erſtaunt, als Laura in der franzöſiſchen Stunde ihre Vocabeln ohne den kleinſten Anſtoß herſagen konnte und nachher einen wirklich anerkennungswerthen Eifer an den Tag legte; ſie ſchrieb ſo fleißig an ihrer Ueberſetzung, daß ſie darüber ganz vergaß, wie ſchwarz ſie ſich die Finger an der Feder machte. Uebrigens radebrechte ſie von dieſem Tage an wirklich Franzö⸗ ſiſch, wenn ſie allein mit Vetter Carl war.
Drei oder vier Tage ſpäter ruderte der Ritt⸗ meiſter ſie eines Abends auf dem See; Beide waren allein im Boote. Der alte Herr und ſeine beiden Söhne befanden ſich in einem zweiten Boote und fiſchten, der Candidat vertraute ſich aus natürlichem Widerwillen nie dem Waſſer an. Es war ein präch⸗ tiger Abend; die Waſſerlilien ſchwankten, mit Ema⸗ nuel Geibel zu reden, auf dem blauen See, der Mond goß ſeinen goldenen Schein in ihre Kelche hinein, nur der weiße Schwan fehlte, aber ſeine Gefühle wa⸗ ren wenigſtens in einem Herzchen vertreten, das ſah man an den beiden Thränen, die in Laurachens lan⸗ gen Wimpern zitterten, während ſie ſich über den Bord des Bootes gebogen hatte und die weißen Blu⸗ men brach, um ſie nachdenklich wieder zu zerpflücken.
Auch Vetter Carl hatte lange kein Wort geſpro⸗ chen; er tauchte die Riemen nur langſam in die Fluth und blickte bald in den Mond, bald auf ſeine Cou⸗ ſine, die in reizend graziöſer Stellung ihm gegenüber auf den Kiſſen der Gondel ruhte.
Auf einmal brach der Rittmeiſter das ſentimen⸗
tale Schweigen mit den ſehr proſaiſchen Worten: „Couſinechen, wann werden Sie eigentlich ſieb⸗ Jahre alt?“ „Anderes Jahr im Juli,“ ſeufzte das Fräulein. „Mein Gott, wir haben ja jetzt erſt Auguſt. Sie ſind doch noch ſehr jung, Couſinechen! Wenn ich mein Alter dagegen bedenke, ich werde in dieſem Monate nun ſchon dreiunddreißig Jahre alt.“:
„Ich komme mir ſchon viel älter vor als ich bin,“ meinte das Fräulein mit Nachdruck.„Ich fühle, daß ich kein Kind mehr bin. Sagen Sie doch, Vetter Carl, Ihr Geburtstag iſt ſchon ſo nahe?“
„Heute über vierzehn Tage.“
„Ach du lieber Gott! das haben Sie uns nicht früher geſagt? Lieber Hintmel, womit kann man Sie denn da nun überraſchen?“.
„Sie ſind zu gütig, Couſinechen; es war eigentlich unbeſcheiden von mir, Ihnen den Tag zu nennen. Nun werden Sie am Ende noch gar die Idee faſſen, mir irgend eine kleine Stickerei verehren zu wollen, und zerſtechen ſich dabei die allerliebſten Fingerchen.
zehn
Novellen⸗
Jeitung..
„Eine Stickerei?“ dachte Laura;„mein Gott, er denkt, daß ich in Seide und Perlen ſticken kann. Ich bin verloren!“
Sie ſagte gar nichts, aber der Rittmeiſter ſchien damit keineswegs zufrieden. „Wollen Sie mir verſprechen, ſich meinetwegen nicht eine ſolche Mühe zu machen?“ fragte er in innigem Tone. „Aber, Vetter Carl, ich habe das noch gar nicht geſagt.“ „Ich errathe Sie aber, Couſinechen, Sie haben doch eine ſolche Idee. Sie ſollen ſich aber nicht Ihre Fingerchen von Alabaſter zerſtechen, ich dulde es nicht, wenn mich auch nichts glücklicher machen könnte, als eine Stickerei von Ihrem Händchen, etwa auf einer Brief⸗ oder Cigarrentaſche, tagtäglich auf dem Herzen zu tragen, und ſehen Sie, Couſinechen, wenn dann „die letzte Kugel kommt“, ſo muß ſie erſt durch die Brieftaſche gehen, ehe ſie in’s Herz gelangt. Alle fünfmalhunderttauſend Teufel, das muß ein herrlicher Tod ſein!“
„Vetter Carl! Kommt zurück! Es iſt Zeit zum Abendbrod!“ rief der alte Herr vom zweiten Boote
obgleich er gerade im beſten Redezuge war. Laurachen ſagte noch nichts; wie ſich aber ihr jungfräulicher Buſen hob und ſenkte, Gott ſei Dank!
er ſah es nicht, denn es war ſchon ziemlich finſter. (Schluß folgt.)
Die Nixe.
Ballade. Aus dem Böhmiſchen des Heinrich Marek überſetzt von Alfred Waldau.
Mailüfte wehen lispelnd durch die Wälder, Die ſchlanken Birkenwipfel nicken ſacht! Auf allen Wieſen prangt die Blumenpracht,
Des Morgens Duft beglänzt die Saatenfelder. Da ſieh', die hellen Sonnenſtrahlen riefen Ein Zauberwölklein aus den naſſen Tiefen.
Dort in dem hohen Gras am Ufer gaukeln Gewandlos viele Mädchen, blendend weiß; Die Einen ſchließen tanzend einen Kreis,
Die Andern ſich auf Weidenäſten ſchaukeln,
Ihr Singen gleicht dem Seufzerhauch der Roſen, Ihr Tanz iſt, wie wenn Sommerlüfte koſen.
Thun Sie es nicht, Couſinechen, thun Sie es ja nicht!“
Sie ſind ſo ſchön im Morgenſonnenglanze, Mit ihren gold'nen Locken ſpielt der Wind;
aus herüber, und der Rittmeiſter mußte gehorchen,
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