Jahrgang 
31-52 (1863)
Seite
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der Herr Magiſter Rogge, meine alte, treue Haus⸗ ehre!

Der Rittmeiſter machte ein etwas unmuthiges Geſicht auf den Magiſter, als er ſich kalt gegen ihn verbeugte; der Magiſter erwiderte dieſen Gruß nicht einmal, obgleich er ihn ſteif anſtarrte. Auch Vetter Carl ſtutzte ſichtlich.

Herr Rittmeiſter flüſterte der Candidat in augenſcheinlicher Gemüthsbewegung, während ſeine Blicke das Antlitz des Gaſtes nicht verließen.

Alle fünfmalhunderttauſend Teufel, Herr! ſagte Vetter Carl, den Hauslehrer ebenſo angaffend;ſind Sie nicht? Aber, alter Emil, kann's denn mög⸗ lich ſein?

Wenn Sie mich in Ihrer hohen Stellung nicht vergeſſen haben

Menſch, Emil! biſt Du's denn? Und Haus⸗ lehrer biſt Du geworden?

Ja, ich bin der Candidat der Theologie und Magiſter Emil Rogge, ſcotterte der Candidat ver⸗ legen.

Statt der Antwort warf ſich Vetter Carl mit einer Wärme, die den alten Herrn in Erſtaunen ſetzte, an den Hals des Candidaten.

Lieber, guter Junge! rief er dabei ganz glück⸗ Mein alter, lieber Schulfreund!

Der Candidat umarmte den Rittmeiſter ebenfalls,

aber er blieb doch noch immer verlegen.

Wenn ich geahnt hätte, daß der Herr Rittmeiſter der Vetter Carl wären ſtotterte er.

Menſch, biſt Du denn toll? rief der Vetter. Was willſt Du denn mit Deinem Herrn Rittmeiſter? Biſt Du denn nicht Emil Rogge? weißt Du denn nicht mehr, wie Du in Tertia auf dem er Gym

ſelig.

naſium Primus warſt und ich Dein Cuſtos? Weißt Du denn nicht mehr, wie wir dem alten Profeſſor Bönecke immer zuſammen Streiche geſpielt haben? Beſinnſt Du Dich nicht mehr, wie wir ihm eines Abends die große Tintenflaſche an den Fenſterladen

feſtmachten und

Er die ganze ſchwarze Sauce über ſeine weiße Weſte bekam, als er die Laden zumachte? ergänzte

der Candidat, ſo lebendig, wie man ihn im Rauten kranz'ſchen Hauſe noch nie geſehen hatte.

Und dann der jüdiſche Doctor Hirſch? fragt der Rittmeiſter glückſelig.

Ach ja, wie wir ihn hinaustrommelten!

Die Herren kennen ſich alſo ſchon? fragte de alte Herr von Rautenkranz verwundert.

Ob wir uns kennen, Vetter? wir waren ja Lei und Seele auf dem Gymnaſium zuſammen. Menſch, wie konnteſt Du Hauslehrer werden?

Novellen⸗Zeitung.

Aber,

Ja, lieber Carl, die Verhältniſſe laauö Deſto beſſer, ſagte der alte Hauptmann.Hört 45 einmal, Vetter, ich kann ihm das Zeugniß geben, daß u, er mein beſter Hauslehrer iſt. be So⸗weit war man gerade gekommen, als die(8 Thür wieder eüs aufgeriſſen wurde und Laura mit.

z. iol glühenden Wällgen in das Zimmer ſturzte. Sie ſchien 1n

mit dem beſten Willen, ſich ſofort in die Arme des ude Vetters Carl zu werfen, gekommen zu ſein, als ſie Wich ihm aber dicht gegenüber war und ſein Auge ſich auf n ſie beftete, blieb ſie plötzlich, wie an den Boden ge⸗* feſſelt, ſtehen und mußte den Blick zu Boden ſchlagen. War es die Veränderung, die in den drei Jahren p der Trennung mit ihm oder mit ihr vorgegangen war, h

die Laura bei dem erſehnten Wiederſehn ſo verlegen machte?

Vetter Carl betrachtete das liebliche Mädchen, ſh ind verlaſſen hatte und als Jungfrau atleine Weile mit offenbarer Bewun⸗ i trat er raſch auf ſie zu, faßte ſie traulichkeit eines nahen Verwandten um

ſchlar aille, küßte ſie auf die Stirn und be⸗ grüßte ſte mit den heiteren Worten:

Wie groß und hübſch meine liebe Couſine Laura geworden iſt! Haben Sie denn auch den Vetter Carl nicht vergeſſen?(Fortſetzung folgt.)

uhe Literariſche Briefe von Otto Banck. t

mit

Epiſche Dichtungen. mue ſtedt. Berlin, Verlag der ſin

Oberhofbuchdruckerei. Sie werden ſchon Gelegenheit zu der Beobachtung

gehabt haben, daß für unſere gegenwärtige Literatur eigentlich die Zeit des Epos vorüber iſt. Es vermochte kein neuerer Dichter, ſei er noch ſo talentvoll, für epiſche Productionen ſich eine der Sache entſprechende momentane Anerkennung zu erobern; dennoch hat ſich das moderne Publicum dem Stoff der epiſchen ⸗Poeſien keineswegs ab⸗, ſondern im Gegentheil ganz und gar zugewandt, denn der Roman dieſes in e Proſa aufgelöſte Epos beherrſcht den Geſchmack

der heutigen Leſerwelt durchaus. Man will das un⸗

geheuer reichhaltige Material unſerer Lebensfragen, r welches ſich zu dichteriſcher Behandlung darbietet, in

der freiſten Form vorgetragen wiſſen, damit man es b um ſo raſcher und leichter genießen kann, denn eben ſo wie der Verfaſſer eines Proſaepos, eines Romana

1.:.; Wi oder einer Novelle, zu ſeiner Arbeit weniger Zeit ge⸗ h Ach

Von Friedr. Boden⸗ geheimen Decker'ſchen wel wer hai ſſeit det wor

dha ſe