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machte die Honneurs mit dem Anſtande einer Dame von mindeſtens zwanzig Jahren, der Rittmeiſter wandte ſich in ſeinem Geſpräche hauptſächlich an ſie, der alte Herr freute ſich herzinniglich darüber, die Jungen ſchienen vor lauter Vergnügen beſeſſen, und der Ma— giſter machte ein längeres Geſicht als je, denn obgleich er ſich des Wiederſehens mit ſeinem alten Schulcame⸗ raden herzlich freute, begann er doch zu ahnen, daß deſſen Gegenwart keinen beſonders günſtigen Einfluß auf ſeine Schüler haben werde.
Da wurden ja ſchon am erſten Abende Pläne allerlei Art entworfen, deren Ausführung die Lehr⸗ ſtunden arg zu benachtheiligen drohte: der Rittmeiſter wollte mit den Jungen auf die Vogeljagd gehn und mit Piſtolen nach der Scheibe ſchießen, auch ſollte eine kleine Turnanſtalt angelegt werden, mit Laura wollte er ausreiten, ſie auf dem See rudern ꝛc. Dem Candidaten wurde angſt und bange bei der Aufzäh⸗ lung aller dieſer Sportvergnügungen.
Die beiden Jungen mußten ſich bei guter Zeit ſchon zur Ruhe begeben, denn der Magiſter hielt feſt an dem Grundſatze, daß man ordentlich ausſchlafen müſſe, um anderen Tages Ordentliches leiſten zu kön⸗ nen; ſie gingen dieſes Mal mit einem bedeutungs⸗ vollen Blicke auf ihre Schweſter, die ihnen zunickte. Laurachen wurde nicht mehr ganz als Kind behandelt, wenigſtens wenn Beſuch im Hauſe war; ſie durfte alſo bleiben.
Was in dieſer Nacht noch, als man ſich im Ge⸗ ſellſchaftszimmer getrennt hatte, in dem des Candi⸗ daten vorging, wiſſen wir nicht, ſo viel aber iſt ge⸗ wiß, daß der Letztere am Morgen eine etwas dunkele Geſichtsfärbung, obgleich er ſich gewiß gewaſchen hatte, und daß er ſtatt des unvermeidlichen ſchwarzen Fracks einen noch viel fadenſcheinigeren braunen Gehrock
trug, der ihm bis an die Hacken reichte; auch klagte
das Stubenmädchen am Vormittage dem Fräulein, daß es mit dem Herrn Candidaten nun gar nicht mehr auszuhalten ſei, in der Nacht habe er wieder die Tintenflaſche, vom Fenſterbrete herabgeworfen, und nun habe ſie ſeine ganze Stube aufſcheuern müſſen, obgleich dies erſt am letzten Sonnabende geſchehen ſei.
Fräulein Laura und die beiden Jungen lachten
ſich in das Fäuſtchen, thaten aber ſehr ernſt; der
Candidat, der melancholiſcher als je ausſah, ſagte
auch kein Wort zu ihnen, aber er heftete oft durch⸗
dringende Blicke auf ſie. Herr von Rautenkranz,
ſtonär aus Honolulu
ein tüchtiger Landwirth, war ſchon früh auf das Feld hinausgeritten, und der Vetter hatte ihn nicht begleitet, weil er Tags zuvor— einen ziemlich anſtreugenden Ritt gemacht hatte und fängt! Sie wird ihn in einem Jahre unter den Ro deshalb länger als ſonſt ſchlafen wollte. Er hatte ſen bringen.“
Rovellen⸗Seitung.
das Frühſtück auf ſeinem Zimmer eingenommen und promenirte dann, im langen grauen, rothgefütterten Schlafrocke, mit dem türkiſchen Fez auf dem Haupte und der brennenden Cigarre im Munde, im Garten.
Hier war es, wo ihm der Magiſter im braunen Gehrocke, den Strohhut mit dem ſchwarzen Bande auf dem Kopfe, begegnete.
Der Rittmeiſter konnte ſich eines lauten Aufla⸗ chens nicht erwehren, als er die ſeltſame lange Ge⸗ ſtalt im Tempo des Leichenparadeſchrittes auf ſich
zukommen ſah. Hand entgegen⸗ ich lachen muß,
„Bruderherz!“ ott!— wie ein Miſ⸗
ſtreckend, aus,„ve aber Du ſiehſt—
„Ja, Herr— wollte ſagen: lieber Bruder— ich predige auch vergeblich im Lande der Heiden und Uebelthäter,“ erwiderte der Candidat mit wahrer Grabesſtimme.
„Oho, alter Freund! Predigſt Du denn hier ſchon zuweilen in der Dorfgemeinde?“
„Nein, das Glück habe ich noch nicht gehabt,“ ſeufzte der Candidat.„Wenn der Paſtor nur einmal ordentlich krank würde, daß ich ihn vertreten dürfte, man würde mich dann wohl kennen lernen, aber der Menſch hat eine Geſundheit wie die Erzväter. Neru ich meinte dieſes Mal einen Schüler in dieſem Hauſe.“
„Was? Du nennſt das allerliebſte Balg, die Laura, meine Couſine, eine Heidin? Höre einmal, Bruder, das möchte ich mir doch verbitten.“
ich dachte im Augenblicke nicht daran,
Freund Carl, Wenn Du aber von
daß ſie Deine Couſine wäre.
Unartigkeiten— auszuhalten hätteſt, was ich dulden muß, dann würdeſt Du ſchon längſt aus der Haut gefahren ſein, wenigſtens bliebſt Du nicht eine Stunde länger auf dem Gute.“ „Hm,“ ſagte der Rittmeiſter nachdenklich und augenſcheinlich leicht verſtimmt,„Du mußt das aller⸗
Abend. Was die Jungen anbetrifft,
ſchadet das auch weiter nichts, aber Laura, meinteſt Du wohl auch eigentlich nicht?“
„Sie iſt die Allerſchlimmſte, Bruder Carl!“ ſeufzt der Candidat aus tiefſter Bruſt.„Gott ſchütze de armen Mann, der ſich ſpäter einmal in ihren Netze
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„Ich bitte tauſend Mal um Entſchuldigung,
ihren und ihrer Brüder Ungezogenh— wollte ſagen: V
dings beſſer wiſſen als ich, da Du ſchon anderthalb Jahre hier im Hauſe biſt und ich erſt ſeit geſtern ſo mögen die allerdings Rangen ſein, und da ſie jedenfalls erſt
Soldaten werden, ehe ſie ſich an die Hufe feſſeln, ſo hm! die
1 Laur. Kind, tet ha ſein, mpfä fit, ocke, venn nack alte
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