Jahrgang 
31-52 (1863)
Seite
628
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Plötzlich brach der Magiſter aber ab und blickte das Fräulein mit einem wahrhaft vernichtenden Blicke an.

Was ſoll denn das aber heißen, Fräulein Laura? rief er aufgebracht und las weiter:Mein lieber Vetter Carl und dann nochmalsMein lieber Couſin Carl, Huſarenrittmeiſter und dann wiederMein

Die Jungen hatten die Federn wieder ruhen laſſen und lachten jetzt laut auf, das Fräulein war ein wenig zuſammengeſchrocken, ſie ſchämte ſich jedenfalls ihrer Zerſtreuung, denn das Blut ſtieg ihr in die Wangen, plötzlich aber flammte die Röthe in ihrem Antlitze hoch auf, und mit den heftig heraus⸗ geſtoßenen Worten:Ach, das iſt unbeſcheiden von Ihnen, Herr Candidat! nahm ſie dem Letzteren das Heft aus der Hand, riß die letzte Seite heraus und in hundert kleine Stücke und warf dieſe dann aus dem Fenſter in den Garten hinab.

Aber Fräulein Laura! was erlauben Sie ſich? der Magiſter, von ſeinem Stuhle aufſpringend, wurde noch blaſſer als zuvor.

Auch Laurachen war ſchnell wieder erbleicht; man ſah ihrem Geſichte wohl an, daß Zorn und Trotz in ihr kämpften, aber ſie ſchien doch zu fühlen, daß ſie zu weit gegangen ſei; ſie zitterte leiſe an allen Glie dern.

Der Magiſter mußte ſehr böſe ſein, denn als ob es ihm an Worten fehle, um dem übermüthigen jun⸗ gen Mädchen zu begegnen, wandte er ſich an ihre beiden Brüder und fuhr ſie heftig wegen ihres La⸗ chens an.

EinenStunde ſollen Sie nacharbeiten, eiferte er,nein, zwei Stunden! O, ich muß mich ſchlag⸗

rief und

rührend mit Ihnen herumärgern! Aber warten Sie, und Sie, Fräulein Laura! nein, es iſt zu arg, Ich werde es Ihrem Herrn Papa ſagen,

ja, ganz gewiß, das werde ich thun!

Was geht Sie auch mein Vetter Carl an, Herr Candidat? fragte das Fräulein, zwiſchen Trotz und Beſchämung getheilt.

Herr Magiſter, wenn ich bitten darf.

Ja, Herr Magiſter, ich dachte gerade an ihn und hatte mich blos verſchrieben.

Sie ſollen, Sie dürfen ſich aber nicht in meinen Lehrſtunden verſchreiben! Und dann haben Sie mir das Heft gewaltſam aus der Hand geriſſen! So begegnet man nicht einem Lehrer, dem man Ach⸗ tung ſchuldet! Es thut mir leid, Fräulein Laura, in Ihrem reifen Alter beſonders

Ich bin erſt ſechszehn Jahre alt, Herr Magiſter,

Novellen⸗Jeitung.

unterbrach ihn Laura trotzig, während ihr ſchon die Thränen in den Augen ſtanden.

Sie werden ebenfalls zwei Stunden mit Ihren- Brüdern nacharbeiten, ich werde es bei Ihrem Herrn Papa verantworten. Ich gehe jetzt ſofort zu ihm. Es muß einmal Strenge eintreten! Sie alle drei überſetzen jetzt dieſe drei Seiten, ich verſichere Sie, ich laſſe Sie nicht eher zum Thee gehn, bevor dieſe drei Seiten überſetzt ſind. Warten Sie nur, ich werde Sie einſchließen!

Der Magiſter nahm ſeinen Strohhut mit ſchwar⸗ zem Bande und ſtürzte wüthend aus dem Zimmer; er drehte von außen den Schlüſſel um und zog ihn ab. Die beiden Jungen waren ganz verdutzt, Laura⸗ chen ließ ſich auf ihren Stuhl nieder und begann bitterlich zu weinen und zu ſchluchzen.

Siehſt Du, Lore, daran biſt Du wieder ſchuld, ſagte einer der dicken Jungen vorwurfsvoll.

Paß auf, das vergeſſe ich Dir nicht, Mädchen, brummte der Andere giftig und machte ihr eine Fauſt.

Aber, mein Gott, ich kann doch dafür nicht.

Wohl kannſt Du dafür, und Du ſollſt es uns ſchon büßen. Wenn wir Dich wieder auf dem Teiche im Garten rudern, werfen wir Dich um.*

Ach, von morgen an wird mich Couſin Carl rudern. Warum ſeid Ihr mir denn nun wieder böſe? Was habe ich gethan? Wenn der alte Candidat nur nicht geweſen wäre O Du mein Himuel, ich bin ſehr unglücklich! Selbſt meine Brüder verlaſſen mich! 8

Laura legte das Köpfchen auf den Tiſch und weinte noch jämmerlicher.

Laura! ſei vernünftig, es läßt ſich nun einmal nicht ändern; er läßt uns doch nicht eher los, als bis wir die drei Seiten überſetzt haben. Es iſt aber doch dumm, daß wir nicht in den Park hinaus kön⸗ nen, bei dem ſchönen Wetterl

Nun, ſeid Ihr denn dem Couſin Carl nicht gut?*

Gewiß ſind wir ihm gut; als er vor Jahren zum letzten Male hier war er war damals noch Lieutenant ritt er immer mit mir ſpazieren, und wenn ich damals noch nicht recht feſt ſaß, ſagte er immer:Feſt im Sattel, Bengel! ſieh dem Gaul ſteif und feſt zwiſchen die Ohren! Und wenn Du'runter⸗ fällſt und das Genick brichſt, ſchad't's nichts, ge⸗ brochen muß's doch'mal werden! Ach, er war immer ſo gut und freundlich!

kleinere Junker mit ſtrahlenden Augen.

und mir gab er immer Bonbons, ſagte der

Und mich hat er immer ſo herzlich geküßt,

ſeufzte ein bl.