Recht!

Die Beethovenſchen Symphonien, die im Pariſer Con⸗ ſervatoriumsſaale Alles mit ſich fortreißen und förmlich nie derſchmettern, ſind auch einige Male im großen Opernhauſe aufgeführt worden und haben dortnichts gemacht. Beethoven hatte alſo Unrecht! Mozart's Don Juan, ſo feurig, ſo leiden⸗ ſchaftlich, ſo zündend im kleinen italieniſchen Opernhaus, läßt in der großen Oper eiſig kalt. Darüber iſt alle Welt einig. Figaro's Hochzeit würde uns dort noch kälter laſſen. Im großen Opernhaus hat alſo Mozart Unrecht!

Die Meiſterwerke Roſſini's ꝛc. verlieren ebendaſelbſt völlig ihren pikanten und geiſtreichen Charakter. Man freut ſich zwar noch daran, aber mit kühlem Blute, gleichſam von Weitem, wie an einem Garten, den man durch ein Fern rohr betrachtet.

Und der Freiſchütz! wie ſchläfrig und kraftlos ſchleppt ſich dieſes ewig junge muſikaliſche Drama voll unverwüſtlicher Kraftfülle über die Breter der großen Oper! Iſt Weber auch ſchuld daran?

Was iſt nun aber ein Theater, in welchem Gluck, Mo⸗ zart, Weber, Beetheven, wie Roſſini im Unrecht ſind, anders als ein in ſeiner Conſtruction den muſikaliſchen Grundbe dingungen ſchlecht entſprechendes Haus? Die Muſik, ich wie⸗ derhole es, muß in der Nähe gehört werden. Eine größere Entfernung entkleidet ſie ihres hauptſächlichen Reizes, oder er wird mindeſtens dadurch abgeſchwächt und folglich nicht unweſentlich verändert. Würde man denn noch ein Vergnü⸗ gen darin finden, mit dem geiſtreichſten Manne von der Welt ſich auf 30 Schritte Entfernung zu unterhalten? Ebenſo iſt der Ton, wenn man eine gewiſſe Entfernung überſchreitet, worin man ihn zwar noch immer hört, einem Feuer zu ver⸗ gleichen, das man zwar ſieht, das uns aber nicht mehr er⸗ wärmt.

Was Berlioz in dieſer treffenden für unſere Zeit tief eingreifenden Erörterung den uns afficirenden muſikaliſchen Strom nennt, dürfte die Erregung und Bewegung der Nerven des Hörers durch die Tonwellen ſein. Iſt die Diſtanz groß, ſo reicht zwar die Bewegung dieſer Tonwellen noch hin, um auf unſer Trommelfell, das dafür empfänglich geſchaffen iſt, zu reagiren; ſie genügt aber nicht mehr, hat nicht mehr körper

Novellen⸗Zeitung.

liche Vibration genug, um unſere Nerven anzuſprechen. Die Wellenringe, die ein in einen See geworfener Steinblock⸗ hervorbringt, verbreiten ſich auf der ſtillen Spiegelfläche wohl über tauſend Schritte weit nach allen Seitenrichtungen. Das Auge nimmt ſie wahr, aber auf das körperliche Gefühl des Badenden machen ſie keinen bemerkbaren Eindruck mehr, während ſie ihn näher nach dem Mittelpunkt zu in Schwan⸗ kung verſetzen würden. Was hier der Körper direct zu em⸗ pfinden hat, geht bei den Tonwellen nur auf die Nerven⸗ über; doch da ſie ebenfalls körperlich ſind, iſt auch eine ge⸗ wiſſe Gewalt nöthig, um ſie zu erſchüttern. Berlioz ſpricht es nicht aus, aber er deutet es an, daß die Muſik als eine ſinnliche Kunſt auch auf die Sinne möglichſt unmittelbar und ohne Abſchwächung wirken müſſe.

Möchte man doch bei jedem neuen Monſterconcertſaal und jedem neuen Theaterbau auf das achten, was Berlioz ſehr richtig der langjährigen Erfahrung abgewonnen hat. Das Factum iſt nicht neu, vielleicht wirkt es aus franzöſi⸗ ſchem Munde deſto nachhaltiger auf die Deutſchen.

Amüſant iſt noch, was der Pariſer Kritiker über die Kritik ſelbſt äußert. Er behauptet, eine Oper müſſe man ſtets wehrere Male hören, um ihren Werth richtig beſtimmen zu können.Bei ihrer erſten Aufführung erſcheint noch, Alles verwirrt, unbeſtimmt, farblos, formlos, ſeelenlos. Es iſt wie ein halb verwiſchtes Bild, deſſen Zeichnung man Linie für Linie verfolgen muß. Man höre doch während der Zwiſchenacte einer erſten Vorſtellung die Urtheile in dem Foyer: nach dem Ausſpruch der Kritiker iſt das neue Werk ſtets⸗ einlangweiliges oderjämmerliches. Ich höre dieſe Kritiker ſeit 25 Jahren, ohne daß ſie auch nur ein ein⸗ ziges Mal ein, günſtiges Urtheil gefällt hätten. Viel ſchlim mer iſt es noch in den Hauptproben, wo das Haus zur Hälfte

leer bleibt. Dann kommt geradezu nichts zur Geltung.

Alles geht unter, weder melodiſche Grazie, noch harmoniſche Feinheit, noch inſtrumentale Färbung, weder Liebe noch Haß ſind dann von Wirkung; es iſt nur ein wüſter, mehr oder weniger ermüdender Lärm, der uns erbittert oder erdrückt, und mit Verwünſchungen gegen Werk und Urheber verläßt man das Haus.

Ich werde in dieſer Hinſicht die Generalproben zu den Hugenotten nie vergeſſen. Ich begegnete Meyerbeer nach dem 4. October auf der Bühne und vermochte nichts zu ihm zu ſagen als:In der vorletzten Seene iſt ein Chor, der, wie mir ſcheint, von Wirkung ſein wird. Ich meinte die Schwerterweihe mit dem Schwurcher, einer der großartigſten und vernichtendſten Momente, welche die Kunſt jemals ge⸗ ſchaffen! Und doch ſchien es mir blos, als ob dieſe Scene von einiger Wirkung ſein müßte; weiter hatte ſie mich nicht berührt!

Geiſtvolle Raiſonnements von ähnlichem Intereſſe wer⸗

den die Leſer noch mehr in den Schriften von Berlioz finden, auf welche wir ſchon früher in einer kritiſchen Anzeige ver⸗ wieſen haben. 3

Der Marquis of Normanby.

Am 28 Juli c. Morgens 3 Uhr verlor England in dem Marquis of Normanby einen ſeiner Staatsmänner, der aller⸗ dings weit hinter dem Lord Palmerſton und Earl Ruſſell zurückſtand, nichts deſtoweniger aber in Europa ſehr bekannt und geachtet war, weil er England im Auslande als diploma⸗ tiſcher Agent zu vertreten gehabt hatte. Der jetzt nach langer

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Kränklichkeit, die aber erſt Tags vorher ſich bedenklich geſtal⸗ i

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