Jahrgang 
31-52 (1863)
Seite
653
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wärtig in Europa herrſchenden Geſangsmanier würde es kaum möglich ſein, unter zehn Individuen, die ſich Sänger nennen, im glücklichſten Falle zwei oder drei herauszufinden, die im Stande wären, ein einfaches Lied gut und mit Ge⸗ nauigkeit und gefühlvoller Stimme vorzutragen. Ich ſetze den Fall, daß man den erſten beſten unter ihnen heraus⸗ nähme, und etwa folgendermaßen zu ihm ſpräche:Ich habe da ein altes einfaches, aber recht ergreifendes Lied, deſſen an⸗ muthige Weiſe faſt gar nicht modulirt und im beſcheidenen Umfange einer Octave ſich bewegt. Ich bitte, ſingen Sie uns das vor. Dann iſt es ſehr möglich, daß unſer Sänger, der vielleicht zu den berühmten gehört, das arme muſikaliſche Blümchen ſo zerpflückt, daß wir bei ſeinem vernichtenden Geſang uns jene brave Bauerndirne zurückwünſchen, von der wir einſt das nämliche alte Lied trällern hörten. Kein mu⸗ ſikaliſcher Gedanke, keine melodiſche Form, kein Vortragszei⸗ chen vermag der abſcheulichen Vortragsmanier Widerſtand zu leiſten, welche gegenwärtig mehr und mehr überhand nimmt....

Wo liegen die Urſachen dieſer Verwilderung?

Die Urſachen ſind leicht aufzufinden; leider kennt man nur kein Mittel dagegen, oder richtiger geſagt, man würde das Mittel niemals anwenden, wenn ſeine Wirkung auch all⸗ gemein erwieſen wäre. Die Urſachen ſind zugleich morali⸗ ſcher und phyſiſcher Art. Und wenn die Theaterunterneh⸗ mungen nicht von jeher und faſt allenthalben den Händen von Menſchen preisgegeben wären, deren Habgier und Gewinnſucht eben ſo unermeßlich, als ihre Unwiſſenheit in allen künſtleriſchen Erforderniſſen unglaublich iſt, wäre es nie dahin gekommen.

Die Urſachen ſind beſonders: die übermäßige Größe der meiſten Opernhäuſer und das Uebergewicht, das man der Ausführung über das Werk, dem Kehlkopf über das Gehirn, der Materie über den Geiſt nach und nach immer mehr eingeräumt hat, und leider nur zu oft auch die feige Unter⸗ werfung des Genies unter die Dummheit.

Die Opernhäuſer ſind viel zu groß, denn es iſt längſt bewieſen und unzweifelhaft, daß der Ton, wenn er auf den menſchlichen Organismus muſikaliſch wirken ſoll, nicht von einem dem Hörer zu fernen Punkte ausgehen darf. Wo von der Klang⸗ wirkung eines Opernhauſes oder Concertſaales die Rede, iſt man auch immer gleich mit der Bemerkung bei der Hand: Alles wird darin ganz deutlich gehört und verſtanden. Aber ich höre in meinem Arbeitszimmer die Kanonen ganz deutlich, die man auf dem Platze vor dem Invalidenhauſe löſt, und dennoch berührt, erregt oder erſchüttert ihr Schall, der überdies außer aller muſikaliſchen Beziehung ſteht, mein Ner⸗ venſyſtem in keiner Weiſe. Nun iſt es aber gerade dieſer Schlag oder Stoß und die durch ihn bewirkte Erſchütterung, Schwingung und Erregung, welche der Ton dem Gehöror⸗ gan unbedingt ertheilen muß, wenn er eine wirklich muſika⸗ liſche(und nicht blos akuſtiſche) Empfindung in uns erregen ſoll. Dieſe intenſivere Erregung erhält man aber nicht ein⸗ mal durch die größten und mächtigſten Inſtrumental⸗ und Vocal⸗Maſſen, wenn man ſie aus zu großer Entfernung hört.

Einige Gelehrte behaupten, daß der elektriſche Strom unfähig ſei, einen Raum zu durchlaufen, der eine gewiſſe An⸗ zahl von Tauſenden von Meilen überſchreitet. Ich weiß nicht, ob dem ſo iſt; aber ich bin gewiß, daß dermuſikaliſche Strom(man geſtatte mir, die unbekannte Urſache der mu⸗ ſikaliſchen Empfindung ſo zu nennen) ohne Macht, ohne Feuer und Leben iſt, wenn wir eine gewiſſe Entfernung von ſeinem Ausgangspunkt überſchreiten. Man hört dann zwar

Folge. 653 noch, man ſchwingt aber nicht mit. Und doch muß man mit den Inſtrumenten und Stimmen, durch ihre Schwingungen er⸗ regt, gleichſam ſelbſttönend mitſchwingen, um wahrhaft muſi⸗ kaliſche Eindrücke zu erhalten.

Nichts iſt leichter nachzuweiſen. Man verſammele eine kleine Anzahl Perſonen, die mit guter allgemeiner Bildung und einigen muſikaliſchen Kenntniſſen ausgerüſtet ſind, in einem Saal von mittlerer Größe, der weder mit überflüſſigen Möbeln, noch mit Teppichen oder Vorhängen verſehen iſt. Man führe dieſer Verſammlung in echt künſtleriſcher Weiſe ein echtes Meiſterſtück vor, die Schöpfung eines wahrhaft be⸗ geiſterten Genius, völlig frei von jenen unerträglichen con⸗ ventionellenSchönheiten, welche von unberufenen Lehr⸗ meiſtern und im Voraus eingenommenen Enthuſiaſten mit beſonderer Vorliebe angeprieſen werden, alſo ein einfaches Werk der Kammermuſik, z. B. das B⸗dur⸗Trio von Beetho⸗ ven. Was wird geſchehen? Die Zuhörer werden ſich mehr und mehr von einer ungewöhnlichen Erregtheit ergriffen füh⸗ len; ſie werden einen hohen vollendeten Genuß empfinden, der ſie bald in lebhafte Aufregung, bald in wonnige Träume⸗ reien, bald in wahrhafte Entzückung verſetzt. Bei dem von echt religiöſer Begeiſterung durchwehten Thema kann es ge⸗ ſchehen, daß ein Zuhörer ſeine Thränen nicht mehr zurück⸗ halten kann, und wenn er ihnen nur einen Augenblick freien Lauf ließ, wird er möglicher Weiſe ſchließlich in ein heftiges Weinen und krampfhaftes Schluchzen ausbrechen, ich habe das ſelbſt erlebt. Das iſt die wahre Wirkung der Muſik! das iſt ein Zuhörer, der, durch die Macht der Töne erfaßt, ja in Wonnetaumel verſetzt, zu einem Weſen wird, das über die Alltäglichkeit des Lebens in unermeßbare Höhen ſich erhebt. Das iſt ein echter begeiſterter Verehrer der Muſik; ſeinen Em⸗ pfindungen vermag er nicht Worte zu leihen, ſeine Bewun⸗ derung iſt unausſprechlich, und ſeine Dankbarkeit gegen den großen Tondichter, der ihn ſo überwältigte, iſt ſeiner Be⸗ wunderung gleich.

Jetzt nehmen wir aber an, daß mitten in dieſem Stück, während es noch von denſelben Künſtlern vorgetragen wird, der Concertſaal ſich mehr und mehr erweitern könnte und daß in Folge dieſer fortſchreitenden Ausdehnung des Raumes der Zuhörerkreis von den Ausführenden ſich mehr und mehr entferne. Jetzt ſei unſer Concertſaal ſo groß wie ein ge⸗ wöhnliches Theater geworden. Unſer Zuhörer, der einen Augenblick vorher ſich auch im Innerſten erregt fühlte, be⸗ ginnt ſchon ſeine Gemüthsruhe wieder zu erlangen. Er hört noch immer Alles, aber ſchon ſchwingt er faſt nicht mehr ſelbſt⸗ tönend mit; er bewundert das Werk noch immer, aber mit dem Verſtande, nicht mehr mit dem unmittelbaren Ge⸗ fühl, nicht mehr in Folge einer ihn unwiderſtehlich fortreißen⸗ den Tongewalt. Der Saal dehne ſich nun noch mehr aus; unſer Zuhörer werde gleichzeitig immer mehr vom muſikali⸗ ſchen Brennpunkte entfernt. Er iſt jetzt ſchon ſo weit davon weggerückt, als er ſein würde, wenn die drei ausführenden Künſtler auf der Mitte der Bühne des großen Opernhauſes ſich befänden, während er auf dem Balkon der Mittellogen des erſten Ranges ſäße. Er hört noch immer Alles; nicht ein Ton entgeht ihm; aber er wird nicht mehr von dem muſika⸗ liſchen Strome getroffen, der bis zu ihm nicht gelangen kann. Seine innere Aufregung iſt gänzlich verſchwunden; er erlangt ſeine kalte Selbſtbeherrſchung wieder. Er empfindet ſogar ein Art unangenehmer Beklemmung und unruhiger Zerſtreu⸗ ung, die um ſo peinlicher wird, je mehr er ſich bemüht, auf⸗ merkſam zu bleiben und den Faden muſikaliſcher Gedanken nicht zu verlieren. Aber ſeine Bemühungen ſind vergeblich;