638 Bur Geſchichte des wirklichen Demetrius.
Die neueſte Zeit hat ſich das Verdienſt erworben, auf
das Bruchſtück des Schillerſchen Gigantenwerks der Demetri⸗ ustragödie durch geſchickte Inſceneſetzungen von Neuem hin⸗ zuweiſen, und es ſind dadurch fort und fort die weiteſten Kreiſe angeregt, ſich für den Stoff dieſes Bühnenſtückes zu intereſſiren. Genug iſt darüber geſchrieben worden. Das Meiſte jedoch war mehr äſthetiſchen Inhalts, und nur Weni⸗ ges hat mit neuer Forſchung auf die Erleuchtung der dun— kelen ruſſiſchen Geſchichtsepoche ſelbſt das gehörige Gewicht gelegt. Su Viel Maßgebendes über den eigentlichen hiſtoriſchen Urgrund zur Demetriusbegebenheit bringt ein zu Petersburg gehaltener Vortrag des Dr. Friedrich Lorentz„über den fal⸗ ſchen Demetrius“.
Nach dieſem Vortrag ergiebt ſich natürlich immer wieder das Reſultat, daß Demetrius nichts weiter als ein Betrüger war, der blos auf das Aeußerliche eines Czaren ausging, ohne die ſchlimmen Mittel, die ihn zu ſeinem Ziele führten, durch edle Zwecke nur im Mindeſten auszugleichen.
Wir geben hier das Thatſächlichſte, welches Kulemann über dieſen Abenteurer anführt, wieder. Er ſagt: Der hiſtoriſche Demetrius,— ſein eigentlicher Name iſt Jurij Otrepjew,— ſuchte in dem Tſchudowkloſter zu Moskau durch das Gerücht, daß Demetrius, Iwan's Sohn, noch lebe, ſich ſeinen abenteuerlichen Weg zum Throne zu bahnen. Vom Czaren Boris deßhalb auf eine Iuſel verbannt, wußte er nach Polen zu entrinnen. Hier erlernte er in einer Anabaptiſten ſchule die lateiniſche Sprache, von der er in ſeinen ſpäteren Manifeſten Proben ablegt. Bei den Saporoga⸗Koſaken, an deren Raubzügen gegen Türken und Tataren er Theil nimmt, ſucht er ſich einen ritterlichen Anſtrich zu verſchaffen. Vornehmlich aber waren es die Jeſuiten, welche ihn empor— hoben. An ihn hofften ſie eine großartige, auf Rußland be⸗ rechnete Intrigue zu knüpfen. Sie empfahlen ihn an einen Fürſten Wiſchnewetzky, der ihn in ſeine Dienſte nahm. Hier ſtellte ſich Otrepjew todtkrank. Er machte auf ein unter ſeinem Bette befindliches Papier aufmerkſam, welches ſeine Lebensgeſchichte enthalte. Ein mit koſtbaren Steinen beſetztes goldenes Kreuz, bis zur Täuſchung demjenigen ähnlich, wel⸗ ches dem wahren Demetrius von ſeinem Taufpathen, dem Fürſten Mſtiſlawsky, umgehängt worden war, befindet ſich — ohne Zweifel hatten es die Jeſuiten nach dem Originale von demſelben Goldarbeiter fertigen laſſen— auf Otrep⸗ jew's Bruſt und beſtärkt den leichtgläubigen Fürſten in dem Wahne, daß er der wahre Demetrius ſei. Er macht ihn mit ſeinem Bruder Conſtantin, dieſer mit ſeinem Schwie⸗ gervater, Georg Mniſchek, Woiwoden von Sandomir, bekannt. Vor deſſen Schloſſe Sambor, wo ſich der galiziſche und klein⸗ polniſche Adel ſchmaußend zu verſammeln pflegt, verbreitet ſich die Neuigkeit vom merkwürdigen Wiederauftauchen des Prinzen Demetrius. Der kriegsluſtige polniſche Adel intereſ⸗ ſirt ſich für den ſeltſamen Mann. Inzwiſchen ſuchen ihm die Jeſuiten auch die Anerkennung des eifrig katholiſchen Königs Siegismund zu verſchaffen, der ihn zu Krakau in öffentlicher Audienz als den Sohn Iwan's IV. anerkennt, unter der Bedingung, den katholiſchen Glauben anzunehmen, was denn auch im Jeſuitencolleg zu Krakau, wohlweislich erſt im Geheimen, geſchieht. Bei der Abneigung des polniſchen Reichstages, den unlängſt mit Rußland geſchloſſenen zwanzig⸗ jährigen Waffenſtillſtand zu brechen, erhält gleichwohl der falſche Demetrius Erlaubniß, im Reiche Freiſchaaren zu wer⸗
Novellen⸗Zeitung.
ben,— eine willkommene Gelegenheit für den beutegierigen, beſchäftigungsloſen Adel Polens.
Der Woiwode Mniſchek,„hte De
der ſeine Tochter mit Demetrius verlobt hatte, übernimmt den fantlich
Oberbefehl.
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Nach dem plötzlichen Tode des Czaren Boris Godunow, in gewi der an einem Nervenſchlage ſtirbt,— ein Ereigniß, welches n Wer
das Volk für ein Strafgericht des Himmels nimmt, iſt dem De⸗ metrius der Weg nach Moskau gebahnt. Er ſchickt die Fürſten Maſſalsky und Galizyn dorthin, um den bereits von den Auf⸗ rührern entthronten Sohn des Boris, Feodor II., und deſſen Mutter zu tödten. Das Schickſal dieſer Getödteten, bemerkt Lorentz, war beneidenswerth im Vergleich mit dem Looſe, das der armen Czarewna Xenia harrte. Dieſe, eine der ſchönſten Prinzeſſinnen ihrer Zeit, hatte ſchon vor zwei Jah⸗
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ren das Unglück erfahren, ihren Verlobten, den däniſchen Ziizen
Prinzen Johann, den jüngſten Bruder König Chriſtian’s IV., durch den Tod zu verliersn. Jetzt ward ſie dem henker ihrer Familie überliefert, um ſeinen Begierden zur Beute zu werden, und ſpäter, nachdem er ihrer überdrüſſig geworden war, in ein Kloſter verſtoßen, wo ſie noch ſechszehn Jahre lang ihr entehrtes Leben vertrauerte. Demetrius bhielt alſo ſeinen Einzug in Moskau. Die Mutter des vom Czaren Boris getödteten wahren Demetrius zwingt der fal⸗ ſche durch Drohungen zu der Erklärung, daß er ihr Sohn ſei. Hierauf wird er zu Moskau gekrönt, er hat ſein Ziel erreicht.
Aber der Leichtſinn, mit welchem er ſich über ruſſiſche Art und Sitte hinwegſetzt, beſchleunigt ſeinen Sturz. Er ſtützt ſich auf ſeine deutſche Leibwache von 300 Hellebardie⸗ ren und auf die Polen, die ſich mehr und mehr einfinden. Gegen allen czariſchen Anſtand ſchwingt er ſich wie ein Koſal auf's Pferd. Er geht auf die Bärenjagd; vor dem Eſſen bekreuzt er ſich nicht vor den Heiligenbildern und nach dem⸗ ſelben wäſcht er nicht ſeine Hände. Er hält nicht die übliche Mittagsſieſta und läßt ſich bei Tafel von polniſchen Muſi⸗ kanten aufſpielen; er genießt Speiſen, welche der Ruſſe für unrein hält; er räumt neben ſeinem Palaſte den Jeſuiten ein Gebäude ein für den Gottesdienſt nach römiſchem Ritus. Endlich die Ankunft ſeiner Braut Marinamiteinem Gefolge von 2000-Polen; der Uebermuth, mit welchem dieſe auftreten; der Umſtand, daß es nicht verborgen bleiben konnte, um wel⸗ chen Preis er ſich dieſe Marina und die polniſche Herrſchaft erkauft: Alles das ſteigerte die Gemüther zur höchſten Er⸗ bitterung; man vereinigte ſich, den„volniſchen Pfeifer“, wie ſie ihn nannten, zu ſtürzen. an einem der glänzenden Feſte, die auf die Vermählung mit der Marina folgten, als Demetrius,
begab, um friſche Luft zu ſchöpfen, erſchallt das Sturmgeläut von den zahlreichen Glockenthürmen Moskaus. Bewaffnete dringen bereits in die Höfe des Kremls. Demetrius, den man in den Palaſt hinein verfolgt, flüchtet ſich zum Fenſter hinaus auf aber indem er von einem Balken zum andern ſpringen will, ſtürzt er 100 Fuß tief hinab, wo ihn aufgeſtellte Strelitzen durch Beſprengen mit Waſſer wieder ins Leben rufen, und anfangs gegen das andringende Volk vertheidigen wollen, bis ſie ihn den herzutretenden Bojaren, die unter Drohungen ſeine Auslieferung fordern, übergeben.
bei ſeiner Ausſage, er ſei der Sohn Iwan's, und beruft ſich
auf das Zeugniß ſeiner angeblichen Mutter, der Czarin
Maxfa. Aber dieſe läßt ſagen, ſie ſei durch Drohungen zu der fälſchlichen Erklärung gezwungen worden; ihr Sohn, der
der die Nacht über wie ge⸗ wöhnlich getanzt und geſchmaußt hatte, ſich in den Hof hinab
Königs den fra des ung ügeſer nringen mer, we wen He waben. „Ihr ſ wärts welche VW Rer ſo gr allein vollzi des un
Am 17. Mai Morgens 4 Uhr,
ein für die Feſtillumination beſtimmtes Gerüſt,
Demetrius beharrt


