Jahrgang 
31-52 (1863)
Seite
620
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Seit einiger Zeit hat dieſelbe ihr Augenmerk auch auf die Bewohner des ſüßen und des Meerwaſſers, die bisher ſelbſt den Naturforſchern nur höchſt oberflächlich bekannt waren, gerichtet und, um eine genaue Beobachtung derſelben möglich zu machen, in dem Acclimatiſations⸗Garten ein großartiges Aquarium errichtet, das der Wiſſenſchaft große Dienſte zu leiſten berufen zu ſein ſcheint. Daß aber das Aquarium, das anfangs nur eine Spielerei war und als Zimmerzierde benutzt wurde, jetzt in den Dienſt der Wiſſenſchaft übergegangen iſt, bietet für die Behauptung, daß die Menſchheit für den ver⸗ nünftigen, geſetzlichen Fortſchritt erſchaffen worden iſt, einen ſo ſchlagenden Beweis dar, daß ſchon aus dieſem Grunde ein geſchichtlicher Nachweis über die Entſtehung und Ausbildung der Aquarien und über die Stellung, welche dieſelben jetzt einnehmen, unſern Leſern willkommen ſein wird. Wir ent⸗ nehmen die folgenden Mittheilungen der Rede, welche der Director des Acclimatiſations⸗Gartens, Doctor Rufz de Lavi⸗ ſon, in der letzten öffentlichen Sitzung der Société d' accli- matation in Paris gehalten hat, und deren Zweck war, ſeine Zuhörer über das Aquarium zu belehren.

Das Aquarium iſt eine Schöpfung unſres Jahrhunderts, ein Erzeugniß der Wiſſenſchaft unſrer Zeit. Allerdings er⸗ richteten reiche Römer zur Zeit, als Rom ſich bereits ſeinem Verfall näherte, in der Nähe des Meeres große Fiſchbehälter, um bei ihren luculliſchen Gaſtmählern ihren Gäſten friſche Seefiſche jeder Art vorſetzen zu können, doch dieſe Fiſchbe⸗ hälter dienten nur der Prachtliebe und dem Gaumen, nicht aber der Wiſſenſchaft, denn die Eigenthümlichkeiten und Sit⸗ ten dieſer Seethiere konnten in dieſen Behältern nicht be⸗ obachtet werden. Um die Lebensweiſe dieſer Geſchöpfe zu beobachten, mußten ſie nicht in einem See, ſondern in einem gläſernen Pocal ſein, wo man dafür Sorge zu tragen hatte, daß das Waſſer, das durch das Athmen und den Aufenthalt der Thiere ſchnell verdirbt, beſtändig erneuert wird.

Das that in der neuern Zeit ein reicher ſchottiſcher Baronet, Sir John Graham Dalyell, welcher von 1790 bis 1850 in ſeinem Hauſe in Edinburg mit großen Koſten eine ganze Menagerie lebender Seefiſche unterhielt, die er ſeinen Freunden und den Perſonen, die ihn beſuchten, als einen Luxusgegenſtand ganz neuer Art zeigte.

In Edinburg hatte aber Sir John Dalyell das See⸗ waſſer ſehr nahe, und er konnte ſich dasſelbe mit geringen Transportkoſten verſchaffen. Dieſer Vortheil kam den Pari⸗ ſer Naturforſchern nicht zu Gute, die ſich vorgenommen hatten, die Sitten und Metamorphoſen der Seethiere zu ſtudiren. Als Herr de Quatrefages ſein ſchönes Werk: Souvenirs d'un naturaliste ſchreiben wollte, war er genö⸗ thigt, ſich mit einem großen Apparat von Netzen, Pocalen und Mikroſkopen nach der Bretagne zu begeben, um dort die Seethiere in ihrem eignen Element zu ſtudiren.

Erſt gegen das Jahr 1840 kam man auf die Idee Aquarien anzulegen. Vor allen Dingen war es nothwen⸗ dig, ein Verfahren aufzufinden, das Seewaſſer lange Zeit benutzen zu können, während Fiſche, Schalthiere und Mollus⸗ ken darin leben, ohne gezwungen zu ſein, es oft zu erneuern. Das Mittel, das man zu dieſem Zweck auffand, iſt an und für ſich ſehr merkwürdig, weil es uns die praktiſche Anwen⸗ dung einer der reinen Wiſſenſchaft entlehnten Beobachtung darbietet. Es beſteht nämlich darin, in dem Waſſerbehälter mit den Fiſchen zu gleicher Zeit Waſſerpflanzen zu unter⸗ halten.

Dieſe ſinnreiche Idee gründete ſich auf die Kenntniß einer Naturerſcheinung, welche erſt im vorigen Jahrhundert

Novellen⸗Zeitung

entdeckt worden iſt. Seit dieſer Zeit weiß man nämlich, daß das Athmen der Thiere und das der Pflanzen kraft einer Art von gegenſeitigem Austauſch, welcher zwiſchen den beiden organiſchen Thierreichen vor ſich geht, einander beinah er⸗ gänzen. Beim Athmen nehmen die Thiere den Sauerſtoff der Luft in ſich auf, den ſie in Stickſtoff umgeſtalten. Die Pflanzen im Gegentheil nehmen, wenn ſie von dem Sonnen⸗ licht beſchienen werden, beim Athemholen den Stickſtoff in ſich auf, welcher dem thieriſchen Leben ſo ſchädlich iſt, und ſie ath⸗ men Sauerſtoff aus, der den Thieren beim Athemholen un⸗ entbehrlich iſt. So reinigen die Pflanzen die durch das Athmen der Thiere verdorbene Luft. Dieſe Naturerſcheinung geht im Waſſer eben ſo gut vor ſich wie in der freien Luft; ja ſie iſt ſogar im Waſſer unter dem Einfluſſe des Sonnen⸗ lichts noch viel thätiger als in der freien Luft. Dieſer merk⸗ würdige Antagonismus wurde gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts durch die Arbeiten eines Prieſtley, Inghenous, Sennebier und Theodor de Sauſſure herausgeſtellt und im Jahr 1833 durch die Arbeiten Daubeny's beſtätigt, welcher bewies, daß die Blätter der Waſſerpflanzen unter dem Ein⸗ fluſſe des Lichts den Stickſtoff mit einer außerordentlichen Thätigkeit zerſetzen.

Dieſes bewundernswerthe natürliche Gleichgewicht zwi⸗ ſchen den Erzeugniſſen des thieriſchen und denen des vegeta⸗ biliſchen Lebens war demnach ſchon lange bekannt; es war aber bis in die neuere Zeit noch Niemandem eingefallen, das⸗ ſelbe für die Reinigung der Gewäſſer anzuwenden, die zum Aufenthalt von Seethieren beſtimmt ſind. Dieſes Mittel iſt in dieſem beſonderen Falle um ſo werthvoller, weil die in dem Waſſer befindliche Luftmenge ſehr beſchränkt iſt, ſo daß die künſtliche Luftreinigung nur ein ungenügendes Mittel für die Erneuerung der in dieſem Element enthaltenen verdor⸗ benen Luft dargeboten hätte.

Ein frauzöſiſcher Naturforſcher kam zuerſt auf die Idee, ſich der Waſſerpflanzen zur Reinigung der Luft in dem Waſ⸗ ſer, worin Seethiere ſich befanden, zu bedienen. Nach den Angaben des Herrn de Quatrefages machte Dujardin, Profeſſor an der Facultät der Wiſſenſchaften in Toulouſe, gegen das Jahr 1838 von dieſem ſinnreichen Mittel zum erſtenmal Gebrauch. Er unterhielt die Reinheit des Waſſers, worin er Seethiere leben ließ, indem er in die Gefäße, welche das Waſſer enthielten, einige Blätter der ulva lactuca ſetzte. Du⸗ jardin verſetzte ſein Seemuſeum ſpäter nach Rennes; in einem ſeiner Gefäße beobachtete und verfolgte er die Entwicklung der Meduſen.

Gegen das Jahr 1841 machten zwei engliſche Natur⸗ forſcher, die Doctoren Ward und Johnſton, ähnliche Verſuche. Ward ließ in Gefäßen, die mit ſüßem Waſſer gefüllt waren, Fiſche und Pflanzen Doraden und Vallisneria leben. Johnſton überzeugte ſich, daß die Coralline Corallen⸗ moos wirklich dem Pflanzenreich angehört.

Gegen 1846 veröffentlichte Tyyme und im Jahr 1850 Warrington den Erfolg von Verſuchen, die ſie veranſtaltet hatten, um lange Zeit Fiſche und Pflanzen es waren Cypris und Vallisneria in ſüßem, nicht erneuertem Waſſer leben zu laſſen. Goſſe und Bowerbanks wiederholten den⸗ ſelben Verſuch mit Erfolg.

Das Geheimniß, während langer Zeit Seethiere in dem⸗ ſelben Waſſer leben zu laſſen, war alſo gefunden, weil man das Mittel entdeckt hatte, das Athemholen der Thiere, die im Waſſer leben, zu ſichern. Die Theorie verwandelte ſich bald

in Praxis. Man begann in London nach dieſem Grundſatz kleine Zimmeraquarien zu bilden, und von dieſer Zeit an

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