Jahrgang 
31-52 (1863)
Seite
627
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d? cke

bſtverlag⸗

Vierte Folge.

Novellen-Zeitung.

Militäriſche Erziehungsreſultate.

Novelle von

Stanislaus Graf Grabowski.

Fräulein Laura, wollen Sie nicht die große Güte haben, die Lectüre vollſtändig zu überſetzen? fragte der Candidat der Theologie, Herr Emil Rogge, ſeine ſechszehnjährige Schülerin.Verzeihen Sie mir,

nber Sie blicken nun ſchon eine volle Viertelſtunde us dem Fenſter, ohne einen einzigen Federſtrich ge⸗

hau zu haben.

Der Candidat war ein langer und ſchmächtiger unger Mann mit ſehr blaſſem Geſichte, weißer Cra⸗ uutte und hohen Vatermördern; er trug immer einen ſchwarzen, etwas fadenſcheinigen Frack und eben ſolche

nur um ſo deutlicher hervortreten ließ.

Das wirklich allerliebſte, rothwangige Mädchen

Sblickte etwas verdrießlich auf ihn, im nächſten Mo⸗ mente aber ſchon flog ein ſchalkhaftes Lächeln über iihr Antlitz. Wiſſen Sie, Herr Candidat Magiſter, wenn ich bitten darf.

Ach ja, Herr Magiſter, wiſſen Sie, an was ich m der ganzen Viertelſtunde gedacht habe? Das kann ich allerdings nicht wiſſen, aber ich in überzeugt, daß Sie nicht an Ihre Ueberſetzung dachten. 3

Nein, wahrhaftig nicht, man kann nicht im⸗

ner ſeine Gedanken in der Gewalt haben. Ich will Ihnen aber ſagen: ich dachte daran, ob ich den Petter, der morgen kommen ſoll, mit Monsieur le Ca- oitaine oder Mon cher cousin anreden müßte. 1Ach der Vetter Carl, der Vetter Carl! riefen die beiden Brüder des Fräuleins, die mit ihr den nterricht des Hauslehrers theilten und im Alter von

dreizehn und zwölf Jahren ſtanden.

Beinkleider, was den pedantiſchen Ausdruck, der auf iinem Geſichte und in ſeiner ganzen Haltung lag,

Das wird ein Leben werden, wenn der erſt hier iſt! Dabei ſahen ſich die dicken Jungen kreuzvergnügt

an und legten, wie auf Commando, die Federn bei

Seite.

Fräulein Laura, meinte der Candidat ſehr ernſt;ich muß tadelnd bemerken, daß Ihr Herr Vetter nichts mit unſerer Stunde zu thun hat und daß Sie, wenn Sie ſelbſt nicht das Bedürfniß füh⸗ len, die mancherlei kleinen Lücken in Ihrem Wiſſen durch Fleiß auszufüllen, wenigſtens vermeiden ſollten, Ihren jüngeren Brüdern ein keineswegs nachahmungs⸗ würdiges Beiſpiel zu geben. Was Ihren Herrn Vet⸗ ter übrigens anbetrifft, ſo iſt er meines Wiſſens Hu⸗ ſarenrittmeiſter und noch einmal ſo alt an Jahren als Sie, ich würde Ihnen daher den unmaßgeb⸗ lichen Rath ertheilen, ihn Monsieur le Capitaine zu nennen.

Aber er iſt ja mein Vetter, und wenn ich ihn lieb habe, kann ich ihn doch auch meinen lieben Vet⸗ ter nennen! rief das Fräulein, hell auflachend.

Wie Sie wünſchen, fragen Sin Nhen Herrn Papa danach; jetzt wollen wir uns an unſere Lehr⸗ ſtunde halten. Ich erſuche die beiden Junker ernſt

lichſt, ihre Federn wieder zur Hand zu nehmen, ſonſt werden ſie eine Stunde nacharbeiten müſſen. Wollen

Sie die Güte haben, Fräulein, mir einmal Ihre Ar⸗

beit zu reichen?

Sie iſt noch nicht fertig, Herr Magiſter.

Ich ſehe es von hier aus, Sie haben kaum zwanzig Zeilen geſchrieben. Bitte darum.

Das Fräulein ſchob ihm ihr Heft etwas unwirſch zu, dann ſtützte ſie ihr blondes Lockenköpfchen auf 8 und ſchien wieder an etwas ganz Anderes zu denken; die beiden Jungen ließen die Federn emſig über das Papier laufen. Der Magiſter las langſam und halb⸗ laut: 8! Telemach war ein Sohn des Ulyſſes, Königs von Ithaka, und der Penelope. Er war noch ein Kind, zals ſein Vater in den trojaniſchen Krieg ging. Einſt fiel er in das Meer, wurde aber ꝛc.