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führte; dafür aber verſtand ſie, den Pferden Heu in die Raufe zu werfen, auf ihnen über die Weiden zu jagen, wenn ſie ohne Sattel und Zaum waren, die kleine Gondel auf dem See im Park zu rudern und ſolche halsbrecheriſche Kunſtſtückchen mehr. Das be⸗ kam ihrer Geſundheit nun vortrefflich, und der alte Herr freute ſich täglich mehr über ihre friſchen rothen Wangen und leuchtenden blauen Augen.
Erſt als die beiden Junker in das Alter kamen, in dem ſie nothwendig Unterricht erhalten mußten, begannen auch für Laura ernſtere Studien. Herr von Rautenkranz machte kurzen Proceß; er ließ in die Zeitung einſetzen:„Auf einem Rittergute in der Pro⸗ vinz wird ſofort ein Hauslehrer für zwei adelige Kna⸗ ben im Alter von ſieben und acht Jahren geſucht, Honorar ſehr gut.“
Auf dieſe ſehr allgemein gehaltene Offerte hin meldeten ſich wenigſtens fünfzig Bewerber, von denen Jeder ſeine Befähigung als Hauslehrer in das beſte
Licht zu ſtellen verſuchte. Herr von Rautenkranz nahm einfach ſeinen Calabreſerhut, den er auf dem Felde zu tragen pflegte, ſtopfte die fünfzig Briefe hinein und ſagte dann zu Laura:„Zieh' einen von den Wi⸗ ſchen heraus, Mädchen.“ Der Ausgelooſte wurde dann Hauslehrer; es war nicht unſer Candidat, ſondern ein alter dicker Herr, der den ganzen Tag über Kaffee trank und einen ſehr ſchlechten Tabak rauchte, bis ſich ſelbſt Herr von Rautenkranz nach Ablauf von zwei Jahren überzeugen mußte, daß die Kinder bei dem würdigen Präceptor, der ſie ganz nach Luſt und Laune arbeiten ließ, auch nicht das Mindeſte gelernt hätten. Nun kam ein zweiter Magiſter an die Reihe, der nach anderthalb Jahren wieder weichen mußte, da es an Tageslicht kam, daß er mit der ganzen weiblichen Dienerſchaft, von dem Stubenmädchen bis zur Kuhmagd herunter, zarte Verhältniſſe angeknüpft habe, und an ſeine Stelle trat darauf unſer Candidat Emil Rogge, ein ebenſo beſcheidener als eifriger, nur etwas gar zu pedantiſcher Mann. Aber Herr von Rautenkranz, durch Erfahrung gewitzt, erkannte doch ſeinen Werth an und hatte ihm mehr Vollmacht ein⸗ geräumt als den bisherigen Präceptoren. Was ſeine Jungen anbetraf, ſo hielt der alte Herr eine ſtrenge Erziehung für ſie ganz anwendbar, und bei Laura begann er doch am Ende einzuſehen, daß ſie etwas ſchärfer i den Zügel genommen werden müſſe. Als der Candidat daher an dieſem Abende bei dem Hausherrn eintrat und ihm Mittheilung von ſeiner Strafanordnung machte, erwiderte Herr von Rautenkranz ſofort, daß er das Verfahren des Leh⸗ rers in jedem Falle billige; dennoch konnte er ſich nicht enthalten zu fragen:
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Zeitung.
„Was hat denn die Blitzkröte, die Lore, aber eigentlich verbrochen?“
Der Magiſter berichtete in einem Tone, aus dem ſich ſeine tiefe moraliſche Empörung nicht verkennen ließ; als er aber an die Ueberſetzung mit dem„lieben Vetter Carl, Huſarenrittmeiſter“ kam, mußte der alte Herr, er zählte etwas über ſechszig Jahre, ſah aber troß ſeines grauen Haares und Schnurrbartes noch ſo rüſtig wie ein Dreißiger aus, die Pfeife aus dem V Muunde nehmen und herzlich lachen.
„Daran erkenne ich mein der!“ rief er fröhlich und ſchlu Hand auf den breiten Oberſche„ die Huſaren habe ich auch immer in mei geſchwärmt, hatte damals leider kein Vermöge 1 mußte bei der Infanterie dienen. Ja, ja, es iſt ein Hauptmädel, die Lore!“ 4
„Aber, wertheſter Herr Hauptmann—“ ſtotterte der Candidat verlegen.
Der Alte war nämlich Premierlieutenant geweſen und als Capitain verabſchiedet worden; man wußte allgemein, daß er nicht wenig ſtolz auf dieſen Ti⸗ tel war.
„Nun, was wollen Sie, Freundchen?“
„Ich wollte nur bemerken, daß ich Fräulein Laura doch nicht Unrecht gethan zu haben glaube, wenn ich—“
„Wenn Sie das Mädchen eingeſperrt haben?— Nein, au contraire, im Gegentheil! ſie verdient's. Sie kann an die Huſaren denken, ſo oft ſie will, aber nicht in ihren Lehrſtunden. Mir wär's am lieb⸗ ſten, wenn ſie einmal einen Huſarenlieutenant heira⸗ then ſollte. A propos, haben Sie den niedlichen klei⸗ nen Satan ſchon reiten ſehn, Herr Magiſter?“
„Sehr wohl, Herr Hauptmann. Es wollte mich nur bedünken, als ob das wilde Reiten—“
„Ja, ja, ſie reitet wie ein Koſak!“ ſchob der Alte mit ſtrahlendem Geſichte ein.
„Für eine junge Dame, die erſt vor einem Vier⸗ teljahre eingeſegnet worden—“ fuhr der Candidat ängſtlich fort.
„He?“
„Und dann die kleine Schwärmerei für die Hu⸗ ſarenofficiere—“
„Hm, Sie meinen den Vetter Carl, Freundchen?“
„Sehr wohl, Herr Hauptmann, ja, iich wollte ſagen: vielleicht nicht ganz— hm, ich meinte eigent⸗ lich: nicht ganz paſſend wären..
aund Blut wie⸗ ich mit der flachen &*.
je länger der Candidat ſprach; er nahm ſwieder die Pfeife aus dem Munde, blickte ihn eine W eile finſte
an und fuhr dann heraus: 7
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Die Stirn des Alten war ſehr kraus geworden,
in R. letztge hen,
Magi
daran
was
hoffe
n.
Ca Kil auc abe
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